Es war eine Papiermühle, die Rajesh Kumar Sethi strahlen ließ. Der Inder ist Chef des Verwaltungsrats zum "Clean Development Mechanism" (CDM) im Sekretariat der Uno-Klimarahmenkonvention in Bonn. Und weil eine Papierfabrik im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh einen energiesparenden Zellstoffkocher bauen will, um damit 34.000 Tonnen CO2 im Jahr einzusparen, hatte Sethi Mitte April allen Grund zur Freude.
Solarzellenproduktion in China: Projekte in Boom-Staaten wären auch ohne Gütesiegel verwirklicht worden
Anschließend darf der Projektentwickler seine zugewiesenen CO2-Verschmutzungsrechte auf dem internationalen Markt verkaufen - und zwar für genau so viel Treibhausgas wie durch das Klimaschutzprojekt eingespart wurde. Käufer sind Firmen in Industrieländern, die so ihre Klimaschutzverpflichtungen erreichen können, ohne selbst CO2 einsparen zu müssen.
Vorteile für Industrieländer
Das Verfahren wurde mit dem Klimaprotokoll von Kyoto eingeführt, um klimafreundliche Technik in die Entwicklungs- und Schwellenländer zu bringen. Es gibt allerdings eine höchst ungleiche Verteilung: Afrika ist kaum vertreten, gerade einmal zwei Prozent aller Projekte finden dort statt. Die meisten Vorhaben starten in boomenden Volkswirtschaften: Biomasse-Anlagen in Indonesien, Windparks in China, Wasserkraftwerke in Brasilien. Und genau das ist ein Problem, sagen die beiden US-Forscher Michael Warra und David Victor von der Stanford University.
Nach ihren Erkenntnissen wären viele der Projekte in den aufstrebenden Staaten auch ohne Unterstützung aus den Industriestaaten realisiert worden. Und das darf nicht passieren: Im Prinzip sollen nur solche Vorhaben das Uno-Siegel erhalten, die sonst nicht umgesetzt worden wären. Nur sie bringen reale CO2-Einsparungen.
Für die Entwicklungs- und Schwellenländer lohnen sich CDM-Projekte in jedem Fall, weil sie - Uno-Anerkennung vorausgesetzt - erstens Auslandsinvestitionen ankurbeln und zweitens für Extra-Einnahmen aus dem Verkauf der Verschmutzungsrechte sorgen. Auch für die Industrieländer bietet das Ganze wirtschaftliche Vorteile: Denn so lassen sich Klimaverpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll einfach umsetzen. Außerdem ist es für Firmen billiger, Emissionsgutschriften über Projekte im Ausland zu besorgen, als die eigenen Emissionen zu senken oder daheim Emissionszertifikate zu kaufen.
Bis zu zwei Drittel der Projekte ohne positive Klimawirkung
Doch längst nicht alle Projekte sind klimafreundlich: "Es sieht so aus, als würden zwischen einem und zwei Drittel der CDM-Projekte keine realen Emissionsminderungen bringen", sagt Forscher Victor. Zu einem krassen Fazit war auch ein Gutachten der US-Umweltschutzgruppe "International Rivers" gekommen. Deren Mitarbeiter hatten herausgefunden, dass drei Viertel aller registrierten CDM-Projekte zum Zeitpunkt ihrer Anerkennung bei der Uno bereits fertiggestellt waren. Ein starker Hinweis darauf, dass die Einnahmen aus dem Verkauf der CO2-Zertifikate nicht wie gefordert für die Realisierung des Projekts nötig gewesen wären. Auch in diesen Fällen gilt: Die positive Wirkung fürs Weltklima ist mehr als zweifelhaft.
Harald Fuhr, Professor für Internationale Politik an der Universität Potsdam, kennt solche Probleme: "Kritik am CDM ist oft berechtigt", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Instrument sei noch verhältnismäßig neu und habe "holprige Anfänge" hinter sich, durch die es zu "Lernkosten" komme.
An der Leipziger Strom- und Klimabörse kostet das Recht zum Ausstoß von einer Tonne CO2 derzeit gut 25 Euro. Nach Angaben von Greenpeace sind Verschmutzungsrechte aus CDM-Projekten oft für 5 bis 10 Euro zu haben. Gleichzeitig, so Greenpeace-Experte Karsten Smid im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, könnten die Firmen ihren Kunden einen CO2-Preis von 25 Euro je Tonne in Rechnung stellen - obwohl sie den gar nicht bezahlt hätten. So kalkulieren nicht alle Unternehmen, aber wer es tut, verdient gleich doppelt.
Das sei nicht das einzige Problem, fährt Smid fort. So könne zum Beispiel der Bau von neuen Kohlekraftwerken in Deutschland über den Zukauf von Verschmutzungsrechten aus CDM-Projekten im Ausland möglich gemacht werden. Doch diese Rechte könnten zum Beispiel aus dem Bau von neuen, leidlich energieeffizienten Kohlemeilern in Indien stammen. Kohlekraftwerke, um den Bau von Kohlekraftwerken zu ermöglichen - Klimaschutz klingt anders.
CDM mutiert auf diese Weise allzu oft zu einer Quersubvention auf Kosten des Weltklimas. Deutschland liegt bei den CDM-Investitionen weltweit an fünfter Stelle, Großbritannien an erster.
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Emissionshandel = Ablasshandel. 'Wenn das Geld im Beutel klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt' Genau so verlogen wie seinerzeit der Ablasshandel der kath. Kirche ist jetzt auch der Emissionshandel. Genau genommemn: [...] mehr...
Das Projekt klingt ja schonmal sehr interessant. Ist das ein ähnliches Verfahren, wie die Versuchsanlage hier irgendwo im Osten Deutschlands, von der ich vor einigen Wochen gelesen habe? mehr...
:) Sehr treffend formuliert! Schon ein Witz der Industrie erst ein paar Leckerlies geben zu müssen, damit die ein Interesse an der Reduktion ihrer Emissionen haben. mehr...
Es sind weniger die Regierungen als Al Gore, der sich kriminell verhält. Er hat das Monopl für den Handel mit Emissionen und suggeriert den Wundergläubigen, dass dieser die CO2-Werte in der Welt senken. Ja, um 6% bis 2032. Und [...] mehr...
Leider die Wähler der CDU ... Diese verlogene, scheinbare Entlastung ist doch die reinste Milchmädchenrechnung! Die Entlagerung der Atomreste wird, wenn auch erst später, das zig-fache von diesen an den Haaren herbeigezogenen [...] mehr...
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