Als der amerikanische Genpionier Craig Venter im September 2007 sein komplettes Erbgut im Internet veröffentlichte, war das eine kleine Revolution. Was vor Jahren noch undenkbar schien, war plötzlich möglich: in den eigenen Genen herumzustöbern. Das einzige Problem dabei: Die vollständige Sequenzierung ist aufwendig und kostet entsprechend viel Geld. Anfangs waren es Millionen, zuletzt lag der Preis bei 350.000 Dollar.
Ein US-Start-up hat nun angekündigt, den Preis weiter zu drücken: Für 5000 US-Dollar will die Firma Complete Genomics ab nächstem Frühjahr das Erbgut von Kunden auslesen. Der erstaunlich niedrige Preis soll möglich sein, weil die Firma beim Sequenzieren zwei Innovationen nutzen will. Zum einen wird die auszulesende DNA nach dem Vervielfältigen dichter gepackt, was die Bearbeitung großer Mengen innerhalb kurzer Zeit ermöglichen soll. Zum anderen sollen die DNA-Buchstaben mit einer neuen, an der Harvard University entwickelten Methode ausgelesen werden.
Sicher hat es das Unternehmen auch auf den Archon X-Prize for Genomics abgesehen. Wer es zuerst schafft, hundert menschliche Genome in nur zehn Tagen zu sequenzieren, dem verspricht die US-amerikanische X-Prize-Stiftung zehn Millionen Dollar. Die Bedingung: Das Projekt darf nicht öffentlich subventioniert sein, und pro Genom darf die Sequenzierung nicht mehr als 10.000 Dollar kosten.
Complete Genomics hat nach eigenen Angaben bereits ein menschliches Genom ausgelesen, dies konnten unabhängige Experten jedoch noch nicht überprüfen. Jeffrey Schloss vom U.S. National Human Genome Research Institute zeigte sich deshalb auch reserviert: "Ich selbst habe noch keine Daten gesehen und kenne auch niemanden sonst, der Einblick hatte. Das ist natürlich eine kritische Sache", sagte er gegenüber der Web-Seite des Wissenschaftsmagazin "Technology Review".
Für Genforscher wäre das massenhafte Auslesen der Erbinformationen Hunderter oder Tausender Menschen von großem Interesse. Womöglich lassen sich genetische Ursachen von Krankheiten viel genauer bestimmen, eine auf das Individuum zugeschnittene medizinische Behandlung wäre denkbar.
An dem von Medien und Wissenschaftlern prognostizierten Boom des Gensequenzierens will nicht nur Complete Genomics mitverdienen. Im Januar startete 23andme sein Angebot zur Genanalyse für Jedermann - Preis 999 Dollar. Ähnliche Angebote gibt es auch von der kalifornischen Firma Navigenics und Decode Genetics aus Island. Allerdings analysieren diese Unternehmen nicht das gesamte Erbgut, sondern durchsuchen die DNA nach bestimmten Variationen von Basenpaaren - sogenannten SNPs (sprich "Snip", siehe Kasten oben).
SNP steht für Single Nucleotide Polymorphism. Der Begriff beschreibt winzige Unterschiede in der Gensequenz, die den Großteil aller genetischen Variationen zwischen den Angehörigen einer Spezies ausmachen. Beim Menschen können diese Variationen Voraussagen erlauben über die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Krankheit zu bekommen - oder über die Wahrscheinlichkeit, ein bestimmtes Medikament nicht zu vertragen.
Der Erkenntniswert dieser kommerziell angebotenen Genanalysen ist allerdings gering - bislang zumindest. Der Test bei 23andme etwa liefert jede Menge Informationen, aber kaum Wissen. Was soll man mit der Information anfangen, dass das Risiko für Prostatakrebs zwischen dem 30. und 49. Lebensjahr bei 0,26 Prozent liegt?
Ob die vollständige Sequenzierung des eigenen Genoms für den Einzelnen Nutzen bringt, muss sich erst zeigen. Zumindest ein paar Risikokapitalgeber glauben an das Geschäft. Womöglich ist das eigene Genom aber auch einfach etwas, das der Mensch des 21. Jahrhundert auf der Festplatte haben will - wozu auch immer.
hda
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