Von Bas Kast
Elliot Smith war ein erfolgreicher Geschäftsmann, als sich eines Tages sein Leben unwiderruflich änderte. Es begann mit Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten, die immer schlimmer wurden. Bei der Arbeit machte er Fehler: Seine Kollegen mussten ihn korrigieren oder ihm die Arbeit ganz abnehmen. Smith ging zum Arzt. Dort stellte sich heraus, dass in seinem Kopf, direkt hinter der Stirn, ein Tumor wuchs. Das Geschwür hatte die Größe einer Mandarine. Chirurgen schnitten den Tumor heraus sowie einen Teil des Stirnlappens, des vorderen Teils der Großhirnrinde.
Mitfiebern beim Fußball-EM-Finale 2008: Emotionen sichern unser Überleben
Daraufhin tat sich Smith mit einem dubiosen Partner zusammen – und endete im Bankrott. Seine Ehe ging in die Brüche. Am Ende irrte er ratlos durchs Leben und landete schließlich in der Obhut seiner Geschwister.
Zu jener Zeit lernte der portugiesisch-amerikanische Neurologe Antonio R. Damasio den Patienten kennen. Elliot Smith hatte keinerlei Gedächtnisprobleme, stellte der Arzt fest, und seine Intelligenz lag im oberen Bereich. Erst nach vielen Gesprächen und Untersuchungen wurde dem Neurologen klar, dass es Smith nicht an Intelligenz oder Wissen mangelte, sondern an etwas anderem, und dass dies die Ursache für sein unvernünftiges Verhalten sein könnte: Dem Mann fehlte es an Gefühl.
Von Beginn an war Damasio das kühle Verhalten Smiths aufgefallen: "In den vielen Stunden erlebte ich bei ihm nie einen Anflug von Emotion: keine Traurigkeit, keine Ungeduld, keinen Überdruss angesichts meiner endlosen Fragerei." Selbst von seinem eigenen Schicksal erzählte Smith, als sei es eine Nachricht aus der Zeitung.
Ein Test brachte das ganze Ausmaß seiner Gefühllosigkeit ans Tageslicht. Als man Smith Bilder von brennenden Häusern und ertrinkenden Menschen vorlegte, blieb er vollkommen regungslos. Offenbar waren mit der Operation Hirnareale zerstört worden, die für die emotionale Wahrnehmung und Bewertung wichtig sind.
Gefühle haben in der abendländischen Kultur nicht den besten Ruf. Die Missachtung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Von Platon über Aristoteles bis hin zu den Aufklärern galt die Vernunft als überlegene Instanz – die Gefühle wurden dagegen als eher primitiv, dumm, tierisch, unzuverlässig und gefährlich abgetan. Aristoteles definierte den Menschen als animal rationale. Und das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz urteilte noch Jahrhunderte später, durch Gefühle würden wir "verdunkelt und unvollkommen".
Diese Einschätzung der Gefühle hat in den vergangenen 20 Jahren einen radikalen Wandel erfahren. Neurologen kommen mittlerweile zu dem Schluss, dass Gefühle nicht etwa dumm und primitiv sind, sondern ihre eigene Form von Intelligenz besitzen.
Gefühle machen uns auch nicht zu unvollkommenen Wesen, sondern umgekehrt – unvollkommen wären wir ohne sie. Kurz: Ohne Emotionen wäre der Mensch kein Mensch.
Unsere Emotionen, darauf deutet schon Smiths Fallgeschichte hin, sind wie ein Kompass. Sie zeigen uns, in welche Richtung wir handeln sollen. Sie lassen uns spüren, was gut und was schlecht für uns ist, und lenken uns so durchs Leben.
Es hat zahlreiche Versuche gegeben, Gefühle in ein Schema von "Grundgefühlen" zu ordnen – einig sind sich die Forscher darüber aber bis heute nicht. Ein Pionier auf diesem Gebiet, der US-Psychologe Paul Ekman, geht von 15 "Basisemotionen" aus; zu ihnen gehörten unter anderem Angst, Verachtung, Ekel, Freude, Ärger, Zufriedenheit, Verlegenheit, Aufgeregtheit, Schuldgefühl, Erleichterung, Trauer, Scham.
Diese Grundgefühle, sagt Ekman, seien uns angeboren. Alle Menschen hätten sie, wie er aus interkulturellen Vergleichen schließt. Und sie seien durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet: einen typischen Gesichtsausdruck oder spezifischen Körperzustand.
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