Von Ralf Berhorst
Schon jetzt misst der Anstieg, den die Zugmannschaften die Rosengranitquader aus Assuan emporziehen müssen, mehrere Hundert Meter. Vorsichtig bewegen sie ihren Holzschlitten über die Rampe. Auch oben auf dem Stumpf ist es gefährlich, die bis zu 50 Tonnen schweren Quader zu bewegen. Helfer hieven sie mit Seilen und Hebegerüsten in Position.
Aus rund 800 Tonnen Rosengranit formen die Männer Boden und Wände der rund 55 Quadratmeter großen Grabkammer. Die Decke aus Monolithen überspannt sie in fast sechs Meter Höhe. Keine Malerei, keine Inschrift ziert die polierten Wände.
Der Sarkophag für die Mumie des Cheops steht bereits in der Kammer - er würde später nicht mehr durch die engen Gänge der Pyramide passen. Dann türmen die Arbeiter über dieser Kammer vier Lagen aus riesigen Granitbalken auf, jeweils getrennt durch einen schmalen Hohlraum, mit einem monumentalen Giebeldach aus Kalkstein als Abschluss. Die Konstruktion soll später den Druck des Pyramidenmassivs von der Decke der Grabkammer nehmen.
Keine Quelle verrät, wie viele Jahre es dauert, bis die Arbeiten an den Kammern und Gängen abgeschlossen sind. Erst 85 der 210 Steinlagen der Pyramide haben die Arbeiter jetzt verlegt - aber immerhin schon 82 Prozent der gesamten Steinmasse.
Viele wohl erleben diesen Augenblick nicht mehr. Die Arbeit ist zermürbend, strapaziert Glieder und Knochen. Immer wieder verletzen sich Arbeiter, stürzen auf den Rampen, brechen sich Arme oder Beine. In solchen Fällen umsorgen sie medizinkundige Männer, schienen Knochenbrüche mit Holz, operieren nicht nur bei Unfällen: Einem Arbeiter, so lässt dessen ausgegrabener Schädel vermuten, entfernen die Chirurgen ein Krebsgeschwür aus dem Kopf.
Jahr um Jahr schlagen die Untertanen des Cheops Blöcke aus den Wänden der Steinbrüche, pendeln auf Lastkähnen zwischen Tura und Giseh, stemmen sich in die Seile der Holzschlitten und ziehen nach und nach mehrere Hunderttausend Quader in schwindelnde Höhen. Und doch wächst das Grabmal im Durchschnitt nur um etwa einen halben Meter pro Monat empor.
Am ehesten ist der Fortschritt noch an der Rampe zu erkennen. Inzwischen windet sie sich in drei weiteren Kehren spiralförmig um die Pyramide nach oben. Bis auf 133 Meter.
Hier ziehen Helfer Mauern hoch und schütten Geröll auf für die letzte Windung. Immer enger wird der Platz dort oben und immer steiler der Schleifweg.
Vielleicht lässt Hemiunu daher die letzten Höhenmeter mit kleinen Stufenrampen und Hebevorrichtungen überbrücken: Holzgerüsten mit steinernen Umlenkrollen an der Spitze, über die an Seilen Blöcke und andere Baumaterialien hochgezogen werden können. Schließlich gelingt es den Schleppern, auch für die letzte der 210 Steinlagen genug Quader anzuliefern.
Noch aber ist die Pyramide oben stumpf. Die Spitze fehlt, vermutlich eine besonders sorgsam aus Tura-Kalkstein gearbeitete Miniatur der gesamten Pyramide - aber um das Hundertfache verkleinert: 2,3 Meter lang und 1,47 Meter hoch. Ihre Grundfläche misst etwas mehr als fünf Quadratmeter. Nur wenig mehr an Fläche steht den Arbeitern in 145 Meter Höhe zur Verfügung, um den 6,5 Tonnen schweren Block in Position zu manövrieren. Es braucht das gesamte Geschick der Erbauer, die Pyramide zu vollenden.
