Von Harald Willenbrock
Letztlich kann man sich die drei Faktoren Gehirnstruktur, Hormone und Psyche wie die Zutaten einer Backmischung vorstellen, die zusammengerührt und in den Ofen geschoben werden – und dort während der Pubertät überhitzt miteinander reagieren.
Was aber setzt diese Reaktion in Gang? Stephanie Seminara vom Massachusetts General Hospital in Boston hat im Erbgut einen potenziellen Schalter ausgemacht. Auf die Spur geführt hatte sie ein Phänomen namens "Idiopathic Hypogonadotropic Hypogonadism" (IHH), eine Krankheit, bei der die Pubertät verzögert eintritt oder im Extremfall sogar ausfällt.
Unbehandelt behalten männliche Betroffene eine hohe Stimme und entwickeln keine Schambehaarung; Patientinnen bleiben ohne Busen und erleben nie einen Eisprung. Der Defekt trifft statistisch gesehen nur einen von 50.000 Menschen. In einer saudi-arabischen Familie stieß Seminaras Team aber gleich auf sechs Betroffene.
Untersuchungen ergaben, dass die vier männlichen und zwei weiblichen Patienten eine Veränderung des Gens GPR54 aufwiesen, die auch bei Mäusen die sexuelle Reifung unmöglich macht. Betätigt wird dieser genetische Schalter von einem erst kürzlich entdeckten Hormon namens Kisspeptin, dessen Ausschüttung an die Fortschritte der körperlichen Entwicklung gekoppelt sein könnte.
Denn bevor das Konzert der Hormone überhaupt einsetzen kann, müssen Mädchen gewisse Fettreserven gebunkert haben – biologisch sinnvoll, schließlich benötigen sie die Vorräte, um Schwangerschaften überstehen zu können. Unterernährte oder magersüchtige Mädchen reifen daher auch deutlich später als ihre gewichtigeren Altersgenossinnen.
Dass zudem wirtschaftliche und körperliche Entwicklung zusammenhängen, lässt sich an Statistiken zur Menarche ablesen: Setzte um 1860 die erste Regelblutung noch mit knapp 17 Jahren ein, beginnt sie heute im Schnitt mit zwölf bis 13 Jahren. 2010, so meinen Sexualforscher, könnten Mädchen die Geschlechtsreife sogar bereits mit durchschnittlich zehn Jahren erreichen.
Sind die Voraussetzungen für den Start des Pubertäts-Programms jedoch erst einmal erfüllt, setzt im kindlichen Körper eine Art Kettenreaktion ein.
Der Hypothalamus, eine Steuerzentrale des Hirns für Körperfunktionen wie Kreislauf, Atmung und Nahrungsaufnahme sendet chemische Signale an die benachbarte Hypophyse. Diese Drüse schüttet Botenstoffe aus – das luteinisierende Hormon (LH) sowie das follikelstimulierende Hormon (FSH). Unter deren Einfluss produzieren Eierstöcke bzw. Hoden Sexualhormone wie Östrogen und Testosteron. Bei Mädchen beginnen diese Vorarbeiten der Pubertät etwa mit acht, bei Jungen mit zehn Jahren.
Parallel dazu steigt auch der Spiegel anderer Botenstoffe, wie der von Hormonen aus der Nebennierenrinde. Sie lassen Pickel auf der Haut und Haare unter den Achseln sowie im Genitalbereich sprießen (das Wort "Pubertät" ist abgeleitet von lateinisch pubes = Schamhaar und bezeichnet die Entwicklungsphase bis zur Erlangung der sexuellen Reife). Dank Wachstumshormonen legen Jungen in dieser Zeit bis zu zehn, Mädchen bis zu neun Zentimeter Körperlänge pro Jahr zu.
Spätestens jetzt, wenn die jungen Menschen unübersehbar in der Pubertät stecken, übernimmt die Psyche eine Führungsrolle im Entwicklungsprozess. "Wie reagieren die anderen darauf, dass ich kein Kind mehr bin?" Das wird zu einer entscheidenden Frage. Vor allem aber: "Wie finde ich dies selbst?"
Die meisten Mädchen würden wohl antworten: "Ziemlich doof." Denn innerhalb weniger Jahre schießen sie um ein Viertel in die Höhe, ihr Körpergewicht entfernt sie mitunter weit von jenen Fotomodell-Maßen, deren Diktat sie jetzt bewusster denn je wahrnehmen. Heranwachsende Jungen sind Mädchen gegenüber im Vorteil. Schließlich nähern sie sich durch manche Reifungsphänomene der Pubertät – breitere Schultern, kräftigere Muskeln, tiefere Stimme – automatisch dem männlichen Schönheitsideal. Probleme haben hier nicht die Frühentwickler, sondern jene Spätzünder, die noch schmalschultrig durch die Gegend laufen, während ihre Freunde schon die äußeren Insignien der Männlichkeit zeigen.
Sind diese Freunde nun also erwachsen? Für Soziologen ist die Sache klar. Sie betrachten einen Menschen dann als mündig, wenn er die Schule abgeschlossen hat, eigenes Geld verdient und nicht mehr bei den Eltern wohnt. Einer britischen Studie zufolge erfüllt heute jedoch nicht einmal mehr ein Drittel der 30-Jährigen alle Kriterien.
Der Münchner Psychologie-Professor Till Roenneberg plädiert deshalb für eine neue Definition: Erwachsen ist, wer freiwillig wieder früher ins Bett geht. Denn der Abschied vom Nachteulen-Dasein markiere unmissverständlich den Eintritt ins Erwachsenenalter. Frauen absolvieren diese "Reifeprüfung" im Schnitt mit 19,5 und Männer mit 20,9 Jahren.
Für Hirnforscher wie Jay Giedd hingegen ist ein 20-Jähriger noch lange nicht ausgewachsen. Biologen wie er schätzen, dass sich ein menschliches Gehirn noch bis zum 25. Lebensjahr im Umbau befindet. Vielleicht wäre allen Beteiligten schon ein wenig geholfen, wenn Jugendliche sich ein unsichtbares Warnschild umhängten: "Achtung! Wegen wichtiger Bauarbeiten an Hirn, Hormonen und Herz kommt es vorübergehend zu Unannehmlichkeiten", müsste darauf stehen. Und: "Wir danken für Ihr Verständnis."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH