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28.10.2008
 

Soziale und emotionale Intelligenz

Unsere Kinder - Opfer des Fortschritts

Länger arbeiten, immer flexibel bleiben, einsam mit Computern kommunizieren - unsere Kinder werden den Preis für wirtschaftlichen und technischen Fortschritt zahlen, glaubt Psychologe Daniel Goleman. Denn ihre soziale und emotionale Kompetenz droht auf drastische Weise zu verkümmern.

Die Internetzeitschrift " Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt - und stellt ihnen unter anderem die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Antworten.

Ich glaube, kann jedoch nicht beweisen, dass die heutigen Kinder unfreiwillig zu Opfern des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts werden.

Schulkinder in Uni-Vorlesung: Was die Mittelschichten angeht, so ist die Kindheit heute übermäßig organisiert
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DDP

Schulkinder in Uni-Vorlesung: Was die Mittelschichten angeht, so ist die Kindheit heute übermäßig organisiert

Zwar bieten mehr Wohlstand und moderne Techniken uns allen einen höheren Lebensstandard, aber diese unaufhaltsamen Kräfte scheinen die Kindheit auf verheerende Weise transformiert zu haben. Während der durchschnittliche Intelligenzquotient amerikanischer Kinder im Lauf des vergangenen Jahrhunderts stetig gestiegen ist, bezeugten die letzten drei Jahrzehnte einen drastischen Rückgang der grundlegenden sozialen und emotionalen Fähigkeiten – derjenigen nämlich, die sie im Beruf und in Führungspositionen, als Eltern und als Ehepartner, kurzum als Mitglieder des Gemeinwesens brauchen würden.

Zwar gibt es immer individuelle Ausnahmen, insgesamt jedoch scheint sich die Glockenkurve der sozialen und emotionalen Fähigkeiten ungünstig zu entwickeln. Die zwingendsten Daten bietet eine nationale Erhebung, die Thomas Achenbach von der Universität Vermont bei mehr als dreitausend repräsentativ ausgewählten amerikanischen Schülern im Alter zwischen sieben und sechzehn Jahren durchgeführt hat, deren Verhalten er von Eltern und Lehrern (ihnen nahestehenden Erwachsenen) beurteilen ließ. Die erste Befragung fand Anfang der Siebziger Jahre statt, eine zweite fast fünfzehn Jahre später und eine dritte in den späten Neunziger Jahren. Die Ergebnisse offenbaren einen bestürzenden Verfall der sozialen und emotionalen Kompetenz.

Mehr Arbeit, größere Mobilität, einsamere Kinder

Besonders steil ging es zwischen der ersten und der zweiten Umfrage bergab. Gegenüber den frühen Siebziger Jahren waren amerikanische Kinder Mitte der Achtziger stärker verschlossen, mürrisch, unglücklich, ängstlich, depressiv, aufbrausend, unkonzentriert, fahrig, aggressiv und straffällig. Sie schnitten bei 42 Indikatoren schlechter, aber bei keinem besser ab. Ende der 1990er Jahre stiegen die Werte wieder an, blieben jedoch hinter dem alten Stand zurück.

So weit die Daten. Ich glaube nun, ohne dies freilich beweisen zu können, dass dieser Rückgang in hohem Maße auf wirtschaftliche und technische Faktoren zurückzuführen ist. Der rasante Anstieg des globalen Wettbewerbs hatte zur Folge, dass Eltern etwa seit zwei Jahrzehnten länger arbeiten müssen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. In den USA gibt es heute praktisch nur noch Doppelverdiener, wohingegen es vor 50 Jahren die Regel war, dass ein Elternteil zu Hause blieb. Nicht, dass heutige Eltern ihre Kinder weniger lieben würden – sie haben einfach nicht mehr genügend Zeit für ihre Betreuung.

Zunehmende Mobilität bewirkt, dass Kinder seltener in der Nähe ihrer Verwandtschaft leben, wodurch Angehörige als Elternersatz ausfallen.

