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Traumatische Erlebnisse Die Kinder des Krieges erinnern sich

2. Teil: "Als ob das Mädchen von damals mit am Schreibtisch sitzt"


Die neue Aufmerksamkeit der Jüngeren hilft den alten Kriegskindern. "Wenn sie merken, dass sie nicht allein sind, bekennen sich die Menschen leichter zu ihrer schweren Vergangenheit", sagt Helga Spranger, die das in Seminaren oft beobachtet hat. Viele ältere Kriegskinder jedoch, die diesen Schritt noch nicht geschafft haben, erkranken irgendwann an den lange verdrängten Erinnerungen. Körper und Seele kommen mit den immer wieder auftauchenden Gefühlen nicht zurecht; oft leiden die Betroffenen ihr Leben lang, ohne die Ursache auch nur zu ahnen. Plötzlich haben sie Rücken- oder Kopfschmerzen, vegetative Störungen, Panikattacken. Häufig seien diese Beschwerden eine späte Folge des Dauerstresses im Krieg, sagt der Bielefelder Forscher Hans-Joachim Markowitsch.

In den ersten Nachkriegsjahren hatten die Menschen andere Sorgen, als sich um verletzte Seelen zu kümmern. Wer überlebt hatte, den konnte es schließlich nicht wirklich schlimm erwischt haben. Dabei fingen die Verletzungen in vielen Fällen bereits vor der Geburt an, wenn der Stress der Mutter über Hormone schon die Entwicklung des Ungeborenen behinderte. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Kinder später ein erhöhtes Risiko für psychosomatische Störungen haben, wenn während der Schwangerschaft nahe Angehörige der werdenden Mutter sterben. Schließlich berichten Psychiater von erwachsenen Patienten, die regelmäßig zwischen zwei und drei Uhr nachts nicht schlafen können - um diese Zeit waren die Mütter während der Schwangerschaft immer in den Luftschutzkeller gegangen.

Nach der Geburt gingen die Belastungen weiter. Ein Kind, das noch nicht sprechen kann, hat keine Chance, die Eindrücke einer Bombenexplosion zu verarbeiten. Es spürt die Furcht der Mutter vor den feindlichen Soldaten, muss vielleicht mit ansehen, wie sie sich in stinkende Lumpen hüllt, um nicht vergewaltigt zu werden. Es war eine harte Generation, die in Luftschutzkellern und zwischen Ruinen heranwuchs. Wer im Bunker nicht weinte, wurde gelobt. Wer auf die Toilette musste, mit dem wurde geschimpft. Ein Viertel dieser Kinder wuchs ohne Vater auf, weil der gefallen oder in Kriegsgefangenschaft war.

Solchen Geschichten zuzuhören, lernen heute die nächsten Generationen, die Kinder und Enkel der Kriegskinder. Und sie entwickeln Methoden, den alten Kriegskindern zu helfen. Zu gern würden sie deren Vergangenheit ändern, wenigstens jene in den Köpfen. Doch sie können sie nur ein wenig abmildern, indem sie den Geschichten lauschen.

Die Psychologin Christine Knaevelsrud vom Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer untersucht zurzeit solche Effekte: an den Wirkungen einer Internet-Schreibtherapie. Die Probanden füllen einen Fragebogen aus, der ihre Erinnerungen auf Schlüsselerlebnisse in der Kindheit richtet, sie schreiben ihre Biografie auf und verfassen schließlich einen Brief an das Kind von damals, um ihm und damit sich selbst Trost zu spenden. "Man kann ein Trauma nicht heilen", erklärt der Frankfurter Psychoanalytiker Werner Bohleber. "Man muss lernen, es kreativ anzuwenden, um mit ihm leben zu können."

Knaevelsruds Therapie richtet sich vor allem an Menschen, deren Erinnerungen nicht von allein zu Tage treten, auch nicht durch den im Alter löchrig gewordenen neuronalen Schutzwall. Mitunter sind die Schrecken so gut versteckt, dass die Therapeuten nur mit Hypnose an sie herankommen. "Es ist erstaunlich, dass allein das Aufdecken einer Erinnerung Entlastung bringt", sagt Bohleber. Möglicherweise würde dabei im Gehirn das Gefühl der Ohnmacht, das die alten Kriegskinder noch immer spüren, wieder mit den Ereignissen von damals verknüpft. Vielen Betroffenen gehe es bereits besser, sobald ihnen die Ursache ihrer Gefühle bewusst werde. Dann beginnen Patient und Therapeut, den gesunden Selbstschutz wieder aufzubauen, das Grauen zu kontrollieren, "sich nicht mehr davon überfluten zu lassen", wie es die Psychiaterin Helga Spranger beschreibt. Im besten Fall schaffen es die Betroffenen so, ihre Erlebnisse aus der Kindheit umzudeuten, was oft heißt, sich von einem für Gewaltopfer typischen Gefühl zu lösen: dem Glauben, sie seien schuldig und hätten damals mehr Widerstand leisten müssen. "Damit suggerieren sich die Opfer, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, die Situation zu kontrollieren", sagt die Psychologin Knaevelsrud, das sei oft leichter zu ertragen als das Gefühl der absoluten Ohnmacht, des Ausgeliefertseins. In der Therapie versucht die Psychologin daher nun "klarzustellen, dass es die Opfer selbst waren, die Schutz gebraucht hätten".

Wie erleichternd es sein kann, die eigenen Erinnerungen mit der Realität abzugleichen, hat auch Gertrud Ennulat erfahren. Als die französische Armee im Krieg in ihr Heimatdorf einmarschierte, stand sie in ihrer Erinnerung mit Mutter und Schwester auf der Straße. Die drei beobachteten, wie die Soldaten Hühner schlachteten, noch Jahre später sieht Ennulat das Blut auf den weißen Federn.

Dann entschließt sie sich, ein Buch über ihre Kindheit zu schreiben - und es wird ihre persönliche Schreibtherapie. Als sie für die Recherche Nachbarn und Bekannte fragt, die den Einmarsch ebenfalls erlebt haben, erfährt sie, dass damals noch viel mehr geschehen ist - und erinnert sich plötzlich auch wieder: an die Soldaten, die in den Keller stürmten, in dem sich Frauen und Kinder versteckten. "Kleider werden zerrissen, Frauen an die Wand gedrängt, auf den Boden geworfen. Der Lauf ihrer Gewehre richtet sich auf die Menschen, ab und zu löst sich ein Schuss", schreibt Ennulat. Die weißen Hühner waren nur eine Ersatzerinnerung, von ihrer kindlichen Phantasie hervorgehoben, um das wirklich Böse zu überdecken.

Gertrud Ennulat hat gelernt, die eigene Vergangenheit zu akzeptieren: "Endlich durfte das Kind, das ich im Krieg gewesen bin, in meine Biografie integriert werden." Beim Schreiben des Buchs ist der 66-Jährigen, "als ob das Mädchen von damals mit am Schreibtisch sitzt."

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