Aus Los Angeles berichtet Marc Pitzke
Der Schmerz ist kurz, aber so stark, dass sich die Muskeln sofort verkrampfen. Der Stromschlag trifft den Fuß, er jagt das Bein entlang und bis zur Hüfte hinauf. Nicht einmal eine halbe Sekunde dauert das alles. Trotzdem reagiert der Körper sofort mit einer Abfolge von Schockreflexen: Aufschrei, Muskelstarre. Kollaps.
"Und?", fragt Sergeant Brian Muller und grinst seinen Besucher an, der sich fluchend wieder aufrappelt. "Das sitzt, was?"
Muller hält einen Taser des Typs M26 im Anschlag: Äußerlich einer Pistole ähnlich, setzt diese Elektroschockwaffe den Gegner mit Stromschlägen außer Gefecht. Obwohl bis heute umstritten, ist der Taser bei der US-Polizei längst gängig und wird auch in Deutschland von Spezialeinsatzkommandos eingesetzt. Muller vertraut seinem M26 so sehr, dass er der Bitte seines Gastes nach einem Selbstversuch gerne nachkommt - abgemildert, dennoch schmerzhaft.
Brian Muller, 45, tasert im Dienst des Los Angeles Sheriff's Department (LASD). Er sieht aus wie einer dieser typischen TV-Sheriffs: militärischer Haarschnitt, Schnäuzer, schnittige Uniform, aus deren Kurzärmeln der Bizeps quillt. An seinem Gürtel baumeln eine halbautomatische Beretta 92F, zwei Magazine, Handschellen, Walkie-Talkie, Gummiknüppel, Pfefferspray, Militärmesser - und der M26. "Den", sagt Muller stolz, "nutze ich öfter als den Schlagstock."
Unheilschwangere Worte. Und der Taser ist nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Man muss nur Muller fragen, denn er leitet beim LASD das "Technology Exploration Project". Diese Abteilung widmet sich der Erkundung neuer Technologien für zivile Gesetzeshüter. "Nicht-tödliche Waffen" heißen die oder, irreführend, "weiche Waffen". Was nicht bedeutet, dass sie nicht töten können - sondern nur, dass sie nicht töten sollen und einen stattdessen handlungsunfähig machen.
Denn mittlerweile hat sich im Gefolge des Taser-Erfolgs eine eigene, oft vom Militär inspirierte Industrie formiert, die der Polizei zuarbeitet - ohne dass die Öffentlichkeit das bisher groß mitbekommt. Gas-, Nebel- und Betäubungsbomben, kinetische und elektrische Waffen, Schallschleudern, Blendgranaten, "Bean-Bag"-Werfer, "Sticky Foam", seltsame Gerätschaften namens TigerLight und PepperBall sowie ein Schmerzstrahl, der die Haut erhitzt. Alles Alternativen zur normalen Schusswaffe, die dann zum Einsatz kommen sollen, "wenn eine tödliche Wirkung nicht notwendig ist". So formuliert es das National Institute of Justice (NIJ), das die Wachstumsbranche als Forschungsarm des US-Justizministeriums mitfinanziert. Und Muller ist der Top-Experte, der diese neuesten Trends aufspürt, im Feld testet und dann seinen Chefs empfiehlt.
Das Thema ist hochbrisant. Landesweit ist die US-Kriminalitätsquote voriges Jahr zwar gesunken. Die Zahl der (meist per Schusswaffe begangenen) Morde aber stagniert nur, in manchen Städten zieht sie sogar wieder an. Oft geraten dabei Unschuldige ins Kreuzfeuer. Wie der New Yorker Sean Bell, der im November 2007 im Kugelhagel panischer Polizisten starb. Nicht-tödliche Waffen, sagt Sergeant Muller, würden das Blutvergießen auf allen Seiten reduzieren und nicht nur Unbeteiligten wie Bell das Leben retten. Ein Argument, dem Bürgerrechtler freilich scharf widersprechen, unter Hinweis auf bisher Hunderte Taser-Tote.
Muller irritiert das nicht. Von seinem Büro in East Los Angeles aus, im Gebäude der LASD-Katastrophenzentrale, bereist er das Land, "immer auf der Suche nach neuen Ideen". Er klappert Fachmessen ab, lässt sich Prototypen demonstrieren, hält engen Kontakt zum Militär - auch wenn dessen Technologien für Zivilbeamte zunächst oft ungeeignet sind.
So hat sich das US-Polizeiarsenal in den letzten Jahren still und leise schon um zwei Dutzend neue Produkte vergrößert. Zum Beispiel das TigerLight, eine Taschenlampe mit eingebauter Pfefferspray-Düse ("Licht mit Biss"). Oder das Pepperball-Gewehr, das Mini-Projektile mit Capsaicin verschießt, dem Reizstoff in Chili-Schoten. Oder "Sticky Foam" - ein klebriger Sprühschaum, der den Flüchtenden an den Boden fesselt. Auch er war anfangs eine Idee des Militärs, das ihn bereits 1993 bei den Kämpfen zwischen US-Marineinfanteristen und somalischen Milizen in Mogadischu einsetzte.
Andere Waffen wirken unsichtbar. Sogenannte Long Range Acoustic Devices (LRAD) zum Beispiel schießen gezielte, ohrenbetäubende Geräusche ab. Entwickelt fürs Pentagon, wurden sie erstmal 2004 gegen Zivilpersonen eingesetzt - Demonstranten beim Republikaner-Parteitag in New York. Manchmal bekommt Muller auch Angebote von privaten Tüftlern - wie etwa dem Erfinder der "Carpoon", dessen "Auto-Harpune" Fluchtwagen unwiderruflich markieren soll. Ein anderer offerierte ein Super-Gleitmittel, um Gauner buchstäblich aufs Glatteis zu führen. Außerdem gab es schon etliche Versionen des "Bolaballs". Doch die beiden Kugeln an einer Kordel haben sich in bisherigen Tests als polizeiuntauglich erwiesen - wie die meisten dieser Laieneinfälle.
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Ach, wie hätte sich Mielke gefreut! Immerhin gehört er zu den wenigen, die man Mörder nennen darf. mehr...
Bevor es zu Missverständnissen kommt, der Besitz dieser Gerätschaften ist laut der Neufassung des Waffengesetzes nicht verboten, nur das Führen in der Öffentlichkeit. mehr...
Taser und andere Elektroschocker sind seit Inkrafttreten des neuen Waffengesetzes für den Privatmann nicht mehr zulässig. Aber seien Sie beruhigt, dank diesem dürften Sie fast sicher davor sein das beim nächsten Mal Ihr [...] mehr...
Ich glaube nicht daß es möglich sein wird weil der Supreme Court vor kurzem diese strengen Richtlinien verboten hat (wie in Washington D.C. existent). Offensichtlich, sie verfallen in die deutsche Haltung daß ein Gesetz/Verbot [...] mehr...
Wieder mal ein Beispiel dafür, daß sich die USA und in ihrem Gefolge vermutlich auch wir zu einem Polizeistaat entwickeln. Schon heute sind im polizeilichen Bereich Dinge erlaubt (Reizstoffe wie CS, CN u.ä.), deren Einsatz im [...] mehr...
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