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07.05.2008
 

Flutschutz in Bangladesch

"Wir brauchen Technologie, kein Geld"

Die Verwüstungen von Zyklon "Nargis" zeigen einmal mehr, wie hilflos Südostasien den Gewalten der Natur ausgesetzt ist. Umweltschutz-Experte Ainun Nishat erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie Länder wie Bangladesch und Burma sich gegen Wirbelstürme schützen können.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Klimawandel ein bereits jetzt spürbares Phänomen in Ihrem Land?

Nishat: Aus unseren eigenen Untersuchungen wissen wir: Vieles ist bereits jetzt in Bewegung. Bangladesch etwa lebt davon, dass der Monsun zur immergleichen Zeit kommt - seit Generationen kam er in Dhaka ziemlich genau am 2. Juni und breitete sich bis Anfang Juli auf das ganze Land aus. Diese Pünktlichkeit ist dahin und für unsere Bauern stellt sich das große Problem, wann sie die Saat ausbringen. Verpassen sie den richtigen Zeitpunkt, sind die Ernteausfälle später enorm.

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Google Maps / Terrametrics

SPIEGEL ONLINE: Vor allem assoziiert man im Westen mit dem Klimawandel, dass Bangladesch in den Fluten untergeht.

Nishat: Was wir erleben, ist eine Zunahme von Tiefdruckzonen über dem Golf von Bengalen, was die sehr verwundbaren Küstenregionen bedroht. Der Wind drückt das salzhaltige Wasser immer weiter durch die Flüsse hinauf ins Inland und die Felder der Bauern. Dabei wirkt sich fatal aus, dass der Wasserdruck etwa im Ganges durch Stauwerke der Inder abnimmt und dadurch die Gezeiten sowieso schon weiter im Flussdelta nach Norden gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Stärke des Monsuns verändert?

Nishat: In der Tat wird die Region häufiger von starken Hochwassern in den Flüssen heimgesucht, die auf starke Monsunniederschläge zurückgehen. Im vergangenen Jahr brachen viele Deiche. Die Ernteausfälle beim Reis gingen in die Millionen Tonnen und auch für dieses Jahr rechnen wir wieder mit einer starken Flut auf dem Höhepunkt der Monsunzeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich die Länder in der Region schützen?

Nishat: Das fragte mich der demokratische US-Senator John Kerry im letzten Dezember auf der Klimakonferenz von Bali auch. Ich sagte ihm: Wir brauchen kein Geld, was wir brauchen, ist Technologie. Die Wetterprognosen müssen besser werden, damit die Bauern sich entsprechend auf die wechselnden Regenzeiten einstellen können. In der Vergangenheit bekamen wir vom Westen vor allem Technik von vorgestern, quasi als Almosen.

SPIEGEL ONLINE: Und gegen die Flut?

Nishat: Wir brauchen Know-how, die Deiche auszubauen. Was viele nicht wissen: Die drei riesigen Ströme, die bei uns ins Meer münden, bringen riesige Mengen an Sediment mit, das man nutzen könnte, neues Land zu gewinnen. Das muss mit Poldern geschützt und urbar gemacht werden. Wir haben fähige Ingenieure und viele Arbeitskräfte, die das Schutzprojekt anpacken können. Wir brauchen indes politische Stabilität, damit die vorhandenen Pläne auch umgesetzt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Sehen die Menschen denn in ihrer Armut den Klimawandel überhaupt als ernstes Problem?

Nishat: Gleich bin ich zu einer TV-Diskussion zu diesem Thema eingeladen. Die Medien greifen das Thema auf. Die einfachen Menschen im Land kennen den Zusammenhang zwischen Kohlendioxid und Erwärmung der Erdatmosphäre allerdings nicht. Sie sehen gleichwohl die Veränderungen und müssen mit den Folgen leben.

SPIEGEL ONLINE: Wird der vom Menschen verursachte Klimawandel als Ungerechtigkeit empfunden?

Nishat: Das kann man wohl sagen. Der Bangladescher trägt mit 0,2 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf zum Treibhauseffekt bei, ein Amerikaner kommt auf 20 Tonnen. Was nicht passieren darf, ist, dass wir unsere Deiche drei Meter hoch bauen und der vierte Meter wird von den reichen Industriestaaten, den Verursachern, bezahlt, sondern es sollten uns die ganzen vier Meter bezahlt werden. Die Schadensbegrenzung des Klimawandels sollte eingebettet sein in eine sinnvolle Entwicklungshilfe.

Das Interview führte Gerald Traufetter


"Bollwerk gegen die Flut": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL in einer Reportage, wie sich Bangladesch gegen den Klimawandel wappnet.

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