Von Jens Lubbadeh
Die Magazine diktieren nicht nur den Informationsfluss sondern auch die Abo-Preise. Die liegen gänzlich anderen Dimensionen als bei herkömmlichen Magazinen: Der Marktführer bei den wissenschaftlichen Fachzeitschriften - das niederländisch-englische Verlagshaus Reed-Elsevier - bringt insgesamt 2000 Fachmagazine heraus. "Brain Research", Reed-Elseviers teuerste Zeitschrift, kostet im Jahresabo rund 20.000 Euro. Ähnliche Preise werden für "Tetrahedron" verlangt - rund 16.000 Euro. Das "Journal Of Catalysis" ist immerhin schon für etwa 7000 Euro zu haben.
Vergleichsweise günstig nimmt sich dagegen "Nature" aus: 199 US-Dollar pro Jahr kostet das Abo für eine Person; eine Institution oder Bibliothek muss allerdings schon 2730 US-Dollar berappen. "Science" kostet 231 US-Dollar pro Person und 855 US-Dollar pro Institutionen.
Die normalen Regeln des Wettbewerbs sind hier verzerrt, denn Wissenschaftler und Uni-Bibliotheken sind auf die Magazine angewiesen. Anders als bei SPIEGEL, "Stern" oder "Focus" können die Leser also nicht einfach davonlaufen.
Reviewer erhalten kein Honorar
Ein lukrativer Markt: Die Verlage kassieren Abogebühren und Anzeigeneinnahmen. Auf der anderen Seite fallen für sie keine Autorenhonorare an. Und eine auf inhaltiche Konsistenz prüfende Dokumentationsabteilung gibt es auch umsonst, denn Reviewer erhalten kein Honorar. Der Grund: Ein Prüfer müsse unbestechlich sein, sagt Natasha Pinol.
Übrigens wird "der Peer Review als Teil der Pflichten eines Wissenschaftlers gesehen". Hier profitieren die Magazine vom Ehrenkodex und Selbstverständis der Wissenschaftsgemeinde: "Der unentgeltliche Peer-Review-Prozess ist absolut okay", bestätigt Alexander Borst. "Das ist der Dienst an der Gemeinde."
Kaum Kosten, kaum Konkurrenz, saftige Abo-Einnahmen - sind Fachmagazine ein publizistischer Traum?
Doch es gibt Unterschiede in der Struktur: Hinter "Nature" steht der britische Verlag Macmillan Publishers Ltd., der wiederum der Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört. Die erzielte 2005 vier Prozent am Gesamtumsatz mit wissenschaftlichen Fachzeitschriften - und der beläuft sich weltweit auf 19,24 Milliarden US-Dollar. "Nature" hält sich bedeckt, was seine Profite angeht. "Wir sind ein Privatunternehmen und veröffentlichen unsere Finanzen nicht", sagt Grace Baynes.
"Science" hingegen wird herausgegeben von der US-amerikanischen American Association for the Advancement of Science (AAAS) - einer Non-Profit-Organisation und die weltweit größte wissenschaftliche Vereinigung. "Die Einnahmen helfen dabei, die Mission der AAAS zu erfüllen", sagt Natasha Pinol. "Wissenschaft weiterzubringen und der Gesellschaft zu dienen." Dieses Ziel erreiche man mit Initiativen in Forschung und Forschungspolitik, internationalen Wissenschaftsprojekten, wissenschaftlicher Bildung, Wissenschaft im Dienste der Menschenrechte, öffentlichem Engagement und der Verbreitung von Wissenschaft.
"PLoS ist mittlerweile absolut etabliert"
Reed-Elsevier ist der Marktführer in diesem Geschäft, setzt rund 2,5 Milliarden US-Dollar mit wissenschaftlichen Fachzeitschriften um. Andere große Verlagsgruppen sind Thompson, Wolters, Wiley und Springer Science + Business Media.
In Zeiten des Internets kommt einem das Gebaren der Wissensverwalter überholt vor. Und tatsächlich gibt es Bestrebungen, das Monopol der Fachmagazine zu brechen: Ein Gegenentwurf zur Embargopolitik der arrivierten Magazine ist die " Public Library of Science", kurz PLoS, die 2001 von Wissenschaftlern gegründet wurde. Die Non-Profit-Organisation ist mittlerweile eine reine Online-Veröffentlichungsplattform für wissenschaftliche Ergebnisse - die Print-Version wurde im Jahr 2006 eingestellt. Mittlerweile gibt es schon sechs Ableger von "PLoS ONE" - darunter "PLoS Biology" und "PLoS Medicine".
Das Ziel: Wissenschaftliche Artikel sollen für jedermann jederzeit frei verfügbar sein - mit normalem Peer Review. Zudem besteht die Möglichkeit für Wissenschaftler, veröffentlichte Manuskripte zu kommentieren. Die Kosten tragen die Wissenschaftler, die bei PLoS veröffentlichen wollen, selbst. Für eine Veröffentlichung fallen etwa um die 2000 US-Dollar an.
Ein Modell, das funktioniert: "PLoS ist mittlerweile absolut etabliert", sagt Alexander Borst. Erst kürzlich beschloss die Max-Planck-Gesellschaft, für Veröffentlichungen ihrer Wissenschaftler in PLoS die Kosten direkt zu übernehmen.
Doch warum setzen renommierte Wissenschaftler, die sich nicht um ihre Karriere sorgen müssen, nicht ein Zeichen und publizieren nur noch in PLoS? Hans Schöler hält das für unrealistisch: "Auch wenn man selbst vielleicht das Renommee nicht mehr erwerben muss - die Karrieren der Mitarbeiter hängen von Publikationen in möglichst hochrangigen Journals ab." Typischerweise sind an einer Veröffentlichung viele Forscher beteiligt, ihre Namen stehen über der Publikation.
"Nature": Nur geringes Interesse am Open Peer Review
Es gibt Bewegung, ein bisschen zumindest. "Nature" startete im Jahr 2006 den Versuch eines Open Peer Review: Wissenschaftlern, deren Manuskript nach erster Begutachtung angenommen worden war, bot man an, parallel zum normalen Peer Review die Arbeit vorab online auf der "Nature"-Webseite zu veröffentlichen. Doch nur 71 von 1369 angefragten Autoren stimmten dem zu, wie "Nature" berichtet. Zugleich bestand die Möglichkeit, dass andere Wissenschaftler die vorab veröffentlichen Manuskripte kommentierten. Auch hier zeigte sich laut "Nature" nur geringes Interesse.
Dennoch will man es nicht bei diesem einen Experiment belassen. "Ein einziger Versuch sagt uns noch nicht, ob etwas Bestand hat", sagt Grace Baynes zum Open-Peer-Experiment. Der Peer Review sei so wichtig für die Qualität und Genauigkeit, dass man ihn achten solle. Gleichwohl ist auch er kein Garant vor Betrügern, wie der Fall des betrügerischen Klonforschers Hwang zeigt.
"Wir haben kein Interesse, nur den Status Quo zu verteidigen", so Baynes. Und auch ihre "Science"-Kollegin Pinol gibt zu: "Die Möglichkeiten, die die Online-Welt anbietet, haben wir gerade erst begonnen zu erkunden."
Dennoch, Neuanfänge sind so bald nicht zu erwarten: "Ein neues Modell könnte vielleicht den jetzigen Prozess verstärken, statt ihn komplett zu ersetzen", sagt Baynes.
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