Die Edge-Frage

SPIEGEL ONLINE präsentiert in einer Serie exklusiv ausgewählte Antworten berühmter Wissenschaftler auf die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? Lesen Sie hier alle Antworten...
Tagesstätten können ganz ausgezeichnet sein, besonders für Kinder privilegierter Eltern, die ärmeren jedoch bleiben oft vernachlässigt. Was die Mittelschichten angeht, so ist die Kindheit heute übermäßig organisiert, ein vollgepackter Terminkalender mit Tanz- und Klavierstunden oder Sport, wobei Erwachsene ihre Kinder von Ort zu Ort fahren zu vorgegebenen Veranstaltungen und diesen immer weniger Zeit bleibt für eigenständige, selbstgewählte Spiele. Wenn es nun um das Erlernen sozialer und emotionaler Fähigkeiten geht, so bedeutet die Einbuße an Freizeit im Kreis von Familie, Verwandten und anderen Kindern ein Fehlen gerade der Tätigkeiten, die traditionell zur Stärkung eben solcher Kompetenzen beigetragen hatten.

Hinzu kommt der Faktor Technik. Heutige Kinder – der Industrie-, zunehmend aber auch der Entwicklungsländer – verbringen mehr Zeit denn je allein, auf Monitore starrend. Das Ganze läuft auf ein beispielloses Realexperiment im Bereich der Kinderaufzucht hinaus. Wenn sich solche Kinder am Ende auch gut mit Computern auskennen mögen, werden ihnen zweifellos die Fähigkeiten fehlen, die man im Umgang mit anderen Menschen benötigt.

Das für den Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen entscheidende limbische System ist diejenige Hirnregion, die anatomisch am spätesten reift, so dass ihre Entwicklung erst mit Mitte zwanzig abgeschlossen ist. In diesem Zeitraum bilden sich die Lebensfähigkeiten eines Kindes heraus, wenn neuronale Netzwerke, mit allen Vor- und Nachteilen, Gestalt annehmen. Es sind Kindheitserlebnisse, die über diese Verknüpfungen entscheiden. Um unseren heutigen Kindern zu helfen, die richtigen sozialen und emotionalen Fähigkeiten zu erlernen, sollten wir derlei Einsichten in die Klassenzimmer tragen, anstatt die Jugend auf Gedeih und Verderb der knallharten, technikbesessenen Wunderwelt von heute auszusetzen.

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insgesamt 60 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.10.2011 von MrsBojangles: Unsere Gesellschaft- Opfer einer Kapitaldiktatur

Wahnsinn! Endlich mal jemand, der mir aus der Seele spricht! Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das Ganze schon ein "Realexperiment" an der ganzen Menschheit ist. Mit unabschätzbaren Folgen und ja heute schon [...] mehr...

01.11.2008 von cyronix: Unsere Gesellschaft will es doch so!

---Zitat--- Hinzu kommt der Faktor Technik. Heutige Kinder – der Industrie-, zunehmend aber auch der Entwicklungsländer – verbringen mehr Zeit denn je allein, auf Monitore starrend. Das Ganze läuft auf ein beispielloses [...] mehr...

31.10.2008 von tylerdurdenvolland: ...

was soll denn der Mist nun wieder???? SIE WAREN ES DOCH, der geschrieben hat: "Wieso? Wer Hartz4 kriegt hat doch Zeit und sitzt zuhause? Oder kann man den Empfängern nicht zumuten, statt fernzusehen sich um die Kinder [...] mehr...

31.10.2008 von Ernst Robert: Wohin man auch sieht

Oh ja, das Drama unserer immergleichen föderal nivellierten Radiosender mit ihren ach so fortschrittlichen Amerikanismen deprimiert mich jedes mal wieder, wenn ich zurück nach Deutschland komme: Wohin man auch sieht, in den [...] mehr...

31.10.2008 von Pinarello: Wo sollen die Kinder denn was lernen?

Sehen Sie, genau das geht eben nicht, Menschen die sich so verhalten gelten sofort als langweilig, wer nicht sofort jedem ach so wichtigen Trend hinterherläuft, der ist ganz schnell ausgeschlossen, schon das Nachdenken ist ein [...] mehr...

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