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Milliardenmarkt Klimaschutz Wie Firmen mit dem Umweltsiegel abkassieren

2. Teil: "Hausintern haben wir eine Durchfallquote von zehn Prozent"

CDM ist eine komplizierte Angelegenheit: Antragsteller, die scharf auf das Uno-Siegel sind, müssen nicht nur die Diplomaten dort überzeugen, sondern brauchen auch ein Prüfsiegel einer neutralen Organisation. Die Hälfte solcher Aufträge landet bei der norwegischen Firma Det Norske Veritas (DNV), immerhin ein Drittel beim TÜV Süd in Deutschland.

Dort sind rund 100 Mitarbeiter an den Prüfungen für Projekte in aller Welt beschäftigt, wie Abteilungsleiter Werner Betzenbichler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt. Bei insgesamt 1000 Projekten hätten die TÜV-Experten mit der Prüfung begonnen, 250 bis 300 Verfahren seien abgeschlossen: "Hausintern haben wir eine Durchfallquote von zehn Prozent."

Die TÜV-Experten lassen sich unter anderem Belege zeigen, warum das Vorhaben nur mit zusätzlicher Förderung lukrativ wäre. "Wenn unplausible Angaben dabei sind, fällt ein Projekt schon mal durch", sagt Betzenbichler. 20 bis 30 Bearbeitungstage nehmen sich die TÜV-Mitarbeiter im Schnitt Zeit für eine Begutachtung. Sie fahnden auch in Firmenunterlagen, ob das Projekt von Anfang an auf eine Beteiligung am CDM ausgelegt war - oder nachträglich einen grünen Anstrich verpasst bekam, um das Geld aus dem Verkauf der Verschmutzungsrechte zu kassieren.

Das endgültige Urteil über eine Zulassung im CDM-Prozess fällt bei der Uno in Bonn. Yvo de Boer, Chef des Klimasekretariats, ist sauer über Nörgeleien am CDM: "Die Geschäftswelt kritisiert uns, weil wir viel zu streng sind, während sich NGOs oft genug darüber beklagen, dass wir nicht streng genug sind." Aber es gibt auch kritische Stimmen. So beklagte der Schweizer Martin Enderlin, einst selbst Mitglied des Uno-Gremiums, die Mitglieder - allesamt Regierungsvertreter - seien oft überfordert und würden immer wieder nach politischen Kriterien entscheiden.

Die Uno verweist darauf, dass das CDM-Verfahren höchst transparent ablaufe. Und in der Tat: Alle wichtigen Unterlagen werden auf der Uno-Website veröffentlicht. Hier lässt sich zum Beispiel nachlesen, dass eine Förderung des Koppal Green Power Biomassekraftwerks in Indien zum Jahreswechsel abgelehnt wurde - unter anderem weil das dortige Management erst nach Projektstart auf den CDM-Zug aufgesprungen war.

EU will CDM-Möglichkeiten begrenzen

"CDM wurde nicht als Allheilmittel geschaffen, um alle Treibhausgasemissionen zu reduzieren", sagt Uno-Chef-Klimadiplomat de Boer. "Aber es gibt keinen Zweifel, dass CDM und andere Elemente eines internationalen Marktes für Kohlendioxid zentrale Pfeiler des Klimaabkommens von Kopenhagen sein werden." Forscher Fuhr drückt es so aus: "Sie lernen nur für die Zukunft, wenn Sie irgendwann loslegen." Immerhin habe der CDM viele Schwellenländer überhaupt für Klimapolitik gewinnen können. Nun müssten die Klima-Instrumente nachjustiert werden.

Nach Schätzungen der Zertifizierer von Det Norske Veritas wurden durch CDM-Projekte bisher mehr als 135 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Und Uno-Diplomat Sethi verweist darauf, dass es bis zum Jahr 2012 fast 20-mal so viel sein könnten.

Die EU steht dem Werkzeug CDM trotzdem zurückhaltend gegenüber. Sie will am liebsten die CDM-Möglichkeiten begrenzen - aber nicht aus Angst vor dubiosen Projekten, sondern aus einem anderen Grund: Wer sich im Ausland klimatechnisch freikaufe, heißt es in Brüssel, der investiere im Zweifelsfall zu wenig in erneuerbare Energien zu Hause.

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insgesamt 36 Beiträge
Kurt G 27.05.2008
NEIN. Es ist ein weiterer Versuch der Marktgläubigen, ales über den Markt zu regulieren.
Zitat von sysopMit umweltfreundlichen Projekten in Entwicklungsländern können sich Industriestaaten von ihrer Verpflichtung zum Klimaschutz teilweise freikaufen. Sind diese Projekte sowie der Emissionshandel wirksame Mittel für den Klimaschutz?
NEIN. Es ist ein weiterer Versuch der Marktgläubigen, ales über den Markt zu regulieren.
Hallo, es ist sicher besser als nichts, aber als (mehr oder minder) gute Katholikin muß ich da schon an den seinerzeit berüchtigten Ablaßhandel denken... Wieso brauchen wir den Emissionshandel? Weil wir nicht bereit sind, [...]
Hallo, es ist sicher besser als nichts, aber als (mehr oder minder) gute Katholikin muß ich da schon an den seinerzeit berüchtigten Ablaßhandel denken... Wieso brauchen wir den Emissionshandel? Weil wir nicht bereit sind, unsere Konsumgewohnheiten so zu ändern, daß wir den Klimawandel aufhalten oder abmildern können. Wieso investieren wir in den Entwicklungsländern? Nicht, weil es hier nicht ginge, sondern weil man dort mit recht geringen Investitionen noch eindrucksvolle Einsparungen erzielen kann. Ich denke, der Emissionshandel ist solange eine gute Sache, wie wir das eigentliche Ziel - nämlich, auch unsere eigenen Emissionen nachhaltig zu senken - nicht aus den Augen verlieren. Daß ein Bewußtseins- und Verhaltenswandel nicht von heute auf morgen kommt, ist klar, aber es sollte schon sichergestellt werden, daß der Erwerb eines Emissionszertifikats einen nicht in den Glauben versetzen sollte, nun sei alles getan, und auf die Senkung der eigenen Emissionen könne man nun bequem verzichten. Der Emissionshandel umfaßt längst noch nicht alle klimarelevanten Emissionen, und es besteht noch viel Quantifizierungsbedarf für CO2-Senken. Wie zum Beispiel ein Kompostwerk oder ein Hektar Wald (welche Art von Wald) zur CO2-Kompensation eingerechnet werden können, ist weitaus komplizierter, als die CO2-Einsparungen, die etwa durch den Bau von Sonnenkollektoren in Burkina Faso erzielt werden können, zu berechnen. Dieser Mangel an klaren Zahlen wiederum führt dazu, daß Investitionen in erneuerbare Energien leichter auf dem Emissionsmarkt gehandelt werden können, als solche in den Erhalt der Biodiversität, in den Erosionsschutz, für die Bodenqualität etc. - die alle ebenfalls unverzichtbar sind für den Klimaschutz, aber durch ihre schlechtere Quantifizierbarkeit zweitrangig werden. Kurzum, der Emissionshandel ist ein gutes Instrument, aber er sollte auf keinen Fall das einzige bleiben, bedarf einer besseren Datengrundlage und muß gemeinsam mit einem Bewußtseinswandel bei den Verbrauchern einhergehen. Allerbeste Grüße, Eva
robert36 27.05.2008
Wer den CDM ein Siegel nennt, hat wohl sehr schlecht recherchiert oder die Sache einfach nicht verstanden! Wenn dieser Artikel eine Diskussion anstossen soll, würde ich vorschlagen, ihn komplett zu überarbeiten d.h. gewissenhaft [...]
Wer den CDM ein Siegel nennt, hat wohl sehr schlecht recherchiert oder die Sache einfach nicht verstanden! Wenn dieser Artikel eine Diskussion anstossen soll, würde ich vorschlagen, ihn komplett zu überarbeiten d.h. gewissenhaft zu recherchieren und zudem auch positive Dinge, die zweifelsohne mit dem CDM verbunden sind, ins Feld zu führen. Bin als treuer SpiegelOnline Leser enttäuscht sowas hier lesen zu müssen.
Neurovore 27.05.2008
Da ist die Antwort doch direkt drin: "von ihrer Verpflichtung .... freikaufen". Sowas kann bei der Industrie doch nur schiefgehen. Für den kleinen Bürger ist es nur eine weitere Schröpfmethode, ein weiterer [...]
Zitat von sysopMit umweltfreundlichen Projekten in Entwicklungsländern können sich Industriestaaten von ihrer *Verpflichtung* zum Klimaschutz teilweise *freikaufen*. Sind diese Projekte sowie der Emissionshandel wirksame Mittel für den Klimaschutz?
