SPIEGEL ONLINE: Als Augen-Physiologe kennen Sie die biologischen Vorgänge in der Hornhaut des Auges genau. Was bedeutet eine Lasik-Operation für das Auge?
Vorbereitung für eine Laser-Behandlung: "Wundheilungsprozesse mit Trübungen und Narben"
Berke: Bei einer Lasik-OP wird die Hornhaut scheibchenförmig eingeschnitten und dann hochgeklappt. Dieses Scheibchen, das "Flap" genannt wird, wächst wahrscheinlich nie wieder richtig an. Anschließend werden unter dem Flap Teile der Hornhaut weggelasert. Es entsteht eine große Wunde im Auge.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist daran so schlimm?
SPIEGEL ONLINE: Die Lasik-Internet-Foren sind voll von Leidensgeschichten über trockene Augen, die bei einem Teil der Operierten - einige Studien sprechen von 20 Prozent und mehr - auch auf Dauer bestehen bleiben. Wie kommt es dazu?
Berke: Das ist leicht zu erklären. Die Hornhaut ist stark mit Nervenfasern versorgt. Eine wichtige Aufgabe dieser Nerven ist es, festzustellen, ob sich trockene Stellen auf der Hornhaut befinden. Über einen komplizierten Reflexbogen, der bis ins Gehirn reicht, wird dann der Tränenfluss in Gang gesetzt. Wenn bei der Lasik-OP durch das Einschneiden der Hornhaut der Reflexbogen gekappt wird, kriegt das Gehirn gar nicht mehr mit, dass das Auge trocken ist und lässt deshalb viel zu wenig Tränenflüssigkeit produzieren.
SPIEGEL ONLINE: Je nach ursprünglicher Fehlsichtigkeit brauchen zwischen drei und 50 Prozent der Patienten selbst nach einer möglichen Nachoperation noch eine Brille. Und bei vielen kommt die Fehlsichtigkeit auch nach Monaten oder Jahren wieder zurück. Woran liegt das?
Berke: Auch das hängt vor allem mit den Wundheilungsprozessen zusammen. Dadurch kann die Krümmung der Hornhaut ansteigen und ihre Brechkraft wieder ändern.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Lufthansa meidet es, Pilotenschüler anzunehmen, die gelasert sind - vor allem, weil sie die Langzeitfolgen einer Lasik für unkalkulierbar hält. Was sind die wichtigsten Langzeitrisiken dieser OP?
Berke: Vor allem eine Aufweichung der Hornhaut, die sogenannte Keratektasie. Für die Betroffenen ist das furchtbar, weil sich ihre Sehschärfe dann von Minute zu Minute ändert. Oft hilft nur noch eine Hornhauttransplantation. Ich habe mich in der letzten Zeit viel mit der Biomechanik der Hornhaut beschäftigt und bin zu dem Ergebnis gekommen: Die Hornhaut ist unter biomechanischen Gesichtspunkten für eine Operation wie die Lasik schlicht nicht geeignet.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
SPIEGEL ONLINE: Zudem sehen wir im Alter ja ohnehin nicht mehr so gut.
Berke: Ja, vor allem auch das Kontrastsehen wird dann schlechter. Ob es nach einer Lasik, die ja ebenfalls das Kontrastsehen beeinträchtigt, dann noch für ein selbstbestimmtes Leben reicht, weiß derzeit niemand. Auch ein Linsenaustausch bei grauem Star wird schwieriger, weil man die Hornhaut dann nicht mehr richtig vermessen kann. Und eine Lesebrille braucht man auch nach einer Lasik - Kurzsichtige oft sogar früher als ohne Laser-OP.
SPIEGEL ONLINE: Allerdings wagen sich die Augenchirurgen jetzt auch zunehmend an die Alterssichtigkeit. Entweder, indem sie ein Auge, das dann für die Nähe zuständig sein soll, leicht kurzsichtig lasern. Oder indem sie eine sogenannte Multifokallinse mit mehreren Brennpunkten implantieren. Damit sieht man mehrere Bilder in der Nähe und der Ferne gleichzeitig scharf, die unerwünschten soll das Gehirn dann jeweils ausblenden.
Berke: Derzeit sind das noch alles Kompromisse. Wenn jemand wirklich anspruchsvolles Sehen, wozu auch das Sehen beim Autofahren zählt, braucht, dann sollte er die Finger davon lassen. Es gibt bessere Alternativen wie multifokale Kontaktlinsen, die man jederzeit absetzen kann, ohne dass es zu dauerhaften Schäden am Auge kommt.
SPIEGEL ONLINE: Was ist der schlimmste Fall einer Lasik-Komplikation, den Sie bislang gesehen haben?
Berke: Das war eine junge Frau Anfang 20, die vor der OP -2,5 Dioptrien kurzsichtig war. Neun Wochen nach der OP war ihre Hornhaut so aufgeweicht und zerbeult, dass sie auf eine Hornhauttransplantation wartete. Sie war dadurch schwer depressiv geworden und in psychiatrischer Behandlung.
Das Interview führte Veronika Hackenbroch
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