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Kompasse Eine wegweisende Erfindung

4. Teil: "Ein sensibles Messgerät für eine schwache Naturkraft"


Sie fuhren ja immer die gleichen Routen, die Seeleute der alten Zeit, nach Amsterdam, Bremen und Hamburg, nach Visby, Riga und Bergen. Da wusste der Erfahrene dann, was es bedeutet, wenn Wellenbilder wechselten, wo man war, wenn Tiefenlinien sich veränderten, und was man an einer Verfärbung des Wassers ablesen konnte.

Bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts sind Schiffsmannschaften deshalb Schicksalsgemeinschaften, Kollektive, mit denen sich der Kapitän ausgiebig zu beraten hatte. Ein Seegesetz der Zeit verfügte: "Ein Schiff ist in einem Hafen und bleibt, um günstiges Wetter abzuwarten, und wenn es zur Abfahrt kommt, soll der Kapitän Rücksprache mit seinen Seeleuten nehmen und zu ihnen sagen: 'Herren, seht dieses Wetter.' Einer wird dann sagen: 'Das Wetter ist nicht gut', und es wird andere geben, die sagen: 'Das Wetter ist schön und gut.' Der Kapitän ist verpflichtet, dem beizustimmen, worin die Mehrzahl der Seeleute übereinstimmt. Und wenn er es anders macht, ist der Kapitän verpflichtet, das Schiff und die Waren zu ersetzen, wenn sie verloren gehen."

Erst im 16. Jahrhundert, mit der allmählichen Einführung der wissenschaftlichen Nautik, wird der Kompass auch im Norden zum wichtigsten Instrument an Bord. Der Handel expandiert, die Schifffahrt nimmt zu, die neue Nautik entwertet die seemännische Erfahrung, die alte Bordgemeinschaft zerfällt, aus dem Kapitän wird der Boss, aus den Matrosen werden Lohnarbeiter. Mit dem Kompass entwickelt sich eine neue Hierarchie an Bord. Navigationskenntnis wird Herrschaftswissen. Auf die Handhabung von Kompass und Jakobsstab, dem Vorläufer des Sextanten, verstand sich nur der Kapitän. Nur er, der Gottähnliche, konnte das Schiff von A nach B bringen. Nur ihn durfte man keinesfalls über Bord werfen, egal wie stark die Wut gegen ihn war.

Inzwischen ist die Navigation längst wieder enthierarchisiert und demokratisiert. Dank computergestützter Satellitennavigation sieht jeder Laie heute den Standort seines Schiffes auf der elektronischen Seekarte und erfährt exakt, welchen Kurs er zu steuern hat. Einen Kompass braucht er gar nicht mehr. Doch auch der wurde weiterentwickelt. Der "Kreiselkompass", für den Einsatz auf U-Booten ersonnen, wo magnetische Richtungsweiser versagen, 1904 patentiert, arbeitet unabhängig vom Magnetfeld der Erde und kennt keine magnetische Missweisung. Aber er braucht Strom.

Wenn auf der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack, die berühmt ist für ihre schwimmenden Luxusprodukte für die Superreichen dieser Welt, eine neue Megayacht zu ihrer ersten Probefahrt ausläuft, ein 80-Meter-Schiff mit Helikopterlandeplatz, Whirlpool, verglastem Lift, Klimaschränken für 1400 Weinflaschen, Internet-Kapazität für 75 Nutzer, Electronic Anchoring System, Satellitennavigation, dann ist immer noch das allererste Manöver jene Fahrt, die der Einstellung des Kompasses dient. Er ist und bleibt das wichtigste nautische Instrument an Bord, egal ob Küstenjolle oder Containerriese, das einzige, das unabhängig ist von Elektrizität und der Übertragung externer Daten. Der Kompass nutzt nichts weiter als das Magnetfeld der Erde, von dem sich seine magnetische Substanz anziehen und dadurch seine Rose in die Nordrichtung drehen lässt.

Zum Lehrstoff amerikanischer Marineschulen gehört eine Geschichte, die John McPhee in seiner Reportage "Cargo" erzählt: "Ein Handelsschiff verließ Philadelphia in Richtung Südamerika und lief bei Long Island auf Grund. Als das Schiff Delaware Bay verließ, verlor der Kreiselkompass offenbar an Energie und drehte sich immer langsamer, bis er schließlich eine Abweichung von mindestens 90 Grad aufwies. Die Stromzufuhr normalisierte sich wieder, aber der Fehler blieb unkorrigiert. Süden wurde Osten und Norden wurde Westen. Am nächsten Tag lief das Schiff in New York auf Grund. Sie wollten nach Südamerika und rammten Fire Island. Dazwischen lagen drei oder vier Wachen, aber kein Mensch verglich den Kreiselkompass mit dem magnetischen. Diese Geschichte macht eines ganz klar: He, dieser Kreiselkompass ist bloß eine Maschine, und diese Maschine kann versagen. Überprüfe deine Geräte. Vergleiche den Kreiselkompass mit dem magnetischen."

Der ist keine Maschine. Sondern ein sensibles Messgerät für eine schwache Naturkraft, die dem seefahrenden Menschen Stärke verleiht.


Wenn Peter Sandmeyer, Jahrgang 1944, "Stern"-Autor, nicht gerade mit der schnellsten deutschen Yacht von Newport an Amerikas Ostküste nach Hamburg segelt, sticht er gerne mit seinem Boot in die Nordsee. Für mare No. 35 schrieb er "Im Salzland", ein Beitrag über die Welt der Halligen.

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