Mittwoch, 10. Februar 2010

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12.10.2008
 

Gesellschaft

Natur und Kultur sind eins

Naturwissenschaften, Kunst und Natur sind keine getrennten Bereiche, meint der Biologe Brian Goodwin. In der knapp vier Milliarden Jahre langen Evolution hat sich ein Wissen und eine Erfahrung im Umgang mit dem Leben abgelagert, von denen der Mensch lernen könnte und müsste.

Die Internetzeitschrift " Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt - und stellt ihnen unter anderem die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Antworten.

Touristen auf dem Ayers Rock: Natur als Quelle tiefer Lebensweisheit
AFP

Touristen auf dem Ayers Rock: Natur als Quelle tiefer Lebensweisheit

Ich glaube, dass man Natur und Kultur als einen großen Gesamtvorgang verstehen kann, und nicht als zwei durch irgendeine Eigenschaft des Menschen wie die Sprache, das Bewusstsein oder die Ethik voneinander getrennte Sphären.

Zwar haben wir dafür bisher weder Beweise noch einen wissenschaftlichen Konsens, aber die Entdeckungen der letzten Jahre dienen als Fundament für weitere empirische und theoretische Studien, die meiner Ansicht nach zu einer schlüssigen Gesamtperspektive unserer Einheit mit der Natur führen werden. Dabei geht es nicht etwa um eine Übernahme der Geistes- durch die Naturwissenschaften, sondern um eine echte Fusion der beiden, gestützt auf die Formulierung von Grundbegriffen wie Sinn und Ganzheit in natürlichen und kulturellen Entwicklungen, und mit Konsequenzen für wissenschaftliche Ergebnisse, ihre technischen Anwendungen und ihre Ausdrucksformen in den Künsten.

DIE EDGE-FRAGE

SPIEGEL ONLINE präsentiert in einer Serie exklusiv ausgewählte Antworten berühmter Wissenschaftler auf die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? Lesen Sie hier alle Antworten...
Ich meine, dass sich diese Vision vor allem aus Entwicklungen in der Biologie ergibt, die eine Mittelstellung zwischen Kultur und physikalischer Natur einnimmt. Freilich sind die zentralen begrifflichen Neuerungen aus der Komplexitätstheorie hervorgegangen, mit ihren gründlichen Studien über Wechselwirkungen zwischen den Einzelteilen von Organismen und diesen selbst in Ökosystemen.

Als die Genomprojekte deutlich machten, dass wir die Information innerhalb der DNA nicht verstehen, konzentrierte man sich verstärkt darauf, wie Organismen sie nutzen, um in bestimmten Habitaten überleben und sich fortpflanzen zu können. Der Fokus verschob sich vom Erbmaterial auf seinen organisierten Kontext, die lebende Zelle; damit stand wieder der Organismus mit einer bestimmten Organisationsform im Vordergrund der Biologie.

DER AUTOR

Brian Goodwin ist Professor für Biologie am Schumacher College in Devon (Großbritannien) und Autor des Buches "Der Leopard, der seine Flecken verliert. Evolution und Komplexität".
Untersuchungen der selbstreferenziellen Netzwerke, die das Wirken der Gene in Organismen steuern und durch Wechselwirkungen zwischen Proteinen verschiedenartige Funktionen und Aufgaben innerhalb der Zellen übernehmen, sowie der Stoffwechselsequenzen ergaben, dass sie alle ausgeprägte Eigenschaften einer selbstähnlichen Fraktalstruktur haben, die unter dem Einfluss von Macht- und Gesetzesbeziehungen stehen.

Diese Eigenschaften ähneln strukturell Sprachen, die ebenfalls durch Machtgesetze definierte selbstreferenzielle Netzwerke sind (wie der Harvard-Linguist G. K. Zipf vor mehreren Jahren festgestellt hat). Daraus folgt, dass Organismen Protosprachen benutzen, um im Prozess ihres Wirkens sowohl ihrem historischen Erbe (das ihrer DNA und deren molekularen Wandlungen eingeschrieben ist) und ihrem äußeren Kontext (der Umwelt) einen Sinn zu geben. Auf diese Weise werden Organismen zu Teilnehmern von Kulturen mit sinnhafter Geschichte, die sich in gattungsspezifischen Formen (Morphologien und Verhaltensweisen) ausdrückt. Das ist der verkörperte oder implizite Sinn, den Kognitionswissenschaftler heute auch als einen primären Faktor in der menschlichen Kultur anerkennen.

Wenn man Spezies als Kulturen begreift, die hier auf der Erde eine 3,7 Milliarden Jahre lange adaptive Evolution durchlaufen haben, so wird klar, dass sich darin Wissen und Erfahrung im Umgang mit dem Leben abgelagert haben, von denen die menschliche Kultur dringend lernen müsste. Das ist eine Quelle tiefer Lebensweisheit über die Kooperation mit anderen, über den sparsamen Umgang mit Energien und Rohstoffen, über durchgängige Wiederverwertung, über die Gestaltung zugleich funktionaler und schöner Formen sowie über einen stetigen Strom der Innovation und der Kreativität. Damit können wir jetzt an einer holistischen, mit den Künsten und den Geisteswissenschaften vereinten Naturwissenschaft arbeiten, die sich sowohl auf eine naturalistische Ethik als auch auf die Verbindung von Qualität und Quantität stützt.

Die Formulierung dieser einheitlichen Perspektive wird viel Arbeit bereiten – von empirischen Untersuchungen darüber, wie Organismen Zusammenhalt und Anpassungsfähigkeit erreichen, bis zur Anwendung dieser organismischen Prinzipien auf alle gesellschaftlichen Projekte, von der Energiegewinnung und Kommunikation bis zu Autos und Fabriken. Das Ziel besteht darin, die menschliche Kultur genauso gut auf natürliche Prozesse abzustimmen, wie es die anderen Lebewesen tun, um den Planeten nicht zu verderben, sondern zu verbessern. Das setzt voraus, Evolution neu zu denken als innere Instanz, die in den Lebenszyklen verschiedener Spezies – als natürliche Kulturen verstanden – Sinn verkörpert.

Die Verbindung von Biologie und Kultur mit physikalischen Prinzipien wird zwar eine große Herausforderung sein, es gibt jedoch schon Hinweise, wie sie gelingen könnte. Zum Beispiel haben die selbstähnlichen fraktalen Muster, die sich bei Phasenübergängen in physikalischen Systemen bilden, wenn neue Ordnung entsteht, ähnliche Merkmale wie jene Muster, die man bei den an der Erschaffung von Ordnung und Sinn beteiligten organismischen und kulturellen Netzwerken beobachtet. Das Bild eines sinnvollen, einheitlichen, schöpferischen kosmischen Geschehens könnte somit den sinnlosen mechanischen Kosmos ersetzen, der die szientifische Kultur des Westens in den letzten Jahrhunderten beherrscht hat.

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