Und es gelingt. Indes: Fertig sind die Männer noch keineswegs. Hebekonstruktionen, Holzgerüste und Rampe müssen noch abgebaut werden. Und erst jetzt schlagen die Steinmetze die überstehenden Teile der Verkleidungssteine ab, glätten den feinen Tura-Kalkstein mit kleinen, acht Millimeter breiten Spezialmeißeln. Monatelang hüllt das Klingklang der Werkzeuge die Pyramide ein, prasseln Steinbrocken und -bröckchen von dem Monument herab.
Endlich sind alle Seiten der Pyramide freigelegt und geglättet, leuchtet das jahrzehntelang von der Rampenkonstruktion verdeckte Bauwerk blendend hell im Wüstenlicht. Hemiunu hat den Auftrag seines Königs erfüllt. Der Makel der Pyramide, die unvollendete Grabkammer, liegt nun verborgen unter Millionen Tonnen Stein.
Doch noch immer gehen die Arbeiten weiter: An ihrer Basis frieden Handwerker die Pyramide mit einer acht Meter hohen Umfassungsmauer ein. Nur an der Ostseite lassen sie eine kleine Schneise in der Mauer - für Cheops' Begräbniszug. Hier stößt ein Totentempel an die Umfassung, mit einem Kolonnadenhof und vermutlich einem Opferaltar in der Mitte. Von diesem Heiligtum führt ein 700 Meter langer, überdachter und mit Reliefs verzierter Weg hinab ins Tal, bis zu einem weiteren Tempel unweit des Hafens. Hier soll dereinst Pharaos Reise ins Jenseits beginnen.
Tatsächlich sind diese Gebäude nur ein Teil jener zahlreichen Bauten, die in den letzten Jahren in Giseh entstanden sind: Drei kleine Pyramiden östlich von Cheops' Grabmal sind für Gemahlinnen des Pharao sowie für seine Mutter bestimmt, eine weitere dient zu Kultzwecken. Wenige Meter östlich davon liegen die Mastabas der Prinzen und ihrer Gemahlinnen. Westlich der Pyramide erstreckt sich ein Friedhof, der hohen Beamten der Bau- und Hofverwaltung vorbehalten ist. Die Elite des Staates darf an der Unsterblichkeit des Pharao teilhaben.
Um 2575 v. Chr. kommt der Moment, dem rund zwei Jahrzehnte lang die Anstrengungen von Zehntausenden galten, dem wohl mehr als eine Milliarde Arbeitsstunden gewidmet wurden: Nach einer Regierungszeit von vielleicht 30 Jahren stirbt Pharao Cheops.
Niemand weiß heute, ob Balsamierer seinen Leichnam wie die Körper späterer Könige für die Ewigkeit präparieren. Doch ist es gut möglich, dass schon zu Cheops' Zeiten die Technik der Mumifizierung üblich ist. Dabei entnehmen Spezialisten alle inneren Organe bis auf das Herz. Stopfen in Bauch und Brust Säckchen mit Natron, trocknen den Körper auch mit aufgeschichtetem Salz aus - die Prozedur beansprucht mehrere Wochen. Ölen die Haut, bevor sie den Leichnam mit Leinentuch bandagieren und die Mumie in einen Holzsarg betten.
Wahrscheinlich tragen Priester den verstorbenen Cheops nach der Präparierung über den Aufweg vom Tal- zum Totentempel hinauf und durch die schmale Pforte in den Pyramidenhof. Geben ihm jetzt wohl auch an Gerätschaften mit auf den Weg, was im Jenseits unentbehrlich ist. Eine letzte Rampe führt zum Eingang der Pyramide in fast 17 Meter Höhe. Die Sargprozession zieht durch die engen Korridore und die Große Galerie bis in die Grabkammer aus Rosengranit.
Priester versenken den Holzsarg mit der Mumie des Cheops im Sarkophag und schließen den Deckel. Dann lösen sie, wohl unter Mithilfe von Arbeitern, im Vorraum drei tonnenschwere Granitblöcke, die an Seilen aufgehängt sind, aus ihren Halterungen. Wie Fallgitter stürzen die Quader herab und blockieren den Zugang zur Grabkammer. In der Großen Galerie halten bislang hölzerne Querbalken drei Granit- und etwa 20 Kalksteinblöcke im Mittelgang in Position. Vorsichtig lösen Arbeiter nun die Sperren und lassen die Steine in den Korridor rutschen.
Nun ist nur noch ein einziger Weg nach draußen offen: der schmale Schacht, der einst die Steinmetze in der verhängnisvollen Felskammer mit Luft versorgen sollte. Ihn haben die Konstrukteure bis zur Galerie nach oben hin verlängert. Die Arbeiter zwängen sich durch diesen engen Schacht nach unten und steigen von dort durch den ältesten, einst für die Felskammer angelegten Korridor wieder zum Eingang auf. Oben angekommen, lassen sie etwa 100 Quader in den Gang hinab gleiten. Mit Verkleidungssteinen blockieren sie schließlich den Eingangsbereich. Niemand soll den Zugang erahnen, niemand die Totenruhe des Pharao stören.
"Horizont des Cheops" nennen die Priester den Bau. Der Name verweist auf die Schwelle zum Jenseits, jene Region, in der sich Himmel und Erde berühren, der Sonnengott am Morgen aus der Unterwelt aufsteigt und am Abend in sie hinabtaucht.
Dorthin soll jetzt, so hat es den Anschein, Cheops' Seele reisen können, durch zwei kleine Schächte - obgleich sie von außen verschlossen sind, damit nicht Flugsand und Regen eindringen. Um die Pyramide liegen zerlegte Barken aus Zedernholz in Bootsgruben symbolisch bereit zur Himmelsfahrt. In einer von ihnen soll der Pharao künftig an der Seite des Sonnengottes Tag und Nacht durchqueren.
Fast 400 Jahre lang opfern die Priester der Pyramidenstadt des Cheops zu Ehren des toten Pharao, lobpreisen seinen Namen. Dann aber zerbricht die Einheit der Beiden Länder, Ober- und Unterägyptens, mehrere Gauvorsteher schwingen sich auf zu Fürsten, einige gar zu Königen.
Und bereits in dieser Zeit wohl plündern Grabräuber den "Horizont des Cheops". Beschaffen sich vielleicht die alten Baupläne, treiben einen Querstollen in das Bauwerk und umgehen so die drei Blockiersteine aus Granit im aufsteigenden Gang. Zertrümmern mit Meißelhieben die sich daran anschließenden Kalksteinblöcke - und dringen in die Grabkammer ein. Hebeln den Sarkophagdeckel auf, erbeuten Cheops' Mumie und alles, was sie an Schätzen begleitet haben mag. Spätere Generationen verschonen auch das Bauwerk selbst nicht und nutzen die Pyramide als Steinbruch.
Im 9. Jahrhundert n. Chr. lässt Kalif Abdullah al-Mamun in der Hoffnung auf unermessliche Reichtümer eine Bresche in das Mauerwerk schlagen. Zwar stößt er auf den alten, mittlerweile wieder verschlossenen Grabräubergang, doch findet er, so heißt es in den legendenhaften Berichten seiner Tat, nur eine Schüssel voller Goldstücke, deren Wert gerade einmal seine Ausgaben für die Unternehmung deckt.
Lange vorher sind Grabräuber auch in eine auffällig große Mastaba auf dem Beamten-Friedhof westlich der Pyramide eingedrungen. Sie entdeckten eine Statue aus Kalkstein, farbig bemalt, die Hieroglyphenzeichen im Sockel dick mit Pigmenten eingelegt: Die Figur zeigt Hemiunu in sitzender Haltung.
Der Pharao, so verrät eine Inschrift, ernannte seinen Neffen sogar zum "leiblichen Königssohn". Und nur wenige Beamte unter Cheops haben je ein so prächtiges Grab erhalten, keiner eine ausdrucksstärkere Statue. Beides wohl Zeichen des Dankes.
Für jenen Mann, der ihm die größte aller Pyramiden errichtete.
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