Von Angelika Franz
Dann, am 12. Juli, begann sich der Himmel zu verdunkeln, ein Sturm zog auf. Drei Tage lang musste die "Torrent" ankern. Sobald das Wetter etwas aufklarte, drängte Leutnant McGilvray weiter. Im Nieselregen schob sich die Torrent an der Küste entlang. Auf der Brücke stand ein junger Maat.
Wo war Kapitän Carlton?
"Betrunken unter Deck", behauptete McGilvray später in seinem Bericht. "Warum der Maat den Befehl über das Schiff hatte, ist bis heute ein Rätsel", entgegnet Hobbyforscher Lloyd. "Carlton war schon sehr lange im Geschäft und hatte einen guten Ruf. Es passt nicht zu ihm, dass er so betrunken gewesen sein soll, dass er die 'Torrent' nicht mehr befehlen konnte."
Der blutjunge Maat jedenfalls war der Aufgabe nicht gewachsen. Als er am Morgen des 15. Juli versuchte, das Schiff in einen natürlichen Hafen namens Port Graham zu bringen, unterschätzte er die starke Strömung. Mit etwa sieben Knoten drückte sie die "Torrent" gegen ein Riff, riss das Schiff um 180 Grad herum und schob sie schließlich ganz auf die Felsen. Sofort brach Wasser ein - und der Wettlauf um die Rettungsboote begann.
Tief sank die "Torrent" nicht. Noch monatelang ragten die Spitzen ihrer Masten aus den Wellen. "Sie lag in ganz flachem Wasser. Das machte die Arbeit an dem Wrack angenehm", sagt Lloyd. "Gefährlich war nur die starke Strömung, die ja auch für den Untergang der 'Torrent' verantwortlich war." Oft konnten Lloyd und sein Team gar nicht auf dem Meeresboden stehen oder gegen die Strömung anschwimmen, der Druck trieb sie immer wieder von dem Wrack weg.
Schuld daran ist der hohe Tidenhub im Cook Inlet, der bis zu neun Meter betragen kann. Die niedrigen Temperaturen dagegen störten den erfahrenen Taucher Lloyd wenig. "Alles über fünf Grad Celsius ist im Trockenanzug eigentlich ganz gemütlich", lacht er.
Kein Platz für Schiffbrüchige auf der "Milan"
Die hölzerne Hülle der "Torrent" hatte die Strömung lange schon mit sich gerissen. Am Boden verstreut lagen noch die Teile, die selbst für sie zu schwer waren, darunter eine Haubitze samt Munition, zwei drei Meter große Anker, die schweren Ruderbeschläge und ein Toilettensitz. Die Haubitze hätte das neue Fort vor feindlichen Angriffen schützen sollen. Und die Toilette sollte ein wenig Komfort in das Leben im eisigen Norden bringen.
Nach dem Schiffbruch war es für die "Torrent"-Besatzung mit dem Komfort aber erstmal vorbei. Zwei Wochen lang mussten die Schiffbrüchigen alleine an der Küste ausharren, dann holte die "Milan", die später losgesegelt war, ihr Schwesterschiff ein. Doch an deren Bord war kein Platz mehr für die Männer.
Den folgenden Winter mussten sie auf der Kodiak-Halbinsel verbringen. Erst am 17. April des folgenden Jahres nahm der Dampfer "Constantine" sie mit in das russische Dorf St. Nicholas. Doch auch die Fortsetzung der Mission stand unter keinem guten Stern. Das neue Fort, errichtet ganz in der Nähe von St. Nicholas, gab die Armee schon bald wieder auf.
Lloyd glaubt daran, dass ein kleines Ereignis den Lauf der Geschichte verändern kann: "Wäre die 'Torrent' nicht auf das Riff gelaufen, hätten die Soldaten das Fort schon viel früher und vielleicht auch weiter südlich gebaut. Dann wäre die Besiedlung dieser Region Alaskas vielleicht ganz anders verlaufen."
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