Von der Grube Asse II berichtet Christoph Seidler
Vom Rand des rechtwinkligen Stahlbeckens wuchern weiße Mineralablagerungen wie Geschwüre in das grüne Wasser. Hochkorrosive Flüssigkeit, zehnmal salziger als Meerwasser, plätschert aus einem Plastikrohr.
Ein Laugenbecken in der Grube Asse II, 658 Meter tief in der niedersächsischen Erde. Seit Jahrzehnten lagern hier rund 130.000 Fässer schwach und mittelradioaktiver Abfall. Seit Tagen kommt das ehemalige Salzbergwerk nicht aus den Schlagzeilen, wegen möglicher Einsturzgefahr und dubioser radioaktiver Lauge im Schacht.
Das harmlos klingende Plätschern im Laugenbecken ist einer der Gründe dafür. Seit Jahren dringt unkontrolliert Wasser in die Grube ein, rund 12.000 Liter am Tag. Woher die ungewollten Bäche kommen, weiß niemand so recht. Weil das Wasser auf seinem Weg durch die Grube aber einen Teil des Gesteins auflöst, fürchtet der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, um die Standsicherheit des Bergwerks.
Wegen der unkontrollierten Wasserzuflüsse soll die Grube, von der die meisten Bundesbürger zuvor wohl kaum jemals etwas gehört haben, möglichst schnell geschlossen werden. Aber wie?
"Wir sehen uns absolut außerstande, die Zutrittsstelle abzudichten", sagt Annette Parlitz. Die junge Frau mit dem blauweißen Hemd und der weißen Hose organisiert die Grubenführung für das Helmholtz-Zentrum.
Auf ihrer Brust baumelt ein orangefarbenes Dosimeter. Routiniert spult die sympathische Sprachwissenschaftlerin Fachbegriffe wie "Rahmenbetriebsplan", "Umweltverträglichkeitsstudie" und "Optionenvergleich" ab, während sie unser Fortbewegungsmittel, einen staubigen, offenen Mercedes-Jeep durch die warmen und stickigen Gänge des Bergwerks jagt.
Abgekippt, mit Salz bedeckt, fertig ist das Endlager
Der Atommüll ist verpackt in 200-Liter-Rollreifenfässern. In dunklen Kammern - 60 Meter lang, 40 Meter tief und 15 Meter hoch - lagern sie. Hier wurde früher das Salz abgebaut. 1967 begann man mit der Einlagerung des Mülls. Elf Jahre dauerten die Arbeiten. Ein großer Teil der Abfälle stammt aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe.
Die zumeist mit Bitumen oder Zement ausgegossenen Behälter stehen aufrecht oder liegen auf dem Boden. Offiziell ging es darum, möglichst ideale Lagerformen zu untersuchen. Deswegen heißt die Asse bis heute Forschungsbergwerk. Das ist auch der Grund, warum die Grube im Gegensatz zu anderen deutschen Atomlagern wie Gorleben nicht dem Bundesamt für Strahlenschutz untersteht, sondern dem Niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie.
Von einem rostigen Drahttor vor Kammer 7 aus kann man das Ergebnis dessen sehen, was zum vermeintlichen Nonplusultra der Lagertechnik in der Asse wurde: Ein Radlader fuhr die Fässer in eine der Lagerkammern - und kippte sie über eine Böschung einfach ab. Anschließend kam eine Ladung Salz darüber. Dann wurde die Böschung ein Stück nach oben verlegt, und weiter ging's. Am Ende dann noch mal eine große Fuhre Salz drauf- fertig war das Endlager für die Ewigkeit.
Fässer in einem halben Kilometer Tiefe
"Wenn man viel und schnell lagern will, bringt diese Technik mehr", sagt Annette Parlitz. Und in gewisser Weise hat sie Recht: Das Salz schirmt die Strahlung ab, die Arbeiter haben außerdem nur kurz mit der gefährlichen Fracht zu tun.
Bei den Fässern mit dem mittelradioaktiven Müll war das Prinzip ähnlich: Sie wurden in eine Kaverne in 511 Metern Tiefe fallen gelassen, wo sie sich zu einem gespenstischen Kegel türmen. Aus den Augen, aus dem Sinn, schien die Devise. Für Menschen, die in der Logik der Asse denken, sind solche Verfahren das Normalste der Welt. Für jeden anderen sind sie unbegreiflich - weil klar ist, dass die Behälter nur unter gigantischem Aufwand wieder geborgen werden können.
Das jedoch sei ohnehin niemals die Absicht gewesen, sagt der Betreiber. Hier wurde für die Ewigkeit gelagert, ist auf einem Informationsschild nahe dem Eingang zu lesen.
Auf einer überdachten Bank direkt vor dem Schild sitzt Udo Dettmann. Eigentlich arbeitet er im Rechenzentrum der Uni Braunschweig. Doch in seiner Freizeit beschäftigt er sich vor allem mit dem Kampf gegen die Zustände in der Asse. Damit ich ihn nicht verfehle, hat er ein gelbes "A" aus Holz mitgebracht. Es ist das Erkennungszeichen der Bürgerinitiative "aufpASSEn". Es ist an einigen Häusern hier in der Gegend zu sehen, doch nur vergleichsweise wenige Zeichen des Widerstandes sind in den propreren niedersächsischen Dörfern der Umgebung zu finden. "Es ist nicht Gorleben", sagt Dettmann beinahe ein wenig resigniert.
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