• Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.09.2008
 

Meditation

Die Durchleuchtung der Erleuchtung

Von Ulrich Schnabel

2. Teil: Macht Meditieren tatsächlich glücklich?


Was aber unterscheidet das Straßenkehren von religiösen Meditationstechniken, wie sie aus dem Buddhismus oder der christlichen Mystik bekannt sind? Haben diese über die Entspannung hinaus noch spezielle Effekte? Richard Davidson ist davon überzeugt. Er durchleuchtet in seinem Labor an der University of Wisconsin in Madison regelmäßig meditierende Mönche mit dem Kernspintomografen. Sein Paradebeispiel ist ein Übersetzer des Dalai Lama, der französische Mönch Matthieu Ricard, der früher einmal Molekularbiologie studierte und seit 30 Jahren im Shechen-Kloster in Kathmandu lebt. Rund 40.000 Stunden Meditationserfahrung hat Ricard gesammelt, und so brachte er – wie sieben andere Mönche – das Kunststück zustande, in Davidsons laut dröhnender Kernspinröhre einen kontemplativen Zustand "unbegrenzter Liebe und vorbehaltlosen Mitgefühls" zu erreichen.

Dabei entstanden von allen acht Meditierenden Hirnbilder mit einem ähnlichen Muster: Stark durchblutet waren jeweils die linke präfrontale Hirnrinde und eine Reihe weiterer Regionen, die alle an der Verarbeitung emotionaler Erfahrungen beteiligt sind. Davidson folgerte, die Mönche würden genau die Bereiche aktivieren, in denen "positive Emotionen" wie Liebe, Mitgefühl und Glück verarbeitet werden. Und die Tatsache, dass diese Hirnareale bei den Mönchen insgesamt aktiver waren als in einer Kontrollgruppe aus nicht meditierenden Studierenden, wertete der Neurobiologe als Beweis dafür, dass sich Nächstenliebe und Glück wie ein Muskel trainieren lassen. Aufgrund dieser Ergebnisse wählte das Magazin "Time" Davidson unter die "hundert Persönlichkeiten, die die Welt verändern". Auch Matthieu Ricard wurde weltberühmt: Da bei ihm die Messgeräte am stärksten ausgeschlagen hatten, kürten ihn Zeitungen zum "glücklichsten Menschen dieses Planeten"; prompt veröffentlichte der Mönch ein Buch mit dem simplen Titel "Glück".

Macht Meditieren also glücklich? Können Davidsons Daten das unumstößlich belegen? Aus wissenschaftlicher Sicht sind noch einige Fragen offen. Erstens fehlt noch eine Bestätigung von unabhängiger Seite. Und zweitens ist es recht kühn, die Kernspindaten gleich als Beweis für die Hervorbringung so komplexer Gefühle wie "Glück" oder "Liebe" zu deuten. Denn ob sich die betreffende Person tatsächlich glücklich oder liebevoll fühlt und ob sie sich auch wirklich soverhält, können die farbigen Hirnscans nicht belegen.

Und noch etwas irritiert: Kürzlich wurde zum Beispiel an der Universität Bremen der deutschstämmige Zen-Mönch Michael Sabaß untersucht. Dessen EEG zeigte während der Meditation ein ganz anderes Hirnwellenmuster als das von Matthieu Ricard. War der eine konzentrierter bei der Sache als der andere? Oder funkt es in Hirnen tibetischer Buddhisten einfach anders als in denen von Zen-Mönchen, obwohl doch beide der Lehre des Buddha anhängen?

Solche Vergleiche zeigen, wie schwierig die Interpretation der Meditationsforschung ist. Entscheidend ist eben nicht nur, wie intensiv jemand meditiert, sondern auch, welcher Tradition er folgt: Im Zen-Buddhismus steht weniger das Hervorbringen eines liebevollen Mitgefühls im Mittelpunkt, sondern eher das Erreichen eines ungetrübten "Grundzustandes des Geistes".

Ein Missverständnis ist es zudem, zu glauben, beim Meditieren gehe es vor allem um individuelle Glücksgefühle. Buddhistische Praktiken haben gerade nicht das Ziel, unser Ego in einen wohligen Glücksrausch zu versetzen, sondern dienen im Gegenteil dazu, unsere egoistische Struktur auf einer viel tieferen Ebene zu durchschauen.

In der buddhistischen Meditation "kultivieren wir nicht das Ego, sondern Achtsamkeit und Weisheit", sagt der Religionswissenschaftler und praktizierende Buddhist Alan Wallace. Da sei es ja schön und gut, wenn die Forschung nachweise, dass Meditation Stress reduziere oder das Immunsystem stärke. "Aber der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden, Hämorrhoiden zu kurieren". Meditation sei nun einmal keine Therapie; auch in Tibet seien für die Kranken Ärzte zuständig und nicht die Meditationslehrer.

Um zu zeigen, wie meditative Methoden auf lange Sicht die Persönlichkeit verändern, hat Wallace das sogenannte Shamatha-Projekt ins Leben gerufen: In einer Langzeitstudie will er Praktizierende mehrere Monate lang wissenschaftlich begleiten und Veränderungen dokumentieren. Dieser Versuch weist in die richtige Richtung. Denn echte, tief greifende Verhaltensänderungen brauchen Zeit; und ob sich jemand im Laufe einer meditativen Praxis wirklich weiterentwickelt oder ob er nur eine Art Erleuchtungsdünkel kultiviert, zeigt sich oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten.

Bis die Ergebnisse vorliegen, wissen wir nur: Meditative Praktiken beeinflussen die neuronale Aktivität des Gehirns und die psychologische und emotionale Disposition der Praktizierenden. Sie sind also, um das gern gepflegte Vorurteil zu widerlegen, mehr als nur Rumsitzen und Nichtstun.Ob und wie sich allerdings eine meditative Praxis auswirkt, hängt sowohl von der Methode als auch von der inneren Einstellung eines Übenden ab.

Wer nun wissen will, was meditative Praktiken tatsächlich bewirken, dem bleibt bis auf Weiteres nur eines: die Sache selbst zu erproben. Denn das beste Messgerät, um den Zustand des eigenen Geistes zu erfassen, ist immer noch der eigene Geist.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem neuen Buch von Ulrch Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Es erscheint im September im Karl Blessing Verlag.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP