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Hügelstadt Cahokia Amerikas mysteriöse Megacity

2. Teil: Mit Holzpfahl-Kreisen bestimmten sie den Lauf der Sonne, mächtige Verteidigungsanlagen sollten vor Feinden schützen - dennoch verschwanden die Mississipians spurlos

Monk's Mound ist nicht der einzige mysteriöse Hügel von Cahokia. Im Hügel Nr. 72 etwa fanden die Archäologen das Grab eines rund 45 Jahre alten Mannes. Der Leichnam lag auf einem Bett aus 20.000 Muschelperlen, die in der Form eines Falken ausgelegt waren. Sein Kopf ruhte auf dem des Raubvogels, die Arme auf den Flügeln, die Beine auf Schwanz und Krallen. "Vogelmann" ist ein beliebtes Motiv in der Kunst der Mississippians.

Und der Tote war nicht allein. In unmittelbarer Nähe entdeckten die Ausgräber vier weitere Männer – alle ohne Kopf und Hände. In einer weiteren Grube lagen noch mehr Leichen. "Wir haben nicht bei allen das Geschlecht herausfinden können", sagt Iseminger. "Aber die, die wir bestimmen konnten, waren weiblich. Junge Frauen, alle im Alter zwischen 15 und 25 Jahren." Auch sie starben keines natürlichen Todes, sie wurden erwürgt.

Insgesamt vergruben die Mississippians im Hügel Nr. 72 rund 280 Leichen. "Es ist wahrscheinlich, dass sie alle zum selben Zeitpunkt starben", sagt Iseminger. Mit anderen Worten: Sie wurde geopfert. Gibt es vielleicht eine Parallele zwischen den Mississippians und den Azteken, die zur selben Zeit viele Tausend Kilometer weiter südlich gerade begannen, den Göttern Menschenopfer darzubringen? "Das ist möglich", meint Iseminger. "Die Azteken hatten auch eine sehr ähnliche Sozialstruktur."

Astronomie im Holzpfahl-Kreis

Wie die Mississippians ihre Götter nannten, ist genau so unbekannt wie ihre Herkunft. Sicher ist nur, dass sie sich auf Astronomie verstanden. Westlich des Monk's Mound stand eine kreisförmige Anordnung von großen, aufrechten Zedernstämmen. Archäologen nennen sie Woodhenge, in Anspielung auf den berühmten Steinkreis von Stonehenge in England. Mit den Holzpfählen konnten die Astronomen von Cahokia nachweislich die Sonnenwenden und Äquinoktien bestimmen. Das Woodhenge vom Monk's Mound war um das Jahr 1000 das erste, das gebaut wurde - aber die Astronomen von Cahokia waren so versiert in dieser Kunst, dass sie noch mindestens fünf weitere Woodhenges über das gesamte Stadtgebiet verteilten.

Dann kam die Wende für die blühende Stadt. Die Ernährung von 20.000 oder mehr Menschen war ein erhebliches logistisches und umwelttechnisches Problem. Irgendwann im 13. Jahrhundert gingen die Wildbestände zurück, die Böden waren ausgelaugt aus, Wälder quasi nicht mehr vorhanden. Hinzu kam ein subtiler Klimawandel, eine kleine Eiszeit. Das Frühjahr kam später, der Herbst früher, die fruchtbaren Tage des Jahres wurde immer weniger. Auf die früher so berechenbaren Regenzeiten war kein Verlass mehr. Immer wieder kamen Seuchen, die sich wegen der fehlenden Kanalisation wie ein Luffeuer unter den Städtern ausbreiten konnten. "Die Stadt erstickte unter ihrem eigenen Gewicht", sagt Iseminger.

Verteidigungsanlagen, aber keine Spur von Krieg

Die Feinde der Mississipians sahen ihre Stunde offenbar gekommen. Zwischen 1150 und 1250 mussten die Bewohner von Cahokia zum ersten Mal Verteidigungsanlagen errichten. Sie zogen einen 2800 Meter langen Holzzaun um die Innenstadt, komplett mit Wachttürmen in regelmäßigen Abständen. Dafür fällten sie 20.000 Bäume und beschleunigten so die Bodenerosion im Umland. Der Zaun ist allerdings die einzige archäologische Spur kriegerischer Auseinandersetzungen: keine fremden Pfeilspitzen, keine Brandschicht, keine zerstörten Häuser. Die mutmaßlichen Angreifer bleiben ebenso mysteriös wie die Verteidiger.

Um das Jahr 1400 strich durch Cahokia nur noch der Wind. Zurück blieben nicht einmal Legenden. Wer sind die Nachfahren dieser Hochkultur? Vielleicht die Cherokee? Die Osage? Die Shawnee? Kein heutiger Stamm beansprucht die Ruinen für sich. Keiner kennt sie in seinen Liedern und Geschichten.

Dennoch blieb Cahokia noch mehr als 300 Jahre nach dem Verschwinden der Mississipians unerreicht. 1492 landete Columbus in der Neuen Welt. Doch erst im frühen 19. Jahrhundert lebten in Nordamerika erstmals wieder 20.000 Menschen auf einem Fleck zusammen - in Philadelphia.

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