Von Markus Becker, Barcelona
Dabei sind es nicht unbedingt brandneue Erkenntnisse aus Hightech-Labors, die Terroristen interessieren - sondern teils uralte Krankheiten wie Pest, Cholera, Typhus, Milzbrand oder Pocken. Tückisch sind sie vor allem deshalb, weil sie in den Industrieländern erfolgreich bekämpft wurden und teils ausgerottet sind. Ein erneuter Ausbruch träfe die Gesundheitssysteme vielerorts völlig unvorbereitet.
Doch Mottram will in der Wissenschaft nicht nur eine potentielle Gefahr sehen. Sie könne auch helfen im Kampf gegen den Terrorismus. Wie wichtig diese Hilfe sein kann, weiß Mottram aus eigener leidvoller Erfahrung: Als Vorsitzender des Joint Intelligence Committee der britischen Regierung musste er Schadensbegrenzung betreiben, nachdem sein Vorgänger auf diesem Posten maßgeblich zu den grotesk übertriebenen Geheimdienstberichten über irakische Massenvernichtungswaffen beigetragen hatte.
"Eine klare Lehre aus dieser Episode ist, dass sich die Analyse und Bewertung von Geheimdienstinformationen immer auf den Rat von Wissenschaftlern stützen sollte", so Mottram. Die britische Politik achte inzwischen stärker darauf, "tiefe wissenschaftliche Expertise" innerhalb der Geheimdienste zu erhalten.
Auch auf anderen Feldern wünscht Mottram sich die Hilfe der Wissenschaft, unter anderem durch
"Natürlich bringen diese Dinge auch gewaltige Fragen über die Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten mit sich", meint Mottram. Mit dieser Einschätzung dürfte er nicht allein stehen. Nach seinem Vortrag wurde der Sicherheitsexperte von einem Neurowissenschaftler aufgefordert, zu Plänen in den USA Stellung zu nehmen, mit Hilfe von Hirnscans terroristischen Gedanken auf die Spur zu kommen, lange bevor es zu Anschlägen kommt.
Nuklearer Terrorakt wäre nicht das Ende der Zivilisation
"Fast alle Aktionen einer Regierung haben massive, nicht geplante Konsequenzen", so Mottram. "Und viele Maßnahmen, die komplexe Gesellschaften beeinflussen sollen, sind extrem gefährlich." Bei dem Versuch, die freiheitliche Gesellschaftsordnung vor Terroristen zu schützen, "sollte man nicht in die Situation geraten, sie selbst zu untergraben".
Und man solle trotz der realen Gefahr nicht das Augenmaß verlieren. "Die größte Herausforderung für die internationale Gemeinschaft ist nicht der Terrorismus", sagte Mottram im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Eine Grippe-Pandemie oder die Folgen des Klimawandels seien, was die Zahl der möglichen Todesopfer betreffe, weit größere Bedrohungen.
"Zwischen 1986 und 2007 sind in Nordamerika 3765 Menschen von internationalen Terroristen getötet worden", so Mottram. "Das ist ein bisschen mehr als die Zahl der Amerikaner, die im Jahr 2003 bei Motorradunfällen ums Leben gekommen sind." Im Falle einer Grippe-Pandemie geht man Schätzungen zufolge allein in Großbritannien von 400.000 Toten aus.
"Natürlich sind auch Szenarien denkbar, in denen Terroristen radiologische oder nukleare Waffen einsetzen, die enorme, langandauernde Wirkungen auf ein Land hätten und einen großen psychologischen Schock verursachen würden", so Mottram. Doch dass ein solcher Angriff das Ende der Zivilisation bedeute, wie oftmals behauptet, "das stimmt einfach nicht".
Mottrams frohe Botschaft: "Gesellschaften haben eine ausgeprägte Fähigkeit, sich zu erholen." Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa lagen große Teile Europas in Schutt und Asche, über Japan waren zwei Atombomben explodiert. "Das war für die betroffenen Länder verheerend, und sie haben es dennoch weggesteckt." Man solle deshalb die Folgen eines nuklearen Terroranschlags nicht übertreiben - "und den Einfallsreichtum und die Widerstandsfähigkeit der Menschen unterschätzen".
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