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Bau des Empire State Buildings Wettlauf zu den Wolken

4. Teil: "Der Welt erhabenste" Teestube

Allein in den ersten vier Tagen fahren 17.000 New Yorker hoch zur Plattform. Bestaunen "der Welt erhabenste" Teestube mit Soda-Fontäne aus schwarzem Carrara-Marmor. Kaufen im Souvenirladen Postkarten, Briefbeschwerer und Messer mit dem Schriftzug "Empire State Building".

Nun steht das Haus auch für Mieter offen. Techniker haben 58 Personenaufzüge installiert und 5000 Telefone angeschlossen. Im Gebäude öffnet ein eigenes Postamt. Ein Ventilationssystem wirbelt jede Minute fast 30.000 Kubikmeter Frischluft in die Räume. Im sechsten Stock wartet ein voll eingerichtetes Musterbüro - hell und leise - auf Interessenten. Doch die kommen nicht.

Es gebe zahlreiche Anfragen, lässt Smith verbreiten. Aber weiterhin bleibt nur gut ein Viertel des Turms bezogen, obwohl die Mieten in den unteren Stockwerken weitaus günstiger sind als in anderen Gebäuden. Sechs Monate nach Eröffnung ist nur ein einziges Ladengeschäft an der Fifth Avenue vermietet.

Dabei müht sich Smith unentwegt. Bereits für den Bau hat eine PR-Agentur den renommierten Fotografen Lewis Hine engagiert, der die akrobatischen Manöver der Arbeiter festhielt. Smith ließ die Bilder in einem Schaufenster im Erdgeschoss ausstellen. Während das Stahlskelett in die Höhe wuchs, kabelte er unentwegt Fotos und Pressemitteilungen ins Land. Jedes Provinzblatt sollte seine Leser über den Fortgang der Arbeiten auf dem Laufenden halten.

Auch jetzt darf das Empire State Building nicht aus den Nachrichten verschwinden: NBC überträgt live, als ein Orchester die Komposition "Manhattan Skyscraper" aufführt. Interviewt einen Fensterputzer bei der Arbeit, der auf einem Sims über der Tiefe steht. Ab 1932 wird aus einem Radiostudio im Turm jeden Mittwochabend die Sendung "Manhattan Melodies" übertragen. Das Management veranstaltet Tanztees im 86. Stock; die New Yorker kommen bei Sonnenuntergang und genießen den Blick über ihre glitzernde Stadt.

Jedes gekrönte Haupt bittet Alfred Smith auf den Turm, jeden Staatenlenker und jeden halbwegs Prominenten. Er eskortiert Winston Churchill in die Höhe und den König von Siam, den Boxer Max Schmeling und Miss Texas.

Für keinen Marketing-Gag ist sich der ehemalige Präsidentschaftskandidat zu schade: Mit dem angeblichen Häuptlingssohn Sitting Bull junior, der gerade mit einem Zirkus durch die USA tourt, tauscht Smith auf der Aussichtsplattform den Kopfschmuck - Melone gegen Indianerfedern.

1933 hilft sogar Hollywood. In der dramatischen Schlussszene von "King Kong" erklimmt der Riesenaffe mit der "weißen Frau" in der Faust die oberste Spitze des Empire State Building, ehe Jagdflugzeuge ihn mit Maschinengewehren zur Strecke bringen. Nach der Premiere des Films 1933 stürmen besonders viele Besucher auf den Wolkenkratzer. Allerdings weigert sich die Hauptdarstellerin Fay Wray, für ein Foto hinaufzufahren - sie habe Höhenangst.

Doch alle zusätzlichen Aussichtsbesucher trösten nicht darüber hinweg, dass in der andauernden Depression die Mieter ausbleiben. Für Smith wird der Job allmählich zur Bürde.

1933 reist er nach Washington, zu seinem Parteifreund Franklin D. Roosevelt. Smith will erreichen, dass staatliche Institutionen in das Gebäude ziehen - hofft insgeheim vielleicht auch auf einen Kabinettsposten für sich selbst.

Vergebens. Der neue US-Präsident gewährt ihm zwar ein Gespräch, aber bleibt völlig unverbindlich.

Und so schreibt das Hochhaus Jahr für Jahr weitere Verluste. Die Investoren können nicht einmal mehr die vereinbarten Zinsen des Kredits zahlen - sie gehen nur deshalb nicht bankrott, weil der Gläubiger das Gebäude nicht selbst übernehmen will und auf bessere Zeiten hofft.

Erst nach mehr als einem Jahrzehnt verzweifelter Bemühungen erlebt Smith doch noch, wie sich der Turm füllt. In den vierziger Jahren erholt sich endlich der Immobilienmarkt - auch ausgelöst durch den Zweiten Weltkrieg, denn Rüstungsaufträge kurbeln die US-Wirtschaft an.

Zudem ziehen nun doch staatliche Organisationen in den Wolkenkratzer. 1942 mietet eine Abteilung der Preiskontrollbehörde gleich fünf Etagen. Ebenso ein Spirituosenfabrikant mit 800 Mitarbeitern.

Nach und nach kommt so Leben in das Haus. Nun aber bleibt es nachts vom 15. Stockwerk aufwärts verdunkelt, wie alle anderen Wolkenkratzer New Yorks. Auch die Illumination der Turmspitze wird ausgeschaltet. Denn die Silhouetten im Hafen vorbeifahrender Schiffe sollen sich nicht gegen den Lichterglanz der Stadt abzeichnen. So sind sie besser vor deutschen U-Booten geschützt.

Als Alfred E. Smith am 4. Oktober 1944 mit 70 Jahren stirbt, ist das Gebäude zu 85 Prozent vermietet. Endlich wirft es Profit ab - und erfüllt damit seinen eigentlichen Zweck: wirtschaftliche Rendite.

In ihrem jahrelangen Ringen darum haben die Erbauer durch ihre unzähligen PR-Aktionen zudem noch etwas anderes erschaffen: ein Wahrzeichen der Moderne.

Das Empire State Building ist tatsächlich, wie es der Aufsteiger, gescheiterte Präsidentschaftskandidat, kaltgestellte Politiker und geniale Vermarkter Alfred Smith einst erhofft hat, zum berühmtesten Wolkenkratzer des 20. Jahrhunderts geworden.

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