Paris - Zehn Tage nach dem Zwischenfall im südfranzösischen Atomkraftwerk Tricastin, bei dem hochgiftiges Uran ausgetreten war, wird nun die Regierung aktiv. Frankreichs Umweltminister Jean-Louis Borloo kündigte an, das Grundwasser in der Nähe aller französischen Atomanlagen solle untersucht werden. Der vor einem Monat eingesetzte Atomausschuss solle zunächst prüfen, welche Folgen der Vorfall in Tricastin vor Ort habe. Dann solle der Ausschuss auch die Strahlungswerte sämtlicher französischer Atomanlagen messen, vor allem im Grundwasser in der Nähe der Anlagen.
Er wolle größtmögliche "Durchschaubarkeit", sagte Borloo. "Die Leute sollen nicht das Gefühl haben, dass wir etwas verheimlichen." Am Freitag werde die Chefin des französischen Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, in Tricastin mit Angestellten der Tochterfirma Socatri reden, bei der sich der Zwischenfall Anfang vergangener Woche ereignet hatte, sagte der Minister. Er habe Lauvergeon gesagt, sie solle eine betriebsinterne Anhörung einleiten und "alle nötigen Konsequenzen" aus dem Vorfall ziehen, wenn sich herausstellen sollte, dass Mitarbeiter dort Fehler gemacht hätten.
Aus der Urananreicherungsanlage von Socatri war am Montag vor einer Woche radioaktive Flüssigkeit in die Umwelt gelangt. Es handelte sich um rund sechs Kubikmeter Wasser mit einem Gehalt von insgesamt 74 Kilogramm Uran. Die Atomaufsicht hat die Anlage bereits schließen lassen.
Französische Atomkraftgegner hatten am gestrigen Donnerstag unabhängige Messungen verlangt, nachdem Grundwasseranalysen im Umkreis Tricastin beunruhigende Ergebnisse erbracht hatten. Das Institut für Strahlenschutz und Atomsicherheit (IRSN) stellte an vier Messstellen einen deutlich erhöhten Urangehalt fest, der sich nicht mit dem Zwischenfall von vergangener Woche erklären lässt. Angenommen wird daher, dass die Strahlenbelastung im Grundwasser älter ist und möglicherweise schon vor Jahren Uran aus der Anlage ausgetreten war.
Der Verdacht bezieht sich vor allem auf einen radioaktiven Müllberg aus den siebziger Jahren. Damals waren rund 15.000 Kubikmeter atomare und chemische Abfälle in Tricastin vergraben worden, die das Militär bei der Anreicherung von Uran produziert hatte. Vor zehn Jahren befand der französische Brennstabhersteller Cogéma, der später in Areva aufging, dass der Müllberg nicht abgetragen werden müsse; die Industrie versicherte stets, er bedeute keine Gefahr.
Frankreich bezieht rund vier Fünftel seines Stroms aus Atomkraftwerken. Das Land hat knapp sechzig Reaktoren in Betrieb; Tricastin ist nach Angaben des Energieversorgers Eléctricité de France (EDF) die größte Atomanlage der Welt.
hda/AFP
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