Von Marion Rollin
September 2006. Therapie-Pause, endlich. Hunstein lebt - dank der Chemotherapie. Doch er fühlt sich "wie ein Wrack". Trotzdem hatte er sich gerade zur nächsten Therapie-Phase angemeldet, als frühmorgens das Telefon klingelt.
Antonio Pezzutto, ehemaliger Schüler und nun Hämatologe an der Charité Berlin, erzählt Hunstein von einem Vortrag, den er am Abend zuvor gehört hat: Der Molekularbiologe Erich Wanker vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin berichtