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Hirnforschung und Medien Wie uns das Fernsehen zu Kindern macht

2. Teil: Wie die reale industrielle Psychomacht eine kollektive und global synchronisierte Halluzination erschafft

Dies sagte bereits Platon, als er den Sophisten vorwarf, die Logographie zu praktizieren und die dialektische Übung, das Denken (als Dialog oder dianoia) durch eine rhetorische Technik zur Erzeugung von "Fertiggedachtem" zu ersetzen, indem sie die psychotechnischen Kräfte der Aufmerksamkeitsentwicklung, die der logographischen Hypomnesis zu eigen sind, ausbeuteten: durch Ausbeutung der Eigenschaften des Buchs. Die Frage, die Kant hier aufwirft, betrifft eine Pharmakologie des Geistes und der Mündigkeit als richtigem Gebrauch dieser Pharmaka. Sie führen bei falscher Anwendung stets zur Schaffung von Sündenböcken. In unserem Fall sind es die unmündigen Kinder, die zu Vorschriftenträgern ihrer Eltern gemacht werden, wodurch sie auf den Status minderjähriger Erwachsener festgelegt und zugleich in rechtlicher Hinsicht ihrer Minderjährigkeit beraubt werden.

Die Frage nach dem Pharmakon steht am Ursprung der philosophischen Frage an sich. Die Tatsache, dass der Sophismus diese Frage bereits innerhalb der Philosophiekritik aufgeworfen hatte, bedeutet, dass dies auch eine Frage des Geldes und seiner Rolle für das Geistesleben ist. Bei Kant sagt sich der unmündige faule und feige Erwachsene: "Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."

Platon zufolge schlug bereits der Sophismus den jungen Athenern vor, gegen Bezahlung die Zeit der Entwicklung ihrer Seele zu überbrücken, indem er ihre Aufmerksamkeitsentwicklung beschleunigte, wenngleich als Fähigkeit, die Aufmerksamkeit anderer zu gewinnen, und zwar durch die Aneignung der Techniken des pithanon, das heißt der Überredung, die es ermöglichten, die Aufmerksamkeit des anderen zu kontrollieren und ihn zur Äußerung seines eigenen Standpunkts zu bringen. Ebenso wie es ein Traumdeuter, der thaumaturgos der Griechen, ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt dessen, wozu man sich bekennen sollte, tat. Heutzutage ist es das Geld der Werbeindustrie, das die Zerstörung der Mündigkeit bezahlt (und die Konsumenten für diese Verschwendung zahlen lässt). Davon zeugen nicht nur die Gleichgültigkeit, sondern auch die "Nebenwirkungen", vor allem die weitverbreitete Rücksichtslosigkeit.

Es ist nicht hinreichend berücksichtigt worden, dass Kant eine Situation beschreibt, die nach Platon als eine pharmakologische zu bezeichnen wäre. Eine Situation, in der die Techniken zur Aufmerksamkeitsgewinnung die Entwicklung wie auch die Zerstörung von Aufmerksamkeit ermöglichen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Techniken der Aufmerksamkeitsentwicklung und -gewinnung. Bereits der Schamane ist jemand, der die Aufmerksamkeit der Gruppe gewinnt und entwickelt. Die Predigt ist eine vergleichbare Kunst. Es ist das Bildungswesen, das eine Aufmerksamkeit formt, welche die die Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung und Deformation berücksichtigt: die Irrtümer und Wahrheiten, die durch die Pharmaka erzielt werden können.

Wir, die Frauen, Männer und Kinder des 21. Jahrhunderts, sind allerdings mit etwas konfrontiert, das nicht mehr nur eine simple psychotechnische Apparatur zur Gewinnung und Entwicklung von Aufmerksamkeit ist. Es handelt sich um ein psychotechnologisches Industriesystem, das eine reale industrielle Psychomacht errichtet hat, die den Prozess fortsetzt, den Foucault als Biomacht beschrieben hatte, die diese jedoch auch in ihren Grundfesten erschüttert. Das erfordert letztendlich eine Wiederaufnahme der Analysen von Foucault, der den pharmakologischen Charakter aller Formen der Sorge und ihrer Auswirkungen auf den Begriff der Schule vollständig vernachlässigt.

Die Menschheit hat noch nie ein vergleichbares Phänomen der kollektiven, hyperrealistischen und global synchronisierten Halluzination erlebt, welche die industrielle Psychomacht verursacht hat. Eine Psychomacht, die den Individuationsprozess umkehrt und in Wahrheit zu dessen Verlust führt, damit zur Unmündigkeit der Erwachsenen, zur Verantwortungslosigkeit der Konsumtion, zur Preisgabe der Sorge für die jungen Generationen und zur Gleichgültigkeit.

Eine neue Politik ist erforderlich, um die Psychomacht, die zur Zeit in den Händen des Marketings liegt, in eine Noomacht umzuwandeln; in eine Geistesmacht, die imstande ist, das technologische Pharmakon der Aufmerksamkeitsgewinnung in ein Heilmittel anstelle eines Gifts zu verwandeln. Sie stellt die eigentliche Herausforderung für die Aufgabe dar, die der französische Premierminister François Fillon in seiner Regierungserklärung als "Schlacht für die Intelligenz" bezeichnet hat.

Aus dem Französischen von Susanne Baghestani

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insgesamt 230 Beiträge
JaIchBinEs 30.06.2008
Ich kann dem Beitrag (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,547846,00.html) nur zustimmen. Für jemanden, der keine Aufgabe oder Rolle in seinem Leben gefunden hat und das vielleicht auch nicht merkt, kann visueller [...]
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ich kann dem Beitrag (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,547846,00.html) nur zustimmen. Für jemanden, der keine Aufgabe oder Rolle in seinem Leben gefunden hat und das vielleicht auch nicht merkt, kann visueller Medienkonsum zur Falle werden: Im Fernsehen läßt er dann sein Leben leben, jegliche Eigeninitiative erlischt.
tasmanien 30.06.2008
Eindeutig ja! Kreativität entsteht aus Langeweile! Was ist uns nicht alles eingefallen um unserer Langeweile zu entkommen!
Eindeutig ja! Kreativität entsteht aus Langeweile! Was ist uns nicht alles eingefallen um unserer Langeweile zu entkommen!
Emerica 30.06.2008
Ui, also dass einem französischen Philosophen die (ich mutmaße einmal) amerikanische Dominanz in TV- und Kinofilmen säuerlich aufstöß, kann ich ja nachvollziehen... Aber ich als jemand, der mit TV - und noch viel schlimmer - [...]
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ui, also dass einem französischen Philosophen die (ich mutmaße einmal) amerikanische Dominanz in TV- und Kinofilmen säuerlich aufstöß, kann ich ja nachvollziehen... Aber ich als jemand, der mit TV - und noch viel schlimmer - Computerspielen aufgewachsen ist und sich trotzdem (!) für Geschichte und Politik einigermaßen interessiert, würde diesen Herrn gerne fragen ob es denn früher wirklich besser war. Zum Beispiel 1914, als die deutsche Jugend (und auch die französische) von der Schulbank aus, belesen in Goethe, Schiller und von mir aus auch Voltaire, begeistert in den 1. Weltkrieg zog... Gut, es war damals keine "global synchronisierte Halluzination", aber zumindest eine "national synchronisierte" - Und das ganz ohne TV! Und so könnte man weiter die über 2000jährige europäische Geschichte aufrollen und unzählige andere Beispiele finden - nicht zuletzt die Religion, denn auch diese verwandelt Erwachsene in unmündige Kinder, wenn man nur böswillig genug ist, dass Gerede vom ewigen Seelenheil und der Drohung von Fegefeuer, Hölle etc. so zu interpretieren. Lange Rede kurzer Sinn - Läge Hollywood in Frankreich, fände dieser Philosoph gewiss ein anderes Thema über dass er sich echauffieren könnte. Vielleicht die "global synchronisierte" Popmusik???
Ich kann ihn da nur unterstützen. Schon wer einen Film seht, nachdem er das Buch gelesen hat, ist enttäuscht. Weil er sich mit seiner Phantasie konfrontiert sieht. Schon die einfach Vorstellung, dass da ein blondes Mädchen [...]
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ich kann ihn da nur unterstützen. Schon wer einen Film seht, nachdem er das Buch gelesen hat, ist enttäuscht. Weil er sich mit seiner Phantasie konfrontiert sieht. Schon die einfach Vorstellung, dass da ein blondes Mädchen den Weg entlanggeht, macht ein eigenes Buch auf. Was für ein Weg, was für ein Mädchen, wie blond usw., das wird in einem Film von den Bildern bestimmt. Im Film hat man noch nicht mal die Möglichkeit, seinen eigenen Gedanken nach gehen. Man sieht die Bilder und vorbei ist es. Es gibt eine Menge Pädagogen, die Kinder das Fernsehen unter 10-12 Jahren gerne verbieten würden. Wobei ich das, wenn ich die Serien für Kinder mal sehe, durchaus verstehen kann;o). MfG. Rainer
magrat 30.06.2008
Das erinnert doch sehr an die Aussagen von Neil Postman vor ca. zwanzig Jahren – neue Erkenntnisse kann ich darin keine wiederfinden....und prinzipiell finde ich ein Nachdenken über Alternativen und deren [...]
Das erinnert doch sehr an die Aussagen von Neil Postman vor ca. zwanzig Jahren – neue Erkenntnisse kann ich darin keine wiederfinden....und prinzipiell finde ich ein Nachdenken über Alternativen und deren alltagstaugliche+attraktive Umsetzung immer konstruktiver als dieses ewig-pessimistische Gejammer....ist aber vielleicht auch anspruchvoller, denn da geht es dann um die Handlungsebene: *wie* setze ich das um(z.b.für Eltern)... Der Anspruch/Vorwurf/Anklage allein hat noch nie weitergeholfen.
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