Von Heike Le Ker
Das Geheimnis von Eero Mäntyranta war winzig klein, doch es verhalf ihm zu großem Erfolg. Eine Medaille nach der anderen gewann der finnische Skilangläufer bei Olympischen Spielen zwischen 1960 und 1972. Dass er gedopt habe, stritt Mäntyranta stets ab - bis er positiv getestet wurde. Später gab er gab zu, Hormone geschluckt zu haben, die zu seiner Zeit allerdings noch nicht verboten gewesen waren. Dem wirklichen Geheimnis seines Erfolgs kamen Wissenschaftler jedoch erst 20 Jahre später auf die Spur.
Wäre Mäntyranta heute noch Athlet, würde man ihm vermutlich vorwerfen, er habe seine Gene gedopt. Er hatte viel mehr Sauerstoff transportierende rote Blutkörperchen in seinem Blut als andere Sportler - ein deutlicher Vorsprung gegenüber seinen Konkurrenten. Wie sich der Athlet diesen Vorteil gesichert hatte, blieb bis 1993 ungeklärt. Selbst Mäntyranta wusste bis dahin nicht, woher seine schier unerschöpfliche Ausdauer kam. Erst eine DNA-Analyse ergab, dass eines seiner Gene eine Punktmutation hatte: ausgerechnet das Gen für den Rezeptor des Dopingklassikers Erythropoetin (Epo), das im Körper die Produktion roter Blutkörperchen anregt. Dieser winzige Unterschied machte den kleinen Mann zum Supersportler.
Ein kleiner Eingriff ins Genom, der aber große Wirkung hat - das mag sich mancher Athlet wünschen und vielleicht schon bald zur Spritze mit ungeahnten Risiken und Nebenwirkungen greifen. Zwar ist bislang kein Gendoping-Fall bekannt geworden, doch Aufsichtsbehörden und Forscher befürchten seit Jahren, dass Sportler und ihre wissenschaftlichen Helfer schon bald versuchen werden, das Erbgut der Athleten aufzumöbeln. "Es ist nicht sehr wahrscheinlich, aber durchaus möglich, dass bei den Olympischen Spielen in China schon Gendoping betrieben wird", sagt Thomas Petermann vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (Tab), der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat.
Immer einen Schritt hinterher hinken
Der Nachweis solcher Manipulationen wäre schwierig, da sind sich Experten rund um den Globus einig. Um nicht - wie bei vielen anderen Dopingmethoden - den Sportlern immer mehrere Schritte hinterher zu hinken, forscht die Fahnder-Riege bereits seit Jahren nach Wegen, Gendoping beweisen zu können. Die Medizinische Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) setzte sich 2001 das erste Mal mit dem Thema auseinander, 2002 zog die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nach, seit 2003 ist Gendoping offiziell verboten. Seitdem finanziert die Wada Studien zum Nachweis von Gendoping, heute sind es 25 internationale Projekte.
Ob die Wissenschaft allerdings diesmal schneller sein wird als die Sportler, ist mehr als fraglich. Das zeigt auch ein Bericht des Tab, der im März dieses Jahres vorgestellt wurde: "Durch die steigende Vielfalt der Dopingmöglichkeiten wird ein Nachweis mindestens so aufwendig wie bisher, wahrscheinlich sogar noch viel aufwendiger", sagte Kathrin Gerlinger, Leiterin des Projekts Gendoping beim Tab.
Von Gendoping sprechen Forscher nicht nur, wenn fremde DNA in den menschlichen Körper eingeschleust wird. Die Wada zählt auch die Beeinflussung der Genaktivität hinzu: Damit sind Verfahren gemeint, bei denen natürliche Gene blockiert, quasi an- oder ausgeschaltet werden, und bei denen die Genexpression beeinflusst wird. Angriffspunkte könnten die Gene von Epo, Myostatin, IgF oder HGH sein, um nur vier Kandidaten zu nennen, die Ausdauer und Kraft verbessern. Sportmediziner von der TU München haben gemeinsam mit internationalen Kollegen inzwischen über 160 DNA-Sequenzen aufgelistet, die für dopingwillige Athleten interessant sein könnten - die Liste wächst ständig.
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