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Emotionen Ich fühle, also bin ich

3. Teil: Wer von seiner Gefühlswelt abgeschnitten ist, ist vom Leben abgeschnitten


Mit anderen Worten: Wir erschrecken zwar manchmal ohne Grund. Aber für unser Überleben ist es vorteilhafter, hin und wieder eine Schlange zu viel zu sehen, als eine zu übersehen. Die zwei Angstrouten stellen sicher, dass wir schnell und präzise auf Gefahren reagieren.

Das Schlangenbeispiel offenbart zugleich, was Emotionen sind und wie sie "funktionieren". Gefühle sind eine Art Modus, sie versetzen unser Gehirn und den Rest des Körpers in einen Zustand, der, aus Sicht unserer Entwicklungsgeschichte, am besten dazu geeignet ist, mit der jeweiligen Situation fertig zu werden.

So kann uns die Bedrohung durch eine Schlange auf Anhieb in einen "Angstmodus" versetzen: Die Aufmerksamkeit fokussiert sich schlagartig auf die Gefahrenquelle. Der Körper ist bereit zur Flucht – oder zum Kampf. Erst wenn wir außer Gefahr sind, kehren Körper und Geist in ihren "Normalzustand" zurück.

Ein anderer Modus, den jeder kennt und der vom Normalzustand abweicht, ist die Liebe. In gewisser Weise gleicht sie hirnphysiologisch einem Negativ der Angst. So hat man Verliebte im Kernspintomografen untersucht und festgestellt: Wenn sie das Bild ihres Partners vor Augen haben, erlischt die Aktivität des Mandelkerns. Der Botenstoff Dopamin, den man unter anderem mit guten Gefühlen in Verbindung bringt, wird vermehrt ausgeschüttet. Insgesamt nimmt das Gehirn einen Aktivitätszustand an, der sich auch beobachten lässt, wenn jemand Kokain geschnupft hat.

Auf diese Weise wird jedes Gefühl mit einer spezifischen Hirnaktivität und Hormonausschüttung kombiniert; dies aber läuft so komplex ab, dass es Forschern noch unmöglich ist, ein bestimmtes Gefühl ausschließlich einem bestimmten Hirnareal wie etwa dem Mandelkern zuzuordnen – oder gar einem einzigen Hormon wie dem Adrenalin. Hormone sind keine Solokünstler, sie arbeiten im Konzert, und das Gleiche trifft auf die diversen Hirnstrukturen zu.

Der Mandelkern beispielsweise wird nicht nur bei Angst aktiviert, sondern auch bei vielen anderen Emotionen, etwa bei Aggression. Umgekehrt sind, wenn wir uns fürchten, zahlreiche weitere Hirnareale erregt.

Es sind somit auch eher Ausnahmefälle, in denen sich systematische Zusammenhänge zwischen Hormonkonzentrationen, Gefühl und Verhalten feststellen lassen. Ein Beispiel dafür ist das männliche Sexualhormon Testosteron. Je mehr davon im Blut zirkuliert, desto ausgeprägter sind sexuelle Lust und Aggressionsbereitschaft. Bei einer Studie an 4462 Veteranen der US-Streitkräfte etwa ergab sich, dass Männer mit einem erhöhten Testosteronspiegel mehr mit ihren Ehefrauen stritten, sie häufiger schlugen und öfter fremdgingen.

Gefühlseigenschaften wie Aggressivität oder Fröhlichkeit gehören zum Kern unserer Persönlichkeit. Wir sind nicht nur, was wir denken, sondern ganz entscheidend auch, was und wie wir fühlen. Jeder von uns hat seinen eigenen "affektiven Stil", wie es der US-Psychologe Richard Davidson nennt – und das spiegelt sich im Hirn wider.

So verglich Davidson die Hirnstrombilder (Elektroenzephalogramme) von Menschen, die sich als Frohnaturen sehen, mit denen solcher Probanden, die sich eher als Miesepeter beschreiben. Es zeigte sich: Bei den positiv Gestimmten ist der linke Stirnlappen stärker aktiv als der rechte, bei den Nörglern dagegen weist der rechte Stirnlappen eine erhöhte Grunderregung auf. (Jede Hirnhälfte hat ihren Schwerpunkt. Eine bestimmte Funktion ist jedoch selten auf eine Hemisphäre beschränkt. Meist sind beide Hirnhälften aktiv, allerdings nicht im gleichen Ausmaß. Vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig. So werden beim Hören von Musik Töne in beiden Hirnhälften gleichzeitig verarbeitet und zusammengeführt. Dabei wertet die linke Hemisphäre eher einzelne Tonelemente aus, die rechte befasst sich mehr mit der Melodie.)

Gute Stimmung links, schlechte rechts – diesen Zusammenhang konnte Davidson bereits bei Babys beobachten: Kleinkinder, deren rechte Hirnhälfte dominanter war, weinten zum Beispiel mehr, wenn sie von ihren Müttern getrennt wurden. Es ist, als sei ein gewisser emotionaler Charakter schon in der Wiege angelegt.

Der Mensch ist eben nicht nur ein animal rationale, sondern auch ein animal emotionale – wie das mysteriöse Cotard-Syndrom nahelegt.

Menschen, die darunter leiden, sind davon überzeugt, sie seien tot. Sie wundern sich zuweilen, dass sie noch nicht begraben sind. Der Auslöser dieses Syndroms ist weitgehend ungeklärt, doch wird spekuliert, dass bei den Patienten die Sinneswahrnehmungen von der emotionalen Bewertung im Gehirn abgekoppelt sind.

Die Folge: Nichts in der Welt, kein Ereignis, keine Berührung, keine Musik, hat für sie noch irgendeine emotionale Bedeutung. Diese Menschen erleben nichts mehr, sie registrieren nur noch.

Psychiatern gelten die Überzeugungen der Cotard Patienten, sie seien tot, als Wahnvorstellung. Doch für die Betroffenen selbst ist der Wahn bittere Wirklichkeit: Wer von seiner Gefühlswelt abgeschnitten ist, so deren Erkenntnis, der ist vom Leben abgeschnitten.

Im Umkehrschluss aber hieße das: Ich fühle, also bin ich.


Bas Kast, 35, ist Journalist in Berlin.

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