Von Veronika Szentpétery
Wer erst einmal bei Sprenger gelandet ist, muss von der Hoffnung auf eine schnelle Lösung ohnehin Abschied nehmen. Akut Abhängige werden zunächst in einem der Intensivzimmer zur Entgiftung untergebracht. Das Suchtmittel wird sorgsam herunterdosiert, parallel dazu findet die Entwöhnung statt. Es sei ein Irrglaube, dass das Burnout-Syndrom oder Stress durch ein paar Pillen zu beheben sei, merkt der Chefarzt an. Symptome ließen sich zwar chemisch-technisch lindern, aber der Grundzustand selbst nicht. "Diese Bescheidenheit stünde der Medizin gut an", sagt Sprenger und zielt damit nicht nur auf Kollegen mit locker sitzendem Rezeptblock, sondern auch auf die Pharmaindustrie: "Die hat massive wirtschaftliche Interessen. Wenn die Patente auslaufen, suchen sie für die Medikamente neue Indikationen." Pharmavertreter, die ihm immer wieder Werbung als Wissenschaft verkauft und Nebenwirkungen heruntergespielt hätten, kämen bei ihm seit 15 Jahren nicht mehr ins Büro.
Es geht aber längst nicht mehr nur um überarbeitete Manager und überehrgeizige Forscher. Einen viel größeren Markt machen alte Menschen aus. Für diese Zielgruppe schuf die Pharmaindustrie bereits den Krankheitsbegriff "mild cognitive impairment", die leichte Gedächtnisstörung. Tatsächlich steht aufgrund des immer genaueren Verständnisses der molekularen Grundlagen des Lern- und Erinnerungsvermögens zu erwarten, dass die nächsten Medikamente, die auch beim kognitiven Aufrüsten von Gesunden eine Rolle spielen werden, aus der Neuroforschung stammen werden.
Viele Medikamente, die die kognitiven Fähigkeiten zum Beispiel von Demenzkranken verbessern sollen, verstärken die Wirkung von Botenstoffen (Neurotransmittern) an den Verbindungen (Synapsen) zwischen Nervenzellen. Auf diese Weise sollen die Schaltkreise für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis positiv beeinflusst werden. Ein Ansatzpunkt ist etwa der Botenstoff Acetylcholin: Damit er länger wirkt, hemmen Medikamente wie das Alzheimer-Mittel Donepezil das Acetylcholin abbauende Enzym Cholinesterase. Erste Tests mit Piloten, die nach Einnahme von Donepezil im Flugsimulator bessere Ergebnisse erzielten, waren vielversprechend, doch das Mittel löste auch Übelkeit aus.
Ohnehin könnten die Effekte auf Dauer zu gering sein, denn die kognitive Leistung lässt sich über die Neurotransmitter-Schiene nicht linear steigern. Vielmehr gilt eine Glockenkurve: Es existiert ein Dosis-abhängiges Optimum, ein Zuviel oder Zuwenig an Botenstoffen hingegen mindert ihre Wirkung. Zudem variieren die Idealwerte für die Botenstoffe je nach kognitiver Aufgabe, sodass die Verbesserung einer Fähigkeit wohl immer auf Kosten einer anderen gehen wird. Auch viele der neuen Hoffnungsträger in den Wirkstoffpipelines der Pharmaindustrie konnten die in sie gesetzten Hoffnungen bislang nicht erfüllen. Die US-Unternehmen Helicon Therapeutics und Memory Pharmaceuticals etwa setzen nicht bei den Synapsen an, sondern bei den mit Lernen in Verbindung gebrachten Molekülen innerhalb der Neuronen. So sollte zum Beispiel die Produktion des Proteins CREB angekurbelt werden; als Transkriptionsfaktor reguliert es Gene, die die Verstärkung von synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen bewirken. Doch die Enzymhemmer, die für den CREB-Anstieg sorgen sollten, taten dies nicht an den richtigen Stellen – und seither hört man von den Substanzen nicht mehr viel. Auch die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Ampakine von Cortex Pharmaceuticals, die das Gedächtnis über die Glutamatrezeptoren im Gehirn verbessern sollten, haben nicht überzeugt.
Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass scheinbar vielversprechende Kandidaten bei der weiteren Prüfung durchfallen. Angesichts von 600 potenziellen Hirndoping-Pillen ist zu erwarten, dass einige davon besser wirken als die heutigen. Wird es also eines Tages normal sein, Wach- und Schlaumacher so selbstverständlich einzunehmen wie Aspirin? "Das wird so kommen", sagt MHH-Professor Emrich, "jeder muss das moralisch selbst entscheiden. Aber sonst müsste man Alkohol auch verbieten, das ist ja auch ein gutes Schlaf- und Beruhigungsmittel." Vorausgesetzt, dass kein Schaden für den Betroffenen selbst oder andere entsteht und die Nebenwirkungen gering bis vertretbar sind, spricht nichts dagegen, seinem Gehirn mit Medikamenten auf die Sprünge zu helfen, findet auch Burnout-Experte Sprenger. Nur: "Das Dumme ist, es gibt dieses Medikament nicht." Denn zumindest die heute verfügbaren Neurodoping-Pillen haben alle ihre Nebenwirkungen.
Langfristig wird sich der Trend wohl trotzdem nicht aufhalten lassen. Denn wie die Beliebtheit selbst illegaler Hirndopingmittel zeigt, sind nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung bereit, für bessere Leistung Gefahren in Kauf zu nehmen und sogar Gesetze zu brechen. Die ärztlich kontrollierte Verschreibung zugelassener Pharmazeutika auch an nicht Kranke wäre so gesehen das kleinere gesellschaftliche Übel. Letztlich müsste dann tatsächlich jeder selbst entscheiden, wie viel er aus seinem Gehirn herausholt – und ob er es womöglich so weit kommen lassen will, dass er den erholsamen Spaziergang am See nicht aus Vergnügen, sondern als Patient einer Burnout-Klinik macht.
© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover
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