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Ölreserven Der Alptraum der Saudis

2. Teil: "Mittelfristig stellt sich nicht die Frage, ob es förderbares Öl gibt"


Die Fördermenge wird aber nicht allein durch geologische oder technische Probleme begrenzt. Die Haupthindernisse für eine steigende Förderung sind nach Ansicht der Konzernbosse politischer und wirtschaftlicher Art. Unter dem vom Krieg zerrissenen Irak sollen riesige Ölreserven liegen, doch das Land fördert nur ein Fünftel der Menge, die Saudi-Arabien produziert. In Ländern wie Venezuela und Russland sehen sich ausländische Ölfirmen zunehmend schärferen Gesetzen gegenüber, die ihre Möglichkeiten beschränken, neue Bohranlagen einzurichten. "Mittelfristig stellt sich nicht die Frage, ob es förderbares Öl gibt", sagt Edward Morse, ein ehemaliger Ölexperte des amerikanischen Außenministeriums, "sondern wie man politische Hürden auf dem Weg zu seiner Förderung überwinden kann."

Trotzdem können auch die Optimisten nicht bestreiten, dass allmählich physikalische Grenzen drohen. Man kann Öl erst aus dem Boden pumpen, wenn man es aufgespürt hat. Der Umfang der jährlichen Neufunde ist jedoch seit den frühen sechziger Jahren beständig zurückgegangen, trotz gewaltiger Fortschritte in der Suchtechnologie. Ein Grund für die geringeren Erfolge ist offensichtlich: Die meisten der großen, leicht lokalisierbaren Felder wurden vor Jahrzehnten gefunden. Ob die im Frühjahr neu entdeckte brasilianische Lagerstätte wirklich 33 Milliarden Barrel enthält, wie erste Schätzungen lauteten, muss erst noch bestätigt werden. Es gibt zwar mehr kleinere Felder, aber sie sind schwerer zu finden, und man braucht viele davon, um die gleiche Menge Öl fördern zu können wie aus einer großen Lagerstätte.

Kleinere Felder sind auch kostenaufwendiger. Auf der Erde gibt es unzählige kleine Ölfelder ", sagt Matt Simmons, ein Investmentbanker und Ölexperte aus Houston in Texas. "Das Problem ist: Man braucht auch unzählige Bohrtürme, um an alle ranzukommen." Dieses Missverhältnis in den Kosten ist ein Grund, warum die Branche sich lieber an die großen Ölfelder hält: Noch bringen sie mehr als ein Drittel unserer täglichen Fördermenge. Weil jedoch die meisten der größten Funde schon vor Jahrzehnten gemacht wurden, nähern sich diese Lagerstätten ihrem Fördermaximum oder sind bereits im Abstieg. Dazu gehören einst überaus produktive Gebiete wie die Nordsee und Küstenregionen von Alaska.

Global gesehen fällt die Produktion in aktiv ausgebeuteten Feldern jährlich um acht Prozent. Das heißt, die Ölkonzerne müssen ständig neue Lagerstätten erschließen, nur um die momentane Fördermenge stabil zu halten. Gleichzeitig wächst die weltweite Nachfrage immer noch um anderthalb Prozent jährlich. Das bedeutet viele Millionen Barrel, die zusätzlich gefördert werden müssten - trotz kleinerer Lagerstätten, steigender Kosten und größerer politischer Hindernisse. Einige Ölkonzerne, darunter Shell und Mexikos Staatsbetrieb Pemex, haben schon eine negative Bilanz: Sie finden weniger Öl pro Jahr, als sie verkaufen.

Das Defizit wird wachsen. Laut James Mulva, dem Geschäftsführer von ConocoPhillips, müssen 2010 fast 40 Prozent der weltweiten Tagesfördermenge von Feldern kommen, die heute noch nicht erschlossen sind. 2030 soll unser gesamtes Öl aus Lagerstätten stammen, in denen jetzt noch nicht gepumpt wird. Wie der Chef von Total sieht auch Mulva die maximale tägliche Fördermenge in naher Zukunft bei 100 Millionen Barrel pro Tag stagnieren.

Die Ära des billigen Öls, so viel ist allen klar, liegt hinter uns. Der Welt stehen vermutlich raue Zeiten bevor. Schon während des arabischen Ölembargos Anfang der siebziger Jahre ließen amerikanische Entscheidungsträger Krisenpläne zur Besetzung von Ölfeldern im Nahen Osten erstellen.

Damals schreckte Washington vor militärischem Eingreifen noch zurück. Doch Saudi-Arabien und andere Opec-Mitglieder kontrollieren 75 Prozent der gesamten weltweiten Ölreserven. Dort wird das Fördermaximum deutlich später erreicht als in anderen Ölregionen. Das lässt die Macht des Nahen Ostens über die Preise steigen. Eine sinkende, ja selbst eine gleichbleibende Ölförderung bedeutet zudem: Bei wachsender Bevölkerungszahl steht für jeden Menschen anteilsmäßig weniger Benzin, Kerosin und Diesel zur Verfügung als heute. Für energieintensive Volkswirtschaften wie die der USA sind das schlechte Nachrichten, für Entwicklungsländer könnte es katastrophale Auswirkungen haben. Denn dort nutzt man das meiste Erdöl nicht fürs Auto, sondern zum Kochen und zur Bewässerung.

Dass die Welt so lange braucht, um sich dieser Entwicklung bewusst zu werden, sorgt Husseini. Sicher: Sparsamere Autos und alternative Kraftstoffe würden das Austrocknen der Ölreserven verlangsamen. Aber das werde nicht reichen. Die ölhungrigen Gesellschaften müssten endlich anfangen, ihren Bedarf zu drosseln. Eine ernsthafte Diskussion darüber, wie wir unseren energieintensiven Lebensstil ändern könnten, sagt Husseini, "steht allerdings noch nirgendwo auf der Tagesordnung".

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