Hamburg/New York - Für die Wächter über die sportliche Fairness ist es eine kleine Katastrophe: Dänische Wissenschaftler wecken massive Zweifel an der Zuverlässigkeit des Testverfahrens für das Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo). Das Timing ist brisant: In der kommenden Woche startet die Tour de France; die Olympischen Spiele in China beginnen in sechs Wochen.
Forscher am Kopenhagener Zentrum für Muskelforschung hatten acht Studenten - allesamt keine Athleten - Epo gegeben. Die Freiwilligen bekamen das Mittel auf ähnliche Art verabreicht wie Sportler, die betrügen wollen: zwei Wochen lang regelmäßige Injektionen, um die Anzahl der roten Blutkörperchen zu erhöhen und so den Zellen mehr Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, danach eine abnehmende Dosierung über weitere fünf Wochen.
Während dieser sieben Wochen nahmen die Forscher Urinproben und ließen sie anschließend von zwei Labors auswerten, die von der Welt-Antidoping-Agentur Wada akkreditiert sind. Das ernüchternde Ergebnis: Die Messungen vielen völlig unterschiedlich aus. Das erste Labor wies in den ersten zwei Wochen des Experiments bei allen Probanden Epo-Missbrauch nach. Das zweite Labor aber konnte für denselben Zeitraum überhaupt keinen Missbrauch, sondern nur sieben Verdachtsfälle feststellen. Einen Studenten bezeichnete es gar als gänzlich clean, wie das Team um Carsten Lundby im Fachblatt "Journal of Applied Physiology" berichtet.
Krasse Widersprüche bei den Analysen
Ab der dritten Woche des Dopings hätten die Labors dann immer seltener Epo-Missbrauch erkennen können - obwohl die Leistungsfähigkeit der Probanden weiterhin gesteigert gewesen sei. "Diese Studie demonstriert, wie schlecht zwei von der Wada akkreditierte Labore übereinstimmen", heißt es in dem Fachartikel. Das vernichtende Urteil der Experten: Sind die ersten zwei Wochen mit Intensiv-Doping erst einmal vorbei, "erscheint die Fähigkeit zum Aufspüren von Epo minimal".
Bei der Wada gibt man sich zerknirscht. "Ich habe noch nie eine so drastische Situation gesehen, wie sie in diesem Artikel dargestellt wird", sagte Wada-Forschungsdirektor Olivier Rabin der "New York Times". Er bezweifelte, dass die Untersuchung den wahren Zustand des Epo-Testverfahrens wiedergebe. Forschungsleiter Lundby sagte, er habe die Studie mit "gemischten Gefühlen" veröffentlicht: Athleten könnten sich nun erst recht ermutigt fühlen, mit Epo zu dopen.
Gut für Patienten, schlecht für Dopingfahnder
Epo ist eine genetisch veränderte Version des natürlichen Proteins Erythropoietin. Da es die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht, wird es in der Medizin zur Behandlung von Blutarmut eingesetzt, die unter anderem durch Krebs oder Nierenerkrankungen hervorgerufen werden kann. "Die Liste solcher Substanzen wird immer länger", sagte Lundby. "Aus der Sicht von Patienten ist das großartig, aber aus der Sicht der Doping-Bekämpfung ist es schlecht. Man wird nach immer mehr Substanzen suchen müssen."
In einem Kommentar im "Journal of Applied Physiology" heißt es, dass es schon seit längerem Zweifel an der Zuverlässigkeit des seit acht Jahren verwendeten Epo-Urintests gibt. Die neue Studie zeige nun, dass man die Verfahren entweder verbessern oder eine neue Strategie wählen müsse. Blutanalysen seien eine mögliche Alternative.
"Die Studie ist zweifellos seriös. Aber sie bringt nichts Neues", sagte Dopingexperte Werner Franke. "Wir haben das schon vor zwei Jahren publiziert und eine Verbesserung der Analysemethoden gefordert." Der Heidelberger Molekularbiologe hatte im Mai 2006 gemeinsam mit seinem Kollegen Hans Heid vor "Fallgruben, Fehlern und Risiken von falsch-positiven Ergebnissen bei Epo-Dopingtests" gewarnt.
"Der Epo-Test ist seit 2003 mehrfach verbessert worden", ergänzte Franke, "und der letzte Stand ist bei dieser dänischen Studie noch nicht berücksichtigt." Auf frühere Kritikpunkte hätten die Wada und ihre Labors reagiert und die Analyseverfahren "deutlich verbessert". Allerdings gilt der Epo-Urintest als sehr kompliziert, weil winzige chemische Differenzen zwischen körpereigenem und künstlich zugeführtem Erythropoietin absolut sicher nachgewiesen werden müssen.
Michael Joyner von der Mayo Clinic in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota), einer der Autoren des Kommentars, betonte die Brisanz der Epo-Studie im Zusammenhang mit weiteren jüngsten Erkenntnissen. Erst im vergangenen Monat hatten schwedische Forscher die Zuverlässigkeit der Urintests für das ebenfalls als Doping-Substanz verbreitete Hormon Testosteron bezweifelt. Das Ergebnis ihrer Untersuchung: Viele Männer, insbesondere solche asiatischer Abstammung, können aufgrund einer bestimmten Gen-Variante die Vorteile des Testosteron-Dopings voll auskosten - ohne das Risiko, erwischt zu werden.
Der von den Schweden in Misskredit gebrachte Testosteron-Test soll übrigens - ebenso wie der in Dänemark geprüfte Epo-Test - sowohl bei der Tour de France als auch bei den Olympischen Spielen eingesetzt werden.
mbe/dpa/AP
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