Die Gewinnung der Aufmerksamkeit mit Hilfe psychotechnologischer und industrieller Mittel ist ein globales Phänomen, das alle Kontinente und Zivilisationen beeinträchtigt, das sämtliche Generationen und soziale Schichten betrifft und in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt mehr als sechs Stunden täglich beträgt.
Frederick Zimmerman und Dimitri Christakis haben in einer neueren Ausgabe der Zeitschrift "Pediatrics" betont, dass in den USA 40 Prozent der Säuglinge ab einem Alter von drei Monaten regelmäßig fern-, DVDs oder Videoaufzeichnungen sehen. Dieses Verhältnis steigt ab dem Alter von zwei Jahren auf 90 Prozent. In Europa, "haben, abhängig vom jeweiligen Land und vom sozialen Umfeld, bereits ein bis zwei Drittel der Kinder einen Fernseher in ihrem Zimmer (75 Prozent in den benachteiligten Milieus in Großbritannien). Diese Zahlen beziehen sich auf Kinder im Alter von null bis zu drei Jahren".
Bereits 2004 hatten Zimmerman und Christakis in "Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine" festgestellt, dass das Fernsehen während der psychischen Entwicklung des Kindes schwere Aufmerksamkeitsstörungen verursachen kann. Vergleichbare Beobachtungen haben die Staatskasse für Familienbeihilfen in Frankreich veranlasst, staatliche Organe und die Familien mit dem Hinweis zu warnen, dass ein Jugendlicher, "der täglich mehr als drei Stunden fernsieht, im Verhältnis zu denen, die täglich weniger als eine Stunde fernsehen, seine Chancen halbiert, eine höhere Schulbildung zu absolvieren".
Im Juni 2007 wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das in schweren Fällen jugendlicher Delinquenz "den Einwand der Minderjährigkeit" abgeschafft hat, nach dem ein unmündiges Kind nicht wie ein mündiger Erwachsener abgeurteilt werden kann. Zur selben Zeit, als dieser Gesetzentwurf diskutiert wurde, präsentierte eine Werbekampagne Plakate von Kindern, die deutlich zeigten, dass sie ihres Vaters oder Großvaters, die mit ihnen spielen wollten, zutiefst überdrüssig waren. "Unsere Kinder verdienen mehr als das" verkündeten diese Plakate, wobei "das" ihre mündigen Eltern und Großeltern bezeichnete. Sie verdienten dagegen Canal J, einen Fernsehsender, der sich auf die Eroberung dieser wichtigen Zielgruppe der Unmündigen spezialisiert hat (auf die verfügbare Zeit ihrer Hirne).
Seit Oktober hat der Fernsehsender Baby First über Canal Sat mit der Ausstrahlung seiner Sendungen auf französischem Gebiet begonnen. Dieser Sender hat sich auf Kleinkinder unter drei Jahren spezialisiert. Nun haben sich weder die französische Regierung, die kurzerhand bereit war, Kinder anstelle von verantwortungslosen Erwachsenen zu verurteilen, noch die Europäische Union, die die Fernsehwerbung weiter liberalisiert hat, der Einrichtung dieses Senders widersetzt, der bereits jenseits des Atlantiks Verwüstungen angerichtet hat. Von dieser Art ist die zeitgenössische Vorherrschaft der Gleichgültigkeit, das heißt der fehlenden Sorge.
Dieser öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft bedeutet schreiben, bedeutet, "sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften" zu wenden. Nun ermöglicht die Technik der Entwicklung von Aufmerksamkeit auch deren Ablenkung und Benebelung, das heißt deren De-Formierung, die Kant als "Faulheit" und "Feigheit" des Erwachsenen bezeichnete, der sich dem Zustand der Unmündigkeit ausliefert. "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat (...), so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen."
Mit anderen Worten, wenn die Aufklärung als Eroberung der Mündigkeit und als Bejahung von Mut und Willen gegen Faulheit und Feigheit das Schreiben, also auch das Lesen als Psychotechniken der Aufmerksamkeitsentwicklung voraussetzt, und wenn die Nootechnik des buchförmigen Hypomnematon Voraussetzung für eine kritische Öffentlichkeit wie die "Gelehrtenrepublik" ist, so darf das Buch, das ein Pharmakon ist, dennoch nicht den Verstand ersetzen. Weil das Buch, dieses Heilmittel (pharmakon) gegen die Schwäche unseres Geistes, eine Psychotechnik der Aufmerksamkeitsentwicklung wie auch Grundlage für den Monotheismus und die Philosophie, dadurch zu einem Gift (pharmakon) für den Geist wird.
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