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24.10.2008
 

Geist und Materie

Warum Schrödinger bis heute aktuell ist

Von Robert B. Laughlin, Michael Hendrickson, Robert Harrison und Hans Ulrich Gumbrecht

Erwin Schrödinger war ein Ausnahmeforscher: Er entwickelte nicht nur die mathematische Beschreibung der Quantenmechanik, sondern schaute stets über den Tellerrand der Physik hinaus. So lieferte Schrödinger entscheidende Anstöße für neu entstehende Gebiete wie die Biogenetik.

Erwin Schrödingers Ausnahmestellung in der Geschichte der Naturwissenschaften ist unbestritten. Die "Wellenmechanik", für die er 1933 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, gilt als jene mathematische Beschreibung der Materie, die wir gegenwärtig für all ihre Formen verwenden, von chemischen Reaktionen bis hin zu subnuklearen Teilchen. Trotzdem gilt die Wellenmechanik heute wohl nicht als Schrödingers bedeutendste Leistung. Denn ein Bündel von Spekulationen, Begriffen und Metaphern aus seinen 1944 unter dem Titel "What is Life?" veröffentlichten Vorlesungen enthielt entscheidende Anregungen für die Emergenz der Biogenetik - so etwa den Begriff des "genetischen Codes".

Nobelpreisträger Schrödinger: "Vielseitiger, aber zugleich kraftvoller und tiefschürfender Stil"
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Corbis

Nobelpreisträger Schrödinger: "Vielseitiger, aber zugleich kraftvoller und tiefschürfender Stil"

Letztlich geht die einzigartige Aktualität von Erwin Schrödinger über die Ebene solch erstaunlicher Fakten hinaus. Denn sie zeigen nicht, warum in der Lektüre einiger seiner Texte, vor allem in "What is Life" (1943) und "Mind and Matter" (1956), ein neues Gedanken provozierendes intellektuelles Potential für unsere Gegenwart steckt. Dass seine intellektuelle Aktualität nicht von den objektiven Errungenschaften und Kenntnissen abhängt, die wir Schrödingers Arbeit verdanken, gilt selbst dann noch, wenn man in Rechnung stellt, dass sich gerade diese Errungenschaften als erstaunlich resistent gegenüber dem Geltungsverfall des naturwissenschaftlichen Wissens erwiesen haben.

"edition unseld"

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Zum Beispiel hat sich herausgestellt, dass innerhalb bestimmter historischer Polemiken auf dem Gebiet der Quantenphysik Schrödinger gegenüber Niels Bohr und Werner Heisenberg recht behalten hat. In der Biogenetik ist zwar mittlerweile Schrödingers Annahme von der Zentralgewalt des "allmächtigen Gens" revidiert worden, doch zugleich haben andere Begriffe und Sichtweisen, die er -spekulierend - in die Debatten seiner Zeit einbrachte (etwa die Idee eines "Netzwerks" oder jene von den "selbstorganisierenden Systemen"), eine das erste Stadium einschlägiger Forschung hinter sich lassende neue Welle des Weiterdenkens ausgelöst.

Vor allem der Einfluss auf die Biogenetik macht Schrödingers Leben und Werk zu einem herausragenden Fall, um die allgemeine Frage nach den günstigsten Bedingungen für bahnbrechende intellektuelle Innovationen zu stellen. Dies ist eine Frage von einzigartiger Relevanz für die Wissenschaftspolitik der Gegenwart und Zukunft. Sie führt vorab zu biografischen Antworten, die sich dann mit eher philosophischen Fragen zur Nachhaltigkeit von Erwin Schrödingers Denken berühren: Hat es Schrödingers Denkstil ermöglicht, zu Problemschichten zu gelangen, die vorher noch nicht ins Bewusstsein geraten waren, und die sich andererseits, sobald sie einmal identifiziert sind, jeder folgenden Generation von Forschern und Denkern aufs Neue stellen? In dem Maß, wie es uns gelingt, einen solch besonderen Denkstil zu erfassen, müsste es auch möglich werden, dessen zentrale Faszinationen und Fragen zu identifizieren.

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