Da ist die Antwort doch direkt drin: "von ihrer Verpflichtung .... freikaufen". Sowas kann bei der Industrie doch nur schiefgehen. Für den kleinen Bürger ist es nur eine weitere Schröpfmethode, ein weiterer Ablaßhandel. Die Prinzipien sind die gleichen wie damals: Eine Katastrophe (Fegefeuer/Erderwärmung) prognostizieren, Schuld zuweisen (Sünde/CO2), Erlösung anbieten (Ablaß/Zertifikat). Früher kommte man sich und seine Vorfahren freikaufen, heute kommen noch die Nachfahren dazu (Da sollte eigentlich Luther wiederauferstehen und sich beschweren). Bei den "Deutschen" funktionieren solche Mechanismen komischerweise immer am besten, hat sich was mit "Dichter und Denker"....
geo_1 27.05.2008
Da kann ich Robert nur zustimmen. Das UN-Klimasekretariat (UNFCCC) überwacht lediglich die Einhaltung der Regeln des Kyoto-Protokolls und somit auch die des CDM. Siegel werden dafür nicht vergeben, es gibt lediglich Standards, [...]
Zitat von robert36Wer den CDM ein Siegel nennt, hat wohl sehr schlecht recherchiert oder die Sache einfach nicht verstanden!
Da kann ich Robert nur zustimmen. Das UN-Klimasekretariat (UNFCCC) überwacht lediglich die Einhaltung der Regeln des Kyoto-Protokolls und somit auch die des CDM. Siegel werden dafür nicht vergeben, es gibt lediglich Standards, nach denen die Projekte verifiziert und validiert werden. Insgesamt wirkt der Artikel so, dass vorher schon eine Meinung zum Thema feststand und die mit Zitaten belegt werden musste. Prinzipiell ist die Kritik am CDM nicht neu und zumindest für die Anfangszeit teilweise auch berechtigt. Solche Analysen wie die der Standfort-Professoren gibt es schon einige. Tatsächlich hat es bei den ersten Projektregistrierungen Probleme mit der Zusätzlichkeits-Prüfung (Additionality) gegeben. Inzwischen hat das UNFCCC aber die zuständige Abteilung personell deutlich aufgestockt und wie geschrieben ja auch einige Projekte abgelehnt. Der CDM bleibt aber ein wichtiges Instrument, um effektive Klimaschutz-Techniken in Schwellen- und Entwicklungsländer zu transferieren. Wenn ein Unternehmen aus Europa für seine Investitionen in ärmeren Ländern CO2-Zertifikate bekommt, im Gegenzug aber vor Ort Emissionen senkt, dann haben doch beide Seiten gewonnen. In der EU wird der Import solcher Zertifikate außerdem auf 20% der zusätzlich (zu den aus dem EU-Emissionshandel bezogenen Emissionsberechtigungen) benötigten Zertifikate begrenzt. Damit hat die EU bereits einen Riegel vorgeschoben und die großen Energie- und Industriekonzerne können sich nicht unendlich mit billigen Investitionen im Ausland "freikaufen". So wie es in der EU läuft, kann das Prinzip funktionieren. Letztlich lässt sich unser Kraftwerkspark nicht von heute auf morgen völlig klimanneutral auf erneuerbare Energien umstellen, auch wenn ich es mir wünschen würde. Allerdings sollte der CDM von Stromversorgern nicht dazu missbraucht werden, den eigenen Strom CO2-neutral zu stellen und dann als Ökostrom anzubieten. Dies wird von der E.ON-Marke "E wie einfach" so betrieben und da muss ich sagen, hätte der Konzern selbst ja andere (auch finanzielle) Möglichkeiten, um wirklichen Ökostrom zu erzeugen. Dies wird auch von anderen Umweltverbänden, wie dem WWF kritisiert. In diesem Artikel fehlte der Aspekt aber leider völlig. Neben Auslandsinvestitionen muss vor allem auch vor der eigenen Haustür gekehrt werden. Im übrigen ist es nicht so, wie Karsten Smid erwähnt, dass die aus dem CDM generierten CER-Zertifikate zwischen 5 und 10 Euro kosten. Aktuell liegt der Preis bei rund 17 Euro für die vom UNFCCC bereits genehmigten Zertifikate. Der Preis den Smid nennt, kann man lediglich erzielen, wenn man frühzeitig in ein Projekt investiert, aber dann ist das Ausfallrisiko für eine Zertifikateausschüttung auch wesentlich höher, weil das Projekt noch gar nicht anerkannt worden ist bzw. noch gar nicht sicher ist, ob sich die errechneten Emissionseinsparungen tatsächlich realisieren lassen. ...und wer immer noch meint, dass einzig mit dem CDM der Klimawandel gebremst werden soll, der hat bisher wirklich nichts verstanden. Das UNFCCC rechnet selbst damit, bis 2012 insgesamt maximal 2,7 Mrd. t CO2 durch CDM-Maßnahmen einsparen zu können. Bei den jährlichen Treibhausgas-Emissionen von mehr als 30 Mrd. t sind wir dann aber von dem von Klimaforschern geforderten Ziel einer Halbierung der Treibhausgase bis 2050 aber noch sehr sehr weit entfernt.
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