Von Robert B. Laughlin, Michael Hendrickson, Robert Harrison und Hans Ulrich Gumbrecht
Erwin Schrödingers Ausnahmestellung in der Geschichte der Naturwissenschaften ist unbestritten. Die "Wellenmechanik", für die er 1933 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, gilt als jene mathematische Beschreibung der Materie, die wir gegenwärtig für all ihre Formen verwenden, von chemischen Reaktionen bis hin zu subnuklearen Teilchen. Trotzdem gilt die Wellenmechanik heute wohl nicht als Schrödingers bedeutendste Leistung. Denn ein Bündel von Spekulationen, Begriffen und Metaphern aus seinen 1944 unter dem Titel "What is Life?" veröffentlichten Vorlesungen enthielt entscheidende Anregungen für die Emergenz der Biogenetik - so etwa den Begriff des "genetischen Codes".
Letztlich geht die einzigartige Aktualität von Erwin Schrödinger über die Ebene solch erstaunlicher Fakten hinaus. Denn sie zeigen nicht, warum in der Lektüre einiger seiner Texte, vor allem in "What is Life" (1943) und "Mind and Matter" (1956), ein neues Gedanken provozierendes intellektuelles Potential für unsere Gegenwart steckt. Dass seine intellektuelle Aktualität nicht von den objektiven Errungenschaften und Kenntnissen abhängt, die wir Schrödingers Arbeit verdanken, gilt selbst dann noch, wenn man in Rechnung stellt, dass sich gerade diese Errungenschaften als erstaunlich resistent gegenüber dem Geltungsverfall des naturwissenschaftlichen Wissens erwiesen haben.
Vor allem der Einfluss auf die Biogenetik macht Schrödingers Leben und Werk zu einem herausragenden Fall, um die allgemeine Frage nach den günstigsten Bedingungen für bahnbrechende intellektuelle Innovationen zu stellen. Dies ist eine Frage von einzigartiger Relevanz für die Wissenschaftspolitik der Gegenwart und Zukunft. Sie führt vorab zu biografischen Antworten, die sich dann mit eher philosophischen Fragen zur Nachhaltigkeit von Erwin Schrödingers Denken berühren: Hat es Schrödingers Denkstil ermöglicht, zu Problemschichten zu gelangen, die vorher noch nicht ins Bewusstsein geraten waren, und die sich andererseits, sobald sie einmal identifiziert sind, jeder folgenden Generation von Forschern und Denkern aufs Neue stellen? In dem Maß, wie es uns gelingt, einen solch besonderen Denkstil zu erfassen, müsste es auch möglich werden, dessen zentrale Faszinationen und Fragen zu identifizieren.
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