Von der Grube Asse II berichtet Christoph Seidler
Doch gerade erlebt die Protestbewegung eine Renaissance. Am Freitag wollen Dettmann und seine Mitstreiter ein fünf Meter hohes hölzernes "A" am Waldrand, nahe des Eingangs zum Bergwerk aufstellen. "Jetzt kommt wieder Bewegung in die Bevölkerung", glaubt Dettmann. Auf einmal interessiert sich Deutschland - und damit auch die unmittelbare niedersächsische Nachbarschaft - wieder für die prekären Zustände im Berg. Schuld sind nicht zuletzt die Umweltaktivisten - und ein paar tausend Liter radioaktive Flüssigkeit.
Die Lauge ist mit dem Isotop Cäsium-137 belastet und tritt seit einiger Zeit vor der Kammer 12 des Bergwerks aus, in 750 Metern Tiefe. Lange wusste davon kaum jemand etwas.
Woher die strahlende Fracht der Salzbrühe kommt, ist umstritten. Die Betreiberfirma geht davon aus, dass es sich um Rückstände eines Unfalls aus dem Dezember 1973 handelt. Damals hatte ein Gabelstaplerfahrer versehentlich 260 Quadratmeter Grubengang mit radioaktivem Müll besprenkelt. Zusammen mit Salzlauge aus nass verfüllten Kammern des Bergwerkes ergebe sich dadurch der Cocktail.
Asse-Gegner halten dagegen, dass die Fahrbahn nach dem Unfall abgefräst worden sei; Belastungen dürften also kaum mehr auftreten. "Die Unfallthese hat nur der Betreiber", sagt Heike Wiegel. Sie sitzt für die SPD im Kreistag Wolfenbüttel - und wie Dettmann in der Asse-II-Begleitgruppe, einem Diskussionsforum, das kritische Öffentlichkeit, Lokalpolitiker, Betreiber und Aufsichtsgremien zusammenbringt.
Wiegel befürchtet, dass es in Wahrheit leckende Atommüllfässer in der verschlossenen Kammer 12 sind, die die Salzlauge achtmal radioaktiver machen, als sie laut Grenzwert sein dürfte. Dies zu beweisen, ist aber schwierig, da derzeit niemand daran denkt, die fragwürdige Kammer 12 zu öffnen.
Nicht nur über die Herkunft der Radioaktivität wird gestritten - man weiß auch nicht, wie man mit ihr umgehen soll. Seit dem Jahr 2005 haben die Betreiber die Flüssigkeit nämlich über eine eigens angelegte Bohrung in tiefere Bereiche des Bergwerks rauschen lassen, auf 925 Meter. Zunächst führte ein Schlauch zum Bohrloch in die Tiefe, später wurden 1000-Liter-Kunsstoffbehälter und ein Radlader zum Transport verwendet.
Dubios ist allerdings die Rechtsgrundlage für diese Aktion, die unlängst vom Niedersächsischen Umweltministerium gestoppt wurde. Das Helmholtz-Zentrum erklärt, man habe stets mit Zustimmung des Bergamtes gehandelt. Allerdings trägt dessen Genehmigung ("Sonderbetriebsplan Nr.18/2007"), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, das Datum vom 3. März dieses Jahres. Die rechtlichen Umstände würden derzeit geklärt, heißt es aus dem Bergamt. Genaueres könne man derzeit nicht sagen. Die Asse-Gegner sind sauer. Udo Dettmann fordert, dass die strahlende Lauge in Fässer gefüllt und zurück an die Erdoberfläche gebracht wird. "Warum soll ich mit Atommüll aus der Asse anders umgehen als mit anderem deutschen Atommüll?"
Geplante Flutung würde Fässer zerstören
Derzeit sucht eine Expertengruppe nach Lösungen. Das Helmholtz-Zentrum würde die gesamte Grube am liebsten mit einer Magnesiumchloridlösung fluten, einem sogenannten Schutzfluid. "Wir sehen dazu keine Alternative", sagt Annette Parlitz zu dem knapp eine Milliarde Euro teuren Plan. Umweltschützer warnen davor, dass eine Flutung endgültig wäre, weil die salzige Flüssigkeit die Fässer auflösen würde. Gleichzeitig sei überhaupt nicht geklärt, ob die strahlende Suppe dauerhaft von der Biosphäre abgeschlossen wäre - oder ob nicht doch Radionuklide ins Trinkwasser und die Atmosphäre vagabundieren würden.
Deswegen, so sagen Aktivisten wie Dettmann und Wiege, sollten andere Konzepte zum Zuge kommen: Zum Beispiel ließe sich die gesamte Grube unter einen Druck von 80 Bar setzen, um einen Kollaps zu vermeiden. Oder, und das sei noch besser, man bringe den gesamten Müll der Asse wieder ans Tageslicht. Kostenpunkt: drei bis vier Milliarden Euro, so schätzt das Helmholtz-Zentrum.
Umstritten ist, wie viel Zeit für Überlegungen zur Zukunft des Endlagers eigentlich bleibt, denn der Berg bröckelt. Das Helmholtz-Zentrum mahnt zur Eile und verweist auf die Salzwasserzuflüsse. Für eine Standfestigkeit der Grube könne man nur bis zum Jahr 2014 garantieren, die Entfernung des eingelagerten Mülls würde schlicht zu lange dauern. "Die dafür nötigen 40 Jahre haben wir nicht", sagt Annette Parlitz.
"Ich glaube nicht, dass der Druck des Betreibers gerechtfertigt ist", kontert Heike Wiegel. Seit 20 Jahren gebe es dieselben Mengen an Laugezuflüssen, nichts habe sich geändert. Man müsse verhindern, dass die Asse in aller Eile zugeschüttet werde - nicht zuletzt wegen ihrer Präzedenzwirkung: "Wenn ich aus den Fehlern der Asse nicht lerne, dann fahre ich auch Morsleben und Gorleben vor die Wand", warnt Udo Dettmann.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH