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Altes Ägypten Der verlorene Tempel des Gottkönigs

3. Teil: Kurzfristig haben sich Erdschichten unter dem Heiligtum regelrecht verflüssigt

Echnatons Schergen hacken aus den Bildnissen des von Amenophis III. verehrten Gottes Amun dessen Namen aus.

Zwar währt der Spuk nur kurz – nachfolgende Herrscher setzen die alten Götter wieder ein, restaurieren in den Inschriften Amuns Namen und besuchen den Königstempel Amenophis’ III. fortan wieder, etwa während des "Schönen Fests vom Wüstental".

Doch irgendwann während der Regierung Pharao Merenptahs um 1210 v. Chr. wird der Tempel von einem Erdbeben erschüttert. Geologen haben die typischen Anzeichen dafür 2006 entdeckt. Kurzfristig haben sich Erdschichten unter dem Heiligtum regelrecht verflüssigt.

Die Festung für die Ewigkeit kollabiert, gemeinsam mit dem Kolonnadenhof zerbersten rund 40 monumentale Bildnisse des Königs sowie zwei mächtige Denksteine in unzählige Stücke. Die Kolosse vor dem zweiten und dritten Pylon stürzen von ihren Sockeln herab und zerspringen unter der Wucht ihres eigenen Gewichts. Der Tempel wird zum Steinbruch. Bereits Merenptah nutzt die Blöcke aus dem Heiligtum nun für seinen eigenen Königstempel. Nachfolgende Pharaonen tun es ihm gleich.

Ein weiteres Erdbeben beschädigt im 1. Jahrhundert v. Chr. den nördlichen der beiden Memnons-Kolosse. Erst jetzt erhalten die Giganten jenen Namen, unter dem sie jeder Ägyptenreisende kennt.

Denn griechische Besucher sehen in dem lädierten Koloss eine Sagengestalt: Memnon, den Sohn der Göttin der Morgenröte, der im Kampf um Troja gefallen ist. Und da der Koloss bei Sonnenaufgang seltsame Geräusche von sich gibt (verursacht durch die Ausdehnung sich erwärmender Luft in der von Rissen durchzogenen Statue), deuten sie die sirrenden Töne als Klagegesang Memnons für seine Mutter Eos.

Griechische und lateinische Inschriften auf den Kolossen, frühe Graffiti, künden von der Anziehungskraft des singenden Giganten auf die Menschen der Antike. Erst als wohl der römische Kaiser Septimius Severus um 200 n. Chr. den Koloss restaurieren lässt, endet das akustische Schauspiel. Die Touristenattraktion verliert ihren Reiz.

Im 19. Jahrhundert schließlich transportieren Statuensucher im Auftrag europäischer Sammler aus den Tempelruinen ab, was ihnen tauglich erscheint: Zwei Köpfe kolossaler Standfiguren aus dem Kolonnadenhof gelangen nach London, zwei Sphingen zieren fortan das Ufer der Newa in St. Petersburg, und fast jedes völkerkundliche Museum der Welt beherbergt heute eine jener Sachmet-Statuen, die Amenophis III. einst zu Hunderten hat anfertigen lassen.

Vor dem Bau des zweiten Staudammmes in Assuan 1971 überflutet der Nil Jahr für Jahr das Tempelgelände. Immer mehr Schlamm lagert sich zu Füßen der Memnons-Kolosse ab, zwei bis drei Meter dick. Schilf und Halfagras überwuchern das Gelände, Kameldorn durchbricht mit seinen Wurzeln die in der Erde verborgenen Ruinen.

Einheimische nennen das Areal Kom el-Hettan, "Hügel der Sandsteine". An der Oberfläche ist nicht mehr viel vom Tempel zu sehen. Und was erkennbar bleibt, macht aufgrund seines schlechten Zustands wenig Hoffnung. Die meisten Wissenschaftler lassen den Tempel links liegen.

In den 1960er Jahren untersuchen Forscher des Schweizerischen Instituts für ägyptische Bauforschung die Ruinen des Heiligtums und konstatieren in ihrem Abschlussbericht nüchtern: "Ohne Zweifel wären hier noch ‚Funde‘ zu erwarten, wenn man, mit den nötigen Mitteln ausgerüstet, Pumpen, Spundwände und Krane einsetzen könnte. Man stünde dann vor der unbequemen Frage, was mit den Bruchstücken von Amenophis’ III. Statuenzoo überhaupt anzufangen sei; die Museen von Kairo, Turin, Paris und London sind mit ihren vielen Sachmet-Statuen schon belastet genug."

Hourig Sourouzian aber, die jetzige Grabungsleiterin, strebt an, alle Teile des Heiligtums an ihrem ursprünglichen Platz zu erhalten. Für sie bilden Inschriften, Statuen und Tempel eine unzertrennliche Einheit.

Das Team der armenisch-deutschen Ägyptologin hat in den vergangenen Jahren alle Reste des Heiligtums kartographisch erfasst. Ihr Projekt ist die erste systematische Ausgrabung im Tempel Amenophis’ III.

Mittlerweile ist es heiß geworden auf dem Kom el-Hettan, zu heiß für einen Tag Mitte März. Die Luft flimmert über den Tausenden von Statuenfragmenten des Tempels, die nach Material und Form getrennt auf dem Grabungsgelände ausgelegt und jeweils mit handschriftlicher Kennung zu Fundposition und Funddatum versehen sind.

Mehrere Teams von europäischen und ägyptischen Restauratoren kümmern sich um die zerschlagenen Quarzit-Kolosse am zweiten Pylon, um die königlichen Standfiguren aus Rosengranit im Kolonnadenhof, um die Konservierung der Säulenstümpfe dort, um die Sachmet-Statuen.

Studenten erfassen die Relikte in Aufnahmeblättern, vergeben Inventarnummern, nehmen mit Folie und Stift Inschriften ab. Spezialisten für Lehmziegel erkunden am Rand eines etwa basketballfeldgroßen und dreieinhalb Meter tiefen Grabungsschnitts am zweiten Pylon den einstigen Tordurchgang. Die Aufgabe ist nicht leicht, müssen sie doch die ungebrannten Lehmziegel des Tores von dem sie umgebenden Lehmboden unterscheiden.

Ohne die Pumpen wären Arbeiten in dieser Tiefe gar nicht möglich. Fielen sie aus, stünde die Grabung innerhalb weniger Stunden unter Wasser – und damit auch die eben erst freigelegten Relikte und Fundamente der beiden Quarzit-Kolosse am zweiten Pylon.

Anderthalb Monate haben López Marcos und sein Team gebraucht, um allein das 450 Tonnen schwere Unterteil eines der beiden Giganten mittels Pressluftkissen, Motorwinde und geölter Schienen Zentimeter für Zentimeter aus der Grube zu heben und zwölf Meter zur Seite zu bewegen. Das Gegenstück des südlichen Giganten liegt noch in der Grube.

Etwa 300 Meter westlich versucht Hourig Sourouzian, den Grundriss des Kolonnadenhofs vor dem einstigen Allerheiligsten zu rekonstruieren. Steinräuber hatten dessen Mauern bereits in der Antike bis auf die Fundamente abgetragen, auch die meisten Säulen. Dort wo sich früher Wände erhoben, reichen nun mit Erdreich gefüllte Gräben in die Tiefe. Und darin finden die Archäologen all das, was im Altertum entweder als nutzlos galt – oder als zu heilig, um es als Baumaterial wiederzuverwenden, etwa die Statuen der Sachmet.

"Es ist wie eine verkehrte Welt", sagt Hourig Sourouzian. "Während in anderen Monumenten Wände und manchmal sogar die Decken erhalten sind, aber keine Spur der Tempelausstattung – keine Statuen, Denksteine, Altäre – finden wir auf dem Kom el-Hettan das Gegenteil. Hier verraten uns allein die Funde und deren Position, wo früher einmal Pylone und Wände gestanden haben."

Um 13.30 Uhr beendet der ägyptische Vorarbeiter nach sieben Stunden mit seiner Trillerpfeife den Arbeitstag der einheimischen Kräfte. Am Nachmittag werden die Wissenschaftler die Werte des Vermessungsgerätes in ihre Computer übertragen, ihre Funddatenbanken pflegen, die Objekte zeichnen und fotografieren. Sechs Tage die Woche, von Sonnabend bis Donnerstag. Bis Anfang April, danach wird die Hitze unerträglich.

Ein paar Tage zuvor erst hat das Team um López Marcos einen vollständigen Koloss Amenophis’ III. aufgestellt. Nach 3200 Jahren erhebt sich erstmals wieder eine Standfigur des Königs im Kolonnadenhof. Nur der gut 1,30 Meter große Kopf mit der roten Krone besteht nicht aus Quarzit. Er ist eine Kopie aus gefärbtem Kunststoff, hohl und von innen mit Fiberglas verstärkt. Das Original befindet sich seit fast 200 Jahren im British Museum in London.

So entsteht der Tempel Stück für Stück wieder aus seinen Ruinen.

In zehn bis zwölf Jahren will Hourig Sourouzian das in großen Teilen restaurierte Heiligtum der Öffentlichkeit präsentieren – wenn sie weiterhin die nötigen Gelder aufbringen kann: Denn ihr Projekt ist eine der wenigen archäologischen Unternehmungen in Ägypten, die sich allein durch Spenden und Stiftungen finanzieren.

Um das Jahr 2020 sollen die beschädigten Säulenstümpfe des Kolonnadenhofes konserviert und alle geborgenen Statuen und Denksteine aufgestellt sein. Lage und Dimensionen der mächtigen Tore wollen die Wissenschaftler mit modernen Lehmziegeln im Gelände andeuten.

Die Sonne versinkt hinter dem thebanischen Westgebirge. Hourig Sourouzian sitzt auf der oberen Veranda des "Hotel Marsam". Die einfache Herberge am Rand des Kom el-Hettan dient vielen Ausgräbern als Unterkunft und Arbeitsstätte. In der Ferne strahlen die Memnons-Kolosse im Licht der Scheinwerfer.

Doch schon im nächsten Frühjahr wird sich der Anblick radikal verändern. Dann will das internationale Team 100 Meter westlich der Memnons-Kolosse ein weiteres Paar steinerner Giganten wiedererrichten. Dann werden vier thronende Riesen die Besucher der thebanischen Totenstadt grüßen, als weithin sichtbare Zeugen eines einzigartigen Monuments tiefsten Glaubens und größter Macht.

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