Von Anja Herold
Die Memnons-Kolosse haben Erdbeben überstanden, Nilfluten und Sandstürme, Sonnenglut und Frostnächte, Vandalismus und Plünderung. Seit mehr als 33 Jahrhunderten thronen die beiden steinernen Statuen auf dem Westufer des Nil bei Luxor: sitzende Giganten aus rotem Quarzit, rund 18 Meter hoch, die zerborstenen Gesichter nach Osten gewandt, die Hände flach auf die Knie gelegt, die Beine nah beieinander gestellt, die Spitze eines kleinen Fingers so groß wie der Kopf eines erwachsenen Menschen.
Einst erhob sich hinter ihnen das monumentalste Heiligtum, das je ein Pharao zu seinem eigenen Gedenken errichtet hat: der Königstempel Amenophis’ III., in dem der Herrscher schon zu Lebzeiten symbolisch als Gott verehrt wurde und Priester ihm Opfergaben für sein Fortleben im Jenseits darbrachten.
Um das Jahr 1385 v. Chr. ließ Amenophis III. mit dem Bau dieser "Festung für die Ewigkeit bis zur Unendlichkeit" für sich und seinen göttlichen Vater Amun beginnen, "aus Sandstein, gänzlich verkleidet mit Gold, die Fußböden aus Silber, reich ausgestattet mit Statuen", wie es auf einem Denkstein aus jener Zeit eingemeißelt steht. Mit Pylonen – mächtigen Tortürmen – und hochragenden Fahnenmasten davor. Mit einem fischreichen See, das Ufer bewachsen mit Blumen. "Mit einem Arbeitshaus voller Sklaven und Sklavinnen, der Beute seiner Majestät" aus fernen Ländern. Mit Magazinen, gefüllt mit den Schätzen des Nahen Ostens.
Aber der Tempel von Amenophis III. war keine Festung für die Unendlichkeit. Nicht viel kündet heute noch von diesem Monument der Macht und des Glaubens. Einsam stehen die beiden kolossalen Bildnisse des Pharao auf der Spitze eines etwa 700 Meter langen und 150 Meter breiten Ausläufers des thebanischen Westgebirges. Deutlich hebt sich der sandige Geländestreifen als graues Rechteck von der fruchtbaren Ebene ab.
Im Norden trennt ihn ein Bewässerungsgraben von den umliegenden Feldern. Im Osten liegt wenige Meter vor den Giganten ein Parkplatz für Touristenbusse. Im Süden begrenzt das Gelände eine Straße, die vom Nil hinaufführt. Jenseits des Straßendamms ackern Bauern.
Auch auf dem staubigen, mit wenigen Bäumen bestandenen Streifen westlich der Memnons-Kolosse schuften in der Hitze Menschen – doch nicht, um den Boden urbar zu machen, sondern um ihm Geheimnisse zu entlocken. Es sind Archäologen, die inmitten von Säulenstümpfen, zerschlagenen Statuen und Denksteinen ihre Zelte, Tische und Sonnenschirme aufgestellt haben.
Seit zehn Jahren arbeiten sich die Forscher hier in der jeweils etwa zweieinhalbmonatigen Grabungssaison zwischen Mitte Januar und Anfang April immer tiefer in die Vergangenheit vor. In Planquadraten von zehn mal zehn Meter Seitenlänge tragen sie den Boden bis auf eine Tiefe von bis zu vier Metern ab. Ein aufwendiges Pumpsystem senkt dafür den Grundwasserspiegel.
Die Archäologen setzen derzeit ein Puzzle zusammen, das so zersplittert ist wie kein zweites in Ägypten und dessen mehrere Zehntausend Einzelteile – manche von ihnen 450 Tonnen schwer – nicht nur bei Luxor liegen, sondern in etlichen Museen weltweit.
30 Wissenschaftler, Zeichner und Restauratoren aus zwölf Nationen sowie 250 einheimische Kräfte arbeiten daran, die Ruinen des Königstempels von Amenophis III. so weit wie möglich zu rekonstruieren und aus ihnen herauszulesen, wie den Göttern und dem Pharao gehuldigt wurde zu einer Zeit, als Ägypten so einflussreich und wohlhabend war wie nie zuvor in seiner Geschichte.
19. März 2008, sechs Uhr morgens. Die aufgehende Sonne lässt die Memnons-Kolosse lange Schatten werfen, taucht die weißen Arbeitszelte der Archäologen in mildes Zwielicht. Dunst steigt auf aus den nahen Zuckerrohrfeldern. Noch ist es angenehm kühl, etwa 15 Grad Celsius, noch liegt kein Staub in der Luft. Allein das Fauchen der Gasbrenner in den Fesselballons, mit denen Touristen in den Himmel über den Ruinen der thebanischen Totenstadt starten, ist über der Ausgrabungsfläche im Rücken der steinernen Giganten zu hören.
Schon bald aber ertönen andere Geräusche. In das helle Zwitschern einer Finkenkolonie mischt sich das gleichmäßige Klirren von Kettengliedern in den Umlenkrollen eines Flaschenzugs.
Miguel López Marcos hockt auf einem Holzgerüst über einer breiten, gut dreieinhalb Meter tiefen Grube. Der spanische Restaurator ist in dem Team seit Jahren für die Schwerlasten zuständig. Unter ihm hängt in den Gurten des Flaschenzuges eine kurz zuvor freigelegte granitene Göttin. Es ist die löwenköpfige Sachmet, die unter den Pharaonen als Rächerin des Sonnengottes und Beschützerin des Königs galt.
Langsam ziehen ägyptische Arbeiter die etwa 1,80 Meter große Statue an einer Kette in die Höhe. Sie raunen sich kurze Kommandos zu.
"Iftah aleiki": "Zieh zu dir rüber."
"Ahsan geda": "So ist es besser."
Erst als die Statue nach einer halben Stunde frei unter dem Dreibein des Flaschenzuges hängt, wird es etwas lauter.
"Irfa! Irfa! Hat el-arabijja!": "Hoch! Hoch! Hol den Karren!"
Behutsam senkt sich die Göttin auf den niedrigen Wagen. Zwölf Mann legen sich davor in die Seile, López Marcos und vier andere stemmen sich von hinten an den schlammverschmierten Fund. Ein Ruck – und der Karren kommt in Fahrt.
Vorsichtig transportieren die Männer die Statue der menschengestaltigen Göttin mit der Sonnenscheibe auf dem Löwenkopf in den Hof der etwa 50 Meter entfernten Restaurierungswerkstatt, dem einzigen festen Gebäude am Rande der Grabung. Noch am selben Vormittag wird eine Spezialistin für die Konservierung schwarzen Granits die Löwengöttin von Lehm- und Kalkresten reinigen.
Mehr als 80 Skulpturen und große Statuenfragmente von Sachmet haben die Archäologen bei dieser Grabung bisher gefunden. Und keine gleicht exakt der anderen. Die meisten zeigen sie sitzend, andere stehend. Feine Unterschiede offenbaren sich erst bei genauerem Hinsehen, etwa mit welchen Verzierungen die Bildhauer das Gewand der Göttin in den Stein geschlagen haben.
Möglicherweise standen in dem Heiligtum des Amenophis einst rund 40 gut acht Meter hohe Kolosse des Königs; dazu mehr als 1000 tier- oder menschengestaltige Götterfiguren, darunter ein fast lebensgroßes Nilpferd aus weißem Alabaster und ein ebenfalls aus Alabaster gefertigter Krokodilsphinx, halb Löwe, halb Reptil – beides Kunstwerke, wie sie noch nirgendwo sonst gefunden worden sind.
Das Land am Nil erlebt im 14. Jahrhundert v. Chr. ein goldenes Zeitalter. Seit den Tagen Thutmosis’ III. ist das Pharaonenreich führende Macht im östlichen Mittelmeerraum. Als Amenophis III., der Urenkel des Kriegerkönigs, 1388 v. Chr. den Thron besteigt, erbt er ein Imperium, das von Nordsyrien bis zum vierten Katarakt reicht.
Die Nilschwemme ist stabil und bringt dem Land reiche Ernten. Handelsschiffe segeln zu den Häfen des östlichen Mittelmeerraums. Fayenceplaketten mit dem Namen Amenophis’ III., vermutlich Anhänger von Geschenklieferungen, finden sich in vielen Orten der Ägäis. Klug sichert der Pharao die Beziehungen zu den orientalischen Großreichen und den Stadtfürsten Syriens und Palästinas durch Bündnisse ab – Teile der Korrespondenz darüber sind auf tönernen Keilschrifttafeln erhalten.
In ihren Briefen reden die orientalischen Großkönige Amenophis III. mit "mein Bruder" an. Vasallen indes zollen ihren Respekt durch die Anrede "meine Sonne, mein Herr". Immer wieder geht es in den Briefen um diplomatische Hochzeiten, mit denen Amenophis III. freundschaftliche Bande stärkt und zugleich die Vormachtstellung Ägyptens unterstreicht.
Bei jeder Eheschließung wechseln kostbare Geschenke den Besitzer, Edelmetalle, Pferde, Lapislazuli, duftende Salben: Allein für eine Braut aus dem Königshaus von Babylon schickt Amenophis III. eine Morgengabe von einer halben Tonne Gold. So zahlt sich der Pakt für alle Beteiligten aus. Als aber der König von Babylon um die Hand einer ägyptischen Prinzessin anhält, ist die Antwort eindeutig: "Seit uralten Zeiten wurde noch nie die Tochter eines Königs von Ägypten an irgendjemanden verheiratet!"
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