Von Andreas Laschober
Der Germanenfürst kehrt zurück nach Thrakien, sammelt seine Mannen und marschiert auf Konstantinopel. Doch unfähig, die Stadt zu nehmen, zieht er westwärts nach Griechenland, wo er einige Städte erobert und brandschatzt. Erst der römische Heermeister Stilicho (365-408) bereitet Alarichs Plünderungen ein Ende. Mit dem Tod des Theodosius war das Römische Reich endgültig unter dessen Söhnen Arcadius (377-408) und Honorius (384-423) in Ost- und Westrom geteilt worden. Stilicho, ein Vandale im Dienst des Westreichs unter Honorius, kommt nun Arcadius gegen Alarich zu Hilfe. Doch lässt er die Goten nach Epirus in Nordostgriechenland abziehen - wohl um sich in Alarich einen Bündnisgenossen für spätere Unternehmungen zu erhalten.
Mit dem Angebot der Stelle eines Heermeisters in Illyrien an der Grenze zu Italien hofft Ostrom, Alarich ans Westreich loszuwerden. Und wirklich taucht der Gotenkönig im Jahr 400 zum ersten Mal im Kernland des Reichs auf. Dort bekämpfen sich Stilicho und Alarich zunächst wiederholt. Als die beiden Reichshälften einander jedoch immer feindlicher gegenüberstehen, verbündet sich Alarich - der nach wie vor nicht gut auf Byzanz zu sprechen ist - mit Stilicho und unterstützt Honorius.
Der Feldzug gegen Ostrom wird aber im letzten Augenblick abgeblasen; denn in der Neujahrsnacht 406/7 bricht die römische Rheingrenze unter dem Ansturm von Vandalen zusammen, wodurch dort nun dringend Truppen benötigt werden. Alarich, der sich noch in Epirus befindet, will seine Kosten ersetzt haben, und sein Bundesgenosse Stilicho setzt die Zahlungen beim Senat durch. Kurz darauf wirft Honorius seinem vandalischen Heerführer Hochverrat vor und lässt ihn hinrichten.
Daraufhin erschüttern Unruhen Italien und führen zu Pogromen unter den Föderaten. 30.000 Mann der Föderatenarmee verbünden sich mit Alarich, und gemeinsam erobern sie 410 die Hauptstadt. Im selben Jahr stirbt Alarich. Sein Nachfolger Athaulf führt die Westgoten nach Gallien, wo sie von Aquitanien aus zunächst das Tolosanische Reich begründen. Mit dem Untergang Westroms im Jahr 476 wird dieses Reich de facto eigenständig und erstreckt sich südwärts; in der Zeit seiner größten Ausdehnung bis nach Spanien und im Norden bis an die Loire.
Der Totengräber des Reichs im Westen ist ein römischer Offizier, der am Hof Attilas aufwuchs. Odoaker (um 433-493) setzt 476 den damals erst 16-jährigen Kaiser Romulus Augustulus ab und erklärt sich selbst zum König Italiens, unterstellt sich aber formell dem oströmischen Kaiser Zenon (474-491). Dieser erkennt die Gelegenheit, sich des mächtigen gotischen Heermeisters Theoderich zu entledigen. Der Kaiser fordert Theoderich im Jahr 488 auf, mit seinen Kriegern nach Italien zu ziehen, um Odoakers Stelle zu übernehmen und dabei auch die oströmische Macht im Westen zu stärken. Der Gotenfürst besiegt nach schweren Kämpfen den selbst ernannten König von Italien und tötet diesen eigenhändig bei einem Festessen, das eigentlich den Friedensschluss besiegeln sollte. Theoderich übernimmt nun selbst die Herrschaft in Italien, unterstellt sich dem Kaiser, herrscht im Grunde aber unabhängig über das gewonnene Territorium. Unter seiner Herrschaft erlebt Italien eine neue Blüte. Der König fördert die Bautätigkeit und bemüht sich besonders um das friedliche Zusammenleben von arianischen und katholischen Christen (siehe Randspalte rechts).
Die Franken sind das Fundament für die Neuordnung Europas
Im Westen gelingt es König Leovigild (569-586) ein paar Jahrzehnte darauf, die Iberische Halbinsel völlig unter westgotische Kontrolle zu bringen. Im Nordwesten unterwirft er die Sueben, die sich seinerzeit von den Vandalen und Alanen abgespalten haben; im Süden drängt er die Oströmer zurück, die unter Kaiser Justinian I. (482-565) Gebiete um Cordoba und Cartagena erobert hatten.
Justinian verfolgte eine aggressive Westpolitik, und es gelang ihm, zwischendurch Italien und Teile Südspaniens sowie Nordafrikas von germanischen Königreichen für das Imperium Romanum zurückzugewinnen. Die Rückeroberung Italiens ist jedoch nur ein Zwischenspiel, das mit dem letzten Zug der spätantiken Völkerwanderung und der Landnahme der Langobarden in Italien im Jahr 568 beendet wird. Etwa 100.000 bis 150.000 Sueben, Gepiden, Bulgaren, Sarmaten und andere Gruppen, alle zusammengefasst unter dem Namen Langobarden, brechen von ihren Gebieten an der mittleren Donau auf und erobern ein Land mit mehreren Millionen Einwohnern. Das ist nur möglich, weil die römische Herrschaft mit ihrem drückenden Steuersystem und der wachsenden sozialen Ungleichheit immer unbeliebter wird; für viele Römer sind barbarische Herren immer öfter das geringere Übel. Zudem entwickelt sich eine Eigendynamik: Langobarde zu sein bedeutet bald, der herrschenden Gruppe anzugehören, und das ist auch für jene attraktiv, die nicht in diesen Stamm hineingeboren wurden. Die Neuankömmlinge übernehmen die Sprache der Einheimischen, diese wiederum den Namen der Eroberer.
Zur gleichen Zeit geschieht auf der Iberischen Halbinsel Ähnliches. Der herrschende Stamm der Westgoten geht allmählich im Rest der spanischen Bevölkerung auf. In fast allen Bereichen dominieren römische Elemente die gotischen. Diese Entwicklung erfährt jedoch ab dem Jahr 711 eine jähe Zäsur. Da nämlich dringen Mauren von Süden vor und prägen für fast 850 Jahre das Geschehen in Spanien.
Die meisten der Reiche, die in dieser Zeit entstehen, gehen schon bald wieder unter. Die Westgoten des Föderatenreichs um Toulouse werden 508 von den Franken weit gehend aus Gallien verdrängt. 533/34 zerstören byzantinische Truppen das Reich der Vandalen in Tunesien. Die Langobarden, die vor ihrem Zug nach Italien an der mittleren Donau siedelten, erliegen schließlich den Heeren Karls des Großen (747-814). Dieses Schicksal teilt das Steppenvolk der Awaren, das im Karpatenbecken sein Reich errichtet hatte. Die Burgunder mit ihren Zentren in Lyon und Genf werden 532/34 von den Franken unterworfen. Diese besitzen das beständigste Königreich der Völkerwanderungszeit. Seit den Eroberungen durch Chlodwig I. (bis 511) sind die Franken eine Großmacht in Westeuropa. Das Frankenreich der Merowinger hat als einzige der frühen germanischen Reichsgründungen letztlich dauerhaft Bestand. Die Franken sind es auch, die das Fundament für eine Neuordnung Europas legen, die unter ihren Nachfolgern, den Karolingern, vonstatten geht.
Die Hunnen aber, jene schrecklichen Krieger, die das große Wandern auf dem Kontinent überhaupt ausgelöst hatten, sind zu dieser Zeit längst geschlagen. Bereits mit dem Tod Attilas im Jahr 453 zerfiel der Verband der Steppenreiter, der einige Jahrzehnte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hatte und selbst dem strahlenden oströmischen Reich Schutzgelder abzupressen vermochte.
Andreas Laschober ist freier Journalist in Wien.
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