Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



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22.08.2008
 

Stimmenfang im Unbewussten

Wahlen gewinnen mit Hass und Angst

Von Gerald Traufetter

2. Teil: "Die Strategie ist gemein, aber sie funktioniert"

Mit Interesse dürften auch die Wahlkampfstrategen der Parteien die Ergebnisse der Studie lesen. "Mit Inhalten kommt man an Unentschlossene Wähler überhaupt nicht ran", sagt der Psychologe. Wer sie gewinnen will, muss an ihre unbewussten Entscheidungsreflexe appellieren. "Wenn ich mir den Wahlkampf in den USA anschaue, haben das die Parteistrategen schon weitgehend begriffen", sagt Gawronski.

Für Barack Obama bedeute das nichts Gutes: Der politische Gegner assoziiere Obama mit dem Islam und mit seiner dunklen Hautfarbe und wecke dadurch im Unterbewussten allerhand negative Vorstellungen. "Die Strategie ist subtil und gemein, aber sie funktioniert", sagt der deutsche Exilforscher. Die sinkenden Umfragewerte für Obama erklärt er sich damit, dass mehr und mehr unentschlossene Wähler sich in den letzten Wochen entschieden haben. "Für ihre verborgenen Vorurteile und damit gegen Obama", erklärt Gawronski.

Auch in Deutschland sieht er erste Anzeichen für diesen Angriff unter die geistige Gürtellinie. Er erinnert an die Bemerkungen von Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf im vergangenen Bundestagswahlkampf über die Kinderlosigkeit der Herausfordererin Angela Merkel. Schnell seien da bei vielen Unentschlossenen negative Vorstellungen von einer Frau geweckt, die ihrer von der Natur bestimmten Rolle als Mutter nicht gerecht werde.

Stereotype wirken so übermächtig, dass sie sogar die Wahrnehmung beeinflussen. In einer Fernsehdebatte etwa hören die Menschen nur noch die Argumente, die in ihre Klischeewelt passen. "Das erklärt auch, warum nach den TV-Duellen die Kommentatoren zu so völlig unterschiedlichen Einschätzungen kommen, wer der bessere Diskutant war", sagt Gawronski.

Was er sagt, klingt nach Gehirnwäsche. Seine Forschungsergebnisse werden aber in dem derzeit rasch voranschreitenden Feld der Sozialpsychologie immer und immer wieder bestätigt. Und: "So ein Mechanismus wirkt selbst bei Menschen, die sich für liberal, weltoffen und emanzipiert begreifen", warnt Gawronski. Wer sich selbst einmal bei einem solchen mentalen Fehltritt beobachten will, der kann im Internet den impliziten Assoziationstest machen.

Da werden ihm etwa Bilder von dicken und dünnen Menschen gezeigt, und er soll möglichst schnell negative oder positive Adjektive zuordnen. Der Computer misst über das Internet die Geschwindigkeit, mit der die Antworten gegeben werden, und zieht damit automatisch Rückschlüsse auf die unterschwelligen Vorurteile, die die Testperson etwa dicken Menschen, Frauen, Ausländern oder Homosexuellen gegenüber hat.

Wer sich das Schattenreich im menschlichen Geist zur manipulatorischen Waffe macht, der riskiert allerdings auch, dass der Schuss nach hinten losgehen kann. Das sogenannte negative Campaigning, also ein Wahlkampf, der allein den Gegner verächtlich macht, führt im extremen Fall dazu, dass die negativen Assoziationen auf den eigenen Kandidaten abfärben.

Wenn die Wähler dann zwischen zwei Bewerbern entscheiden sollen, die sie beide mit negativen Dingen assoziieren, dann wählten sie einfach keinen von beiden. Gawronski: "Dieses Phänomen heißt auch Politikverdrossenheit."

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