Von Holger Dambeck
Es sieht nicht gut aus für John McCain. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber erreicht laut einer aktuellen Reuters-Umfrage 44 Prozent der Stimmen und liegt damit 4 Punkte hinter dem Demokraten Barack Obama, der auf 48 Prozent kommt. Das Magazin "Newsweek" kommt sogar auf ein Verhältnis von 51 zu 41 Prozent zu Ungunsten McCains.
Händeschütteln vor dem ersten TV-Duell: Sympathien für Obama unterschätzt?
Im Kern geht es bei Greenwalds und Albertsons Thesen um das sozial erwünschte Verhalten von Menschen bei Umfragen. Nur wenige Deutsche geben beispielsweise in Befragungen zu, dass sie tatsächlich rechtsradikale Parteien wählen oder Trivialliteratur lesen - sie passen ihre Antworten an die herrschende gesellschaftliche Norm an. Meinungsforscher kennen den Effekt und versuchen ihn bei der Auswertung der Umfragedaten zu berücksichtigen, indem sie die Werte mit einem Korrekturfaktor versehen.
Unklare Datenlage in USA
Ein Duell zwischen einem schwarzen und einem weißen Präsidentschaftsbewerber hat es in den USA bislang nicht gegeben, weshalb es auch schwer ist, die Wirkung sozial erwünschten Verhaltens zu berechnen. Greenwald und Albertson glauben nun jedoch, genau dies zu können. "Das sich lang hinziehende Duell Clinton-Obama hat eine Menge Daten produziert", sagte Greenwald. Die Umfragewerte der Vorwahlen seien "beispiellos" ungenau gewesen.
Bevor die Vorwahlen begannen, dachten die beiden Forscher, der sogenannte Bradley-Effekt würde eine Rolle spielen. Er besagt, dass Farbige bei Umfragen einen höheren Zuspruch erhalten als bei der eigentlichen Wahl. Der Begriff geht zurück auf Tom Bradley, schwarzer Bürgermeister von Los Angeles, der 1982 die Wahl zum Gouverneur von Kalifornien verlor trotz deutlichem Vorsprung bei Umfragen. Offenbar traute sich mancher Wähler nicht, bei Befragungen gegen Bradley zu votieren, tat es aber dann in der Wahlkabine.
Bei den diesjährigen Vorwahlen der Demokraten in Kalifornien, New Hampshire und Rhode Island fanden die Forscher genau diesen Effekt: Hillary Clinton schnitt besser ab als prognostiziert.
Verblüffenderweise war die Lage in zwölf anderen Bundesstaaten völlig anders - hier gab es einen umgekehrten Bradley-Effekt. Obama erreichte im Schnitt sieben Prozent mehr als in den Umfragen, das liegt oberhalb der Fehlertoleranz. In Georgia wich der reale Prozentsatz sogar 18 Punkte von den Prognosen ab, wie eine von den Forschern im Internet veröffentlichte Grafik zeigt.
"Der Bradley-Effekt ist mutiert", sagte Greenwald. Bislang habe man dieses Phänomen landesweit nicht untersuchen können. Die langen Vorwahlen der Demokraten in 32 Bundesstaaten hätten den Forschern die Chance gegeben, das Phänomen zu analysieren. Ergebnis: Der umgekehrte Bradley-Effekt ist stärker als der eigentliche, nur in drei Staaten beobachtete.
Unentschiedene Menschen tendieren nach Greenwalds Angaben dazu, bei Umfragen ihre Stimme einem weißen Kandidaten zu geben, wenn sie in einer von Weißen dominierten Region leben. Gleiches gelte für republikanische Kandidaten, wenn ein Bundesstaat fest in der Hand der Republikaner sei. Zudem verweist der Psychologe auf die fehlende Anonymität bei Telefonbefragungen: "Die Tatsache, dass der Anrufer ja die Telefonnummer kennt, gibt ihnen nicht gerade das Gefühl, anonym zu sein."
Welche wichtige Rolle die Psychologie in den US-Wahlen spielt, hatten erst im Oktober Forscher der University of Western Ontario im Fachblatt "Science" beschrieben. Bewusst gestreute Falschinformationen und Verdrehungen stärken demnach unbewusste Vorurteile - und beeinflussen unentschlossene Wähler mehr als bisher angenommen. Ein Effekt, der Obama eher schaden könnte, wurde er doch unter anderem als schwarzer Islamist verunglimpft. Sarah Palin warf ihm jüngst Nähe zu Terroristen vor.
Fest steht: Der Ausgang der US-Wahl am 4. November ist hochspannend, nicht nur für Psychologen.
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