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Ungenutzte Medikamente Der Patient, der nicht schlucken will

2. Teil: Kommunikationsprobleme zwischen Arzt und Patient

Je mehr Tabletten aber verordnet werden, desto seltener halten sich Patienten an die Empfehlungen des Arztes. Das zeigte eine Studie, für die Kölner Herzmediziner 2006 insgesamt 100 Patienten mit Herzkrankheiten im fortgeschrittenen Alter befragten. Meist lassen die Patienten jene Medikamente weg, die ihnen subjektiv am wenigsten nutzen und die auch noch unangenehme Nebenwirkungen haben. Etwa die Entwässerungstablette gegen den Bluthochdruck: Sie verursacht Harndrang, der so stark werden kann, dass die Betroffenen sich nicht mehr in die Stadt trauen. Das Schmerzmittel hingegen nehmen sie weiter, denn dessen Nutzen spüren sie unmittelbar.

Nur wenn der Arzt von diesen Problemen erfährt, kann er eine besser verträgliche Alternative verschreiben. Nur muss er die Initiative ergreifen und nach den Nöten seiner Patienten fragen, sonst werden ihm viele von ihren Problemen nichts erzählen. Gerd Glaeske von der Universität Bremen spricht von einer "Bringschuld der Ärzte". Er warnt seine Kollegen davor, sich hinter dem Beipackzettel zu verstecken. Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, fordert die Mediziner auf, die "Patienten in der Realität abzuholen" und sich dabei einer Ausdrucksweise zu bedienen, die diese auch verstehen.

Der Alltag sieht häufig anders aus. Ein Student der Ruhruniversität Bochum hat unlängst Gespräche zwischen Ärzten und Patienten analysiert. Er wollte wissen, wie es Ärzten gelingt, schnell zum Ziel zu kommen. Einige Strategien fielen besonders auf: Ärzte werden laut, sie überfahren Patienten mit unverständlichen Fachausdrücken, lassen sie nicht ausreden, unterbrechen sie immer wieder, stellen Fragen, auf die Patienten nur mit Ja oder Nein antworten können.

Es gebe Studien, sagt Susanne Hepe, "die zeigen, dass Patienten im Durchschnitt nach 20 Sekunden unterbrochen werden, dass Ärzte ungeduldig sind und geschlossene Fragen stellen, um Zeit einzusparen". Wie es besser geht, könnten die Ärzte lernen. Doch das Interesse sei äußerst gering, berichtet Hepe. Deutschland sei in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland: An den Angeboten, sich in Sachen Kommunikation und Gesprächsführung fortzubilden, bestehe so gut wie kein Interesse. Bei der Ärztekammer Bremen habe die erste von zwei Fortbildungen zum Thema "Arzt-Patient-Kommunikation" mit fünf Teilnehmern stattgefunden. Die zweite Veranstaltung wurde abgesagt, weil sich nur drei Teilnehmer gemeldet hatten.

Dieses Desinteresse bekommen die Patienten zu spüren. Und sie merken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ende 2007 präsentierte die Organisation Deutsche Hochdruckliga das Ergebnis einer Patientenumfrage. 20 Prozent der Befragten berichteten, dass der Arzt auf ihre subjektiven Sorgen nicht eingehe. Ausführliche, erklärende Arztgespräche fänden zu selten statt, sagten sie. Und jeder Vierte beklagte, dass ihn der Arzt nicht da rüber aufkläre, was er – zusätzlich oder anstatt der Einnahme von Medikamenten – tun könne, um den Blutdruck zu senken.

Dabei sind Ärzte, die ein neues Medikament verschreiben, verpflichtet, ihren Patienten nicht nur das Für zu erläutern, sondern auch das Wider. Bislang allerdings zögerten die Fachgesellschaften und einzelne Ärzte, "Patienten von vornherein eine realistische Abschätzung von Nutzen und Aufwand eines Therapievorschlags zu erlauben", kritisierte das Deutsche Ärzteblatt.

So ist es kein Wunder, was sich in Umfragen zeigt: Viele Patienten, die ihre Medikamente nicht mehr nehmen, halten den Nutzen einfach für zu gering, um dafür das Risiko von Nebenwirkungen und den Aufwand bei der Einnahme des Arzneimittels in Kauf zu nehmen.

Doch wenn ein Patient seine Medikamente nicht nehmen möchte, "sollte er dem Arzt sagen: Ich bin nicht überzeugt, ich will nachdenken und später noch mal wiederkommen", sagt Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Was aber, wenn der Patient zu einer Entscheidung kommt, die der Arzt nicht teilt? Dann wäre der gute Arzt derjenige, der deswegen nicht beleidigt ist, sondern nach anderen Mitteln sucht. Eine solche Situation käme allerdings fast schon einer Revolution im Arzt-Patienten-Verhältnis gleich.

Funktioniert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, kommt es oft auch gar nicht zu einer Verordnung von Medikamenten. Dann werden etwa viel seltener unnötige Antibiotika verschrieben, ergab eine Studie der Abteilung für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf.

"Ein Patient hat durchaus das Recht, ein Medikament zu verweigern", meint Jan Geldmacher von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg: "Er sollte damit aber offen umgehen, um unnötigen Kosten, aber auch gesundheitlichen Gefahren vorzubeugen."

Manchmal hat sich im Nachhinein auch schon gezeigt, dass es sicherer war, wenn die Patienten ein Medikament nicht nehmen. Denn manche Behandlung, die der Arzt vorschlägt, schadet und kann dadurch Folgekosten verursachen. Vor allem neue, moderne Substanzen, mit denen es erst wenig Erfahrung gibt, bergen mitunter manch böse Überraschung. Patienten, die zum Beispiel das damals neue Schmerzmittel Vioxx einnahmen, mussten wegen dessen gefährlicher Nebenwirkungen, darunter Herzinfarkte, behandelt werden.

Statistisch betrachtet, ist es für ein Fünftel aller Patienten ungesund, ärztliche Anweisungen blindlings zu befolgen. Fachleute wie der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach sehen das ganz nüchtern: "In 20 Prozent aller Fälle ist die Therapie wahrscheinlich nicht nützlich. Diese 20 Prozent machen brav mit – nur leider bei der falschen Therapie."

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