Wien - Die große Entdeckung ist ein kleines Stück Papyrus, etwa fünf Zentimeter hoch und drei Zentimeter breit. Das Fragment ist offensichtlich Teil einer rund 1500 Jahre alten Abschrift des Hebräerbriefes, der wohl fälschlicherweise dem Apostel Paulus zugeschrieben wurde. Es stammt aus Ägypten, schlummerte wahrscheinlich über hundert Jahre in den Archiven der Wiener Nationalbibliothek und wurde jetzt entdeckt.
In altgriechischer Schrift sind jeweils einige Sätze aus zwei verschiedenen Passagen des zweiten Kapitels eines Briefes an die Hebräer zu lesen, in der eine Gemeinde bestärkt wird, am Glauben festzuhalten. Das Fragment ist seit Freitag in der Papyrussammlung der Nationalbibliothek ausgestellt und soll bald auch im Internet zu sehen sein.
Unter tausenden Papyri entdeckte der Athener Philologe Amphilochios Papathomas das wertvolle Stück. "Wir können nun erstmals bestätigen, dass die mittelalterlichen Abschriften dieses Kapitels korrekt sind", erklärt der 31-jährige Forscher.
"Es ist unglaublich aufregend, wenn man ein so altes Stück Papyrus in Händen hält, das wahrscheinlich seit Jahrhunderten niemand mehr gelesen hat", so Papathomas. Der Forscher stieß im Spätsommer auf das gut erhaltene Stück Papyrus. Die schöne Buchschrift und die gute Lesbarkeit sagten ihm sofort, dass der Fund etwas Besonderes sein müsse. "Mir war klar, dass ich einen literarischen Text vor mir hatte", sagt der Forscher, "wusste aber erst einmal nicht, was für ein Stück Papier das ist."
Nach eingehender Prüfung mit verschiedenen elektronischen und schriftkundlichen Verfahren in Wien steht nun fest, dass das Schriftstück aus dem 6. Jahrhundert stammt. Es ist Teil einer Seite eines antiken Kodex und auf beiden Seiten beschrieben. "Wahrscheinlich wurde die Abschrift in einem Kloster oder in einer Kirche im mittleren oder südlichen Ägypten erstellt", erklärt Papathomas. Der Hebräerbrief ist bisher lediglich aus wesentlich jüngeren mittelalterlichen Abschriften bekannt.
Die Herkunft des Schriftstückes ist noch nicht ganz geklärt. In der österreichischen Nationalbibliothek lagern seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert 180.000 großteils noch unveröffentlichte Papyri, die systematisch gesichtet und ediert werden. Der Altphilologe Papathomas stieß im Rahmen eines Forschungsprojektes auf den Sensationsfund.
Er vermutet, dass das Fragment aus dem berühmten Papyrusfund der mittel-ägyptischen Oase Fayum stammt. Erzherzog Rainer von Österreich (1827-1913) kaufte den umfangreichen Fund 1883 an und schenkte die Sammlung 1899 dem österreichischen Kaiser Franz Josef zum Geburtstag.
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