Von Andreas Wenderoth
Drückt man ein Auge zu, kann man es natürlich auch anders sehen: Sein Bericht ist nichts weniger als eine Zusammenfassung des damaligen Wissens über die Welt, die Summe aller Reiseberichte des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts und damit gewissermaßen eine Enzyklopädie des Reisens im Spätmittelalter.
1875 hatte man bereits ganz gute Vorstellungen von der Geografie der Welt, wer jetzt Unüberprüfbares behaupten wollte, musste sich weit weg begeben, zum Beispiel nach Neuguinea im Westpazifik. Und ein Mann, der darüber zu berichten wusste wie kein anderer, war Captain J. A. Lawson, der seine ungeheuerlichen Streifzüge ins Innere der zweitgrößten Insel der Welt immerhin beim renommierten Londoner Verlag Chapman and Hall veröffentlichte. Lawson macht hier nach eigenen Angaben in nur sieben Monaten mehr Entdeckungen als jeder andere zuvor: Er findet einen Wasserfall, riesiger als die des Niagara, einen Vulkan, weitaus höher als der Ätna, etliche Gebirge, die er durchstreift, und zwei gewaltige Flüsse, die er mit patriotischem Gestus "Royal" und "Gladstone" nennt. Als er einen Gipfel besteigen will, den er als fast 1200 Meter höher beschreibt als den Mount Everest, sieht er sich gezwungen umzukehren, da, wie er bildhaft beschreibt, Blut aus seiner Nase und den Ohren zu sickern beginnt. Eine Feststellung, die er, wäre sie wahr gewesen, wohl mit seinem Leben hätte bezahlen müssen.
Ein Jahr nachdem jene spektakulären Wanderungen veröffentlicht wurden, publiziert ein französischer Segler, Louis Trégance, seine Abenteuer in Neuguinea, das sich damals wegen seiner weitgehenden Unbekanntheit offenbar als besondere Spielwiese der Fantasie anbietet. Er gibt an, dass er an der Nordküste zusammen mit zwei anderen Seeleuten schiffbrüchig wird, die von Kannibalen auf Steinplatten lebendig gekocht werden. Er wird gerettet von einem freimaurerischen Priester, überquert die Küsten und endet in einem Königreich, K’ootar genannt, wo die Soldaten – fremde Länder, fremde Sitten – Schilde aus purem Gold tragen. Fünf Jahre lebt er als Sklave in Goldminen, bevor es ihm gelingt, unter Todesgefahren zur Küste zu fliehen. So etwas liest sich bis heute spannend und fand schon damals seine sensationshungrigen Leser.
Eigentlich gebührt Frederick Albert Cook ein eigenes Kapitel, denn niemand anders als er hat mehr Anrecht auf den Titel "König der Hochstapler". Der deutschstämmige Arzt und angebliche Arktisentdecker wurde bereits 1909 als Betrüger entlarvt. 1906 will er der Erste gewesen sein, der den Gipfel des Mount McKinley erreicht hat, zwei Jahre später behauptet er dasselbe über den Nordpol. Doch weder hat er den höchsten Berg Nordamerikas bestiegen noch je den Nordpol erreicht. Dabei genießt Cook lange Zeit höchstes Ansehen. 1898 bis 1899 hat er wesentlichen Anteil am Überleben einer im Südpoleis festgefahrenen Expedition, indem er die Crew überzeugen kann, rohes Fleisch zu essen. Während des Winters im Eis erfindet Frederick Cook verbesserte Schutzbrillen, entwickelt ein Tranlicht und konstruiert Zelte. Im Jahr 1900 gibt er sein Buch über die Expedition "Belgica" heraus, mit dem er berühmt wird.
Cook hat sich mit diesen beiden Expeditionen in Grönland und in der Antarktis einen weltweit guten Ruf erworben, den er bald zu ruinieren beginnt: Nachdem Cook seine Besteigung des Mount McKinley mit einem Foto belegt, auf dem er und seine Bergsteigergruppe eine Flagge hissen, wird er von der National Geographic Society geehrt. Doch bald kommen Zweifel auf, weil sich auf dem wirklichen Berg eine sechs Meter dicke Eisschicht befindet, Cooks Belegfoto überraschenderweise jedoch komplett eisfrei ist. Spätere Nachforschungen ergeben, dass Frederick Cooks Gruppe sich auf einem Gipfel weit unterhalb des Mount McKinley auf nur 2000 Meter Höhe befunden hat und er, um ein wenig Glanz in eine eher glanzlose Tat zu bringen, seinen Bergführer bestochen hat. Der sagt allerdings bald mit einer eidesstattlichen Erklärung zu Cooks Ungunsten aus.
Im selben Jahr, 1908, geht Cook, auch um sich weiteren Fragen nach dem gefälschten Foto zu entziehen, auf große Tour: Der Nordpol ist sein erklärtes Ziel. Mit zwei Inuit unternimmt er eine längere Wanderung in der Arktis. Für das Vorhaben entwickelt er einen leichten Spezialschlitten, der auch als Boot gebraucht werden kann, um Wasserrinnen im Eis zu überwinden. Bei der Rückkehr behauptet er, den Nordpol erreicht zu haben, bleibt aber den Beweis schuldig. Sein Rivale Robert Peary, der bei Polexpeditionen acht Zehen durch Erfrieren und Amputation verloren hat, bezichtigt ihn der Lüge und diskreditiert ihn nachhaltig.
Dass Cook in der Arktis unterwegs war, wird heute kaum noch angezweifelt. Allerdings gilt als gesichert, dass er sich dabei niemals dem Nordpol auch nur genähert hat. Hätte er es tatsächlich gewagt, zum Pol zu wandern, wäre er, bei der überlieferten Ausrüstung, mit größter Wahrscheinlichkeit Hungers gestorben. Schon 1910 wird Cook nach Prüfung seiner Aufzeichnungen die Entdeckung des Nordpols aberkannt. Die ebenso beeindruckende wie anhaltende Betrugskarriere Cooks endet, als er in Texas Ölprospektoren übers Ohr haut, wofür er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wird. Als er 1940, von US-Präsident Franklin D. Roosevelt begnadigt, stirbt, bleibt er als großer Täuscher seiner Zeit in Erinnerung.
Der Berliner Reporter Andreas Wenderoth, 43, hat eine Schwäche für Menschen, die ihrem Leben, der Unterhaltung wegen, ein paar beherzte Details hinzufügen. Er selbst fühlt sich jedoch stets den Fakten verpflichtet. Manche seiner Freunde halten ihn deshalb für einen Spießer.
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