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01.08.2008
 

Fit ohne Training

Forscher entwickeln Wunder-Dopingpille

Warum schwitzen, wenn man eine Pille schlucken kann? US-Forscher haben eine Substanz entdeckt, die denselben Effekt hat wie wochenlanges Training. Bei Mäusen wirkt sie phänomenal - Anti-Doping-Wächter sind bereits alarmiert .

Die Substanz, die Ronald Evans vom Howard Hughes Medical Institute in La Jolla im US-Bundesstaat Kalifornien und seine Kollegen entdeckt haben, könnte eine Sportrevolution auslösen - vorausgesetzt sie wirkt beim Menschen genauso wie bei der Maus: Das Präparat AICAR (Aminoimidazol-Carboxamid-Ribonukleosid), das die Forscher entdeckt haben, verwandelt inaktive Mäuse in Sportler - ohne dass die Tiere dafür trainieren müssen.

Mäuse: Pille brachte 44 Prozent mehr Leistung - ganz ohne Training
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DPA

Mäuse: Pille brachte 44 Prozent mehr Leistung - ganz ohne Training

Auf Laufbändern rannten die gedopten Mäuse 44 Prozent länger als eine Kontrollgruppe untrainierter und unbehandelter Tiere. Die Forscher fanden noch ein weiteres Präparat namens GW1516, das einen Trainingseffekt zwar nicht aus dem Nichts erzeugte - es verstärkte aber ein reales Training und das dramatisch: Um bis zu 70 Prozent mehr Leistung als unbehandelte Mäuse zeigten mit GW1516 gefütterte Tiere auf dem Laufband.

Die Mediziner bauen auf einem Forschungsprojekt auf, bei dem sie vor vier Jahren genmanipulierte Mäuse mit extremer Ausdauerkraft schufen. Bei diesen - mit dem Spitznamen Marathonmäuse versehenen - Nagern spielt das Gen PPAR delta eine zentrale Rolle. Die Forscher stellten sich daraufhin die Frage, ob sich auch mit Medikamenten in die von PPAR delta kontrollierten Stoffwechselkreisläufe eingreifen ließe, um normalen Mäusen eine höhere Ausdauerkraft zu verleihen. Bei AICAR und GW1516 wurden die Forscher fündig - beide Substanzen greifen in den Muskelstoffwechsel ein.

AICAR lasse die Muskeln "'denken', sie hätten täglich trainiert", sagte Evans. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachmagazin "Cell". Für die Forscher ist das der Beweis, dass es ein pharmakologisches Äquivalent zum körperlichen Training gibt. Mit einer Pille ließen sich dieselben Effekte erzielen wie mit Konditionstraining. Die Substanzen vermehrten mit der Zahl der Mitochondrien die Kraftwerke in den Zellen und beeinflussten die Fettverbrennung sowie die Nährstoffzufuhr über die Blutgefäße, berichten die Forscher.

Doping-Test bereits in Arbeit

Evans warnte aber zugleich auch vor noch unerforschten Nebenwirkungen - die Forscher hätten nur die Wirkung auf die Muskulatur untersucht. Es sei wahrscheinlich, dass AICAR und GW1516 auch Auswirkungen auf Herz und Lunge besäßen.

Das Team will nun untersuchen, ob sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen und die Stoffe zu Medikamenten weiterentwickelt werden können. Man könne damit womöglich die Leistungsfähigkeit von bewegungseingeschränkten Menschen steigern. Alte Menschen etwa könnten damit ihre Ausdauer verbessern. Aber derartige Medikamente könnten auch zur Therapie von Muskelerkrankungen eingesetzt werden.

Der Schritt zur Droge und zum Doping wäre allerdings nicht weit, räumen die Forscher ein. Träge Büromenschen könnten sich mit der Ausdauerpille ein ruhiges Gewissen verschaffen genauso wie Leistungssportler eine bessere Kondition. "Während wir uns einerseits von dem Medikament einen substantiellen Erfolg für die Gesundheit erhoffen, birgt es gleichzeitig die Gefahr des Missbrauchs, dessen müssen wir uns bewusst sein", sagte Evans.

Angesichts des Missbrauchsrisikos durch Athleten, die um jeden Preis gewinnen wollen, haben Evans und sein Team bereits mit der internationalen Anti-Doping-Agentur Wada Kontakt aufgenommen. Man arbeite derzeit an einem Test, der bald zur Verfügung stehen solle. Damit ließe sich noch im Nachhinein nachweisen, ob Teilnehmer an den Olympischen Spielen die Substanzen verwendet hätten.

Mario Thevis, Professor für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln, einem der beiden Wada- und IOC-zertifizierten Doping-Forschungslabors Deutschlands, ist schon alarmiert. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte Thevis: "Wir haben von den beiden Substanzen schon vor drei Monaten gehört."

Aufgabe der Kölner Anti-Doping-Forscher sei laut Thevis, ständig nach neuen möglichen leistungssteigernden Präparaten zu fahnden. Eine baldige Aufnahme der Substanz GW1516 auf die verbotene Liste der leistungssteigernden Substanzen hält Thevis für möglich, weil es sich derzeit schon in der klinischen Phase II befinde und eine mögliche Wirkung auch am Menschen bald belegt sein könnte.

lub/dpa/ddp

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