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22.07.2008
 

Terrorismusgefahr

Geheimdienstexperte fordert Regulierung der Wissenschaft

Von Markus Becker, Barcelona

Verringert die Wissenschaft die Gefahr von Anschlägen - oder verleiht sie Terroristen erst die teuflischsten Werkzeuge? Richard Mottram, bis 2007 oberster Terrorbekämpfer der britischen Regierung, fordert eine strenge Regulierung der Forschung. Aus Sicherheitsgründen.

Als Freund des offenen Wortes ist Richard Mottram in Großbritannien bekannt: Er war für die Finanzierung der britischen Geheimdienste verantwortlich, verfasste strategische Geheimdienstberichte und war der zentrale Koordinator bei zivilen Notständen - und legte sich gern auch mal mit Ministern an. Seit er im vergangenen Jahr sein Amt abgegeben hat, muss er erst recht kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Und von seiner Freiheit macht Sir Richard nun regen Gebrauch. Etwa indem er eine strenge Regulierung der Wissenschaft fordert, um die Gefahr verheerender Terroranschläge zu verringern - und das ausgerechnet beim diesjährigen European Science Open Forum (Esof), dem größten interdisziplinären Forschertreff Europas.

Anti-Terror-Einheit in Australien (Archivbild): "Schwierig, ein Kontrollregime zu errichten, das global effektiv ist"
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Anti-Terror-Einheit in Australien (Archivbild): "Schwierig, ein Kontrollregime zu errichten, das global effektiv ist"

"Es ist eine heikle Tatsache, dass Wissenschaftler, Ingenieure und Mediziner eine wichtige Rolle als Terroristen spielen", sagte Mottram bei der Tagung im spanischen Barcelona, die am Dienstag zu Ende geht.

"Es besteht das Risiko, dass ungenügend regulierte Forschungsaktivitäten und die unbeschränkte Weitergabe von Wissen die terroristische Bedrohung in ihren schlimmsten Formen bedeutend verstärken." Gemeint sind damit chemische, biologische und nukleare Angriffe - denn dass der Terror mit konventionellen Waffen weiterbestehen werde, hält Mottram ohnehin für "unvermeidbar".

Das ist starker Tobak für die Wissenschaftsgemeinde, die ohnehin verunsichert ist darüber, wie sie mit potentiell sicherheitsrelevanten Forschungsergebnissen umgehen soll. In den USA etwa hat seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 und den Milzbrandpulverbriefen an Politiker eine Mischung aus teils harschen gesetzlichen Regelungen, Alleingängen einzelner Institute und vorauseilender Selbstzensur ein angstvolles Klima in der Forschungslandschaft geschaffen. Das Misstrauen zwischen Regierung und Wissenschaftlern sitzt tief - und nicht nur innerhalb der USA.

"Falls es eine einprozentige Möglichkeit gibt, dass pakistanische Wissenschaftler al-Qaida helfen, eine Atomwaffe zu entwickeln, müssen wir das als Gewissheit annehmen", soll US-Vizepräsident Richard Cheney gesagt haben. Der Satz ist als die "Ein-Prozent-Doktrin" in die Annalen eingegangen, und er umreißt eine einfache Maxime: Drohen katastrophale Folgen, muss eine Regierung entschieden handeln - auch wenn die Bedrohung mit nur geringer Wahrscheinlichkeit tatsächlich vorhanden ist.

Wissenschaftler meiden manche Forschung von vornherein

"Wenn ich während meines Lebens in Regierungsdiensten eines gelernt habe", sagt Mottram, "dann das: Sag' niemals nie." Immer wenn jemand behaupte, irgendetwas könne ganz sicher nicht passieren, "dann tritt es wenig später üblicherweise ein". Und eben aus diesem Grund, so Mottram, gehöre die Wissenschaft reguliert und die Weitergabe von Wissen eingeschränkt.

Viele Wissenschaftler sehen das freilich anders. Der Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin etwa warnte jüngst auf SPIEGEL ONLINE vor einem neuen "dunklen Zeitalter" der Desinformation und Ignoranz, wenn die Weitergabe von Wissen weiterhin beschränkt werde, sowohl durch ein restriktives Patentrecht als auch durch politische Vorgaben.

Zudem hält Laughlin staatliche Regeln, wie etwa Mottram sie fordert, für kaum wirkungsvoll. Auch Mottram selbst räumte in Barcelona ein, dass "es schwierig wird, ein Kontrollregime zu errichten, das global effektiv ist". Das gelte etwa im Bereich der Nukleartechnologie, in dem künftig eine intensive Verbreitung von Know-how auch in politisch weniger stabile Staaten bevorsteht, sollte es tatsächlich zu einer globalen Ausweitung der Atomenergienutzung kommen.

In seinem Vortrag warf Mottram lediglich die Frage auf, inwiefern die staatliche Kontrolle durch die Selbstkontrolle von Forschern ergänzt werden könne - ohne eine Antwort zu geben. Doch das hat die Wissenschaft schon selbst erledigt, wie Laughlin kritisiert. Im Oktober 2003 haben US-Forscher das Pockenvirus genetisch manipuliert. Das furchterregende Ergebnis: eine hundertprozentige Tödlichkeit und keine Möglichkeit einer Schutzimpfung. Selbst Wissenschaftler wandten sich mit Grausen ab und erklärten, diese Ergebnisse hätten nie veröffentlicht werden dürfen.

"Damit kam die Maschinerie der Selbstzensur in Gang", meint Laughlin. Inzwischen funktioniere die "freiwillige" Selbstzensur: Aus Angst, an den Pranger gestellt zu werden, keine Fördermittel mehr zu bekommen, den Job zu verlieren oder gar in Handschellen abgeführt zu werden wie der US-Seuchenexperte Thomas Butler, würden viele Wissenschaftler bestimmte Forschungsprojekte von vornherein meiden.

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