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Körperwahrnehmung Der sechste Sinn

2. Teil: Wurde aus Körper-Bewusstheit Selbst-Bewusstheit?

Bei Feldstudien im Regenwald Sumatras war Povinelli und seinem Kollegen John Cant aufgefallen, dass kleinere Affen sich mit Hilfe weniger, stereotyper Bewegungsschemata durchs Geäst hangeln, Orang-Utans sich jedoch äußerst flexibel und erfindungsreich durch die Bäume schwingen. Povinelli und Cant vermuten, dass nur ein hoch entwickeltes Körperbewusstsein solche Bewegungskreativität ermöglicht.

Für große Tiere ist die Bewegung im Geäst anspruchsvoller als für kleine. Nicht nur, weil die Schwergewichte meist an mehreren Ästen gleichzeitig turnen müssen. Auch hängen die Äste unter ihrem Gewicht stark durch und schwanken, was das Kraxeln und das Wechseln zwischen Bäumen kniffliger macht. Große Affen kommen deshalb mit Bewegungsstereotypien nicht mehr aus. An deren Stelle tritt ein neues "psychologisches System", das Freiheit, Flexibilität und Bewegungsintelligenz stark vergrößert: das Bewusstsein für das körperliche Selbst.

Wir Menschen gehen trotzdem nicht nur mit Werkzeugen viel geschickter um als Affen. Gefühlsbetont tanzen wir zu schöner Musik. Und nach entsprechendem Training turnen viele von uns besser, als Menschenaffen es je könnten. Im Zuge der Evolution vom Großaffen zum Menschen hat sich der Körpersinn offenbar noch einmal sprunghaft entwickelt - und an die menschliche Lust gekoppelt, forschend und übend mit unseresgleichen und den Dingen umzugehen.

So stapeln Kinder Bauklötze und andere Gegenstände zu immer höheren Türmen. Indem sie mit Objekten hantieren, lernen sie viel über Massenverteilung, Schwerpunkt und Stabilität ihrer Bauwerke.

Ian Waterman muss permanent agieren wie ein Topathlet

Die Geduld der Menschenaffen ist da schneller am Ende. Povinelli glaubt, dass diese Tiere nur ein rudimentäres Gefühl für die mechanischen Eigenschaften von Gegenständen entwickeln, weil ihr Verständnis dafür noch vom Sehsinn geprägt ist. Deshalb hätten Affen von Masseverteilung und Schwerpunkt kaum eine Ahnung.

Menschen nutzen ihren Körpersinn viel intensiver als Affen, um die eigene Körpermechanik und die Physik der Dinge zu begreifen. Die Augen sind nur ein unvollständiger Ersatz. Das Schicksal Ian Watermans zeigt: Es bedarf jahrelangen harten Trainings, die mit dem Körpersinn verlorene Kontrolle wenigstens zum Teil zurückzugewinnen und mit Hilfe der Augen etwa einen Becher zu greifen. Die meisten körperblinden Menschen bleiben lebenslang ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt.

Dass Ian Waterman es geschafft hat, sogar wieder zu gehen, ist eine Ausnahme. Er verdankt das vor allem einem selbst erdachten kreativen Trainingsprogramm, seinem eisernen Erfolgswillen und Fleiß. Noch immer wirken selbst Alltagsbewegungen oft unbeholfen. Nichts ist automatisch, er muss jedes Detail seiner Aktionen planen. Wenn er sich bewegt oder auch nur sitzt, darf seine Konzentration keinen Augenblick nachlassen. Die ganz normalen Bewegungen eines Tages kosten ihn die Anstrengung eines Topathleten, wie er sagt.

Gesunde Menschen dagegen bemerken kaum, in welche Richtung und wie stark sie sich zurücklehnen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Über das Körpergefühl geschieht das wie von selbst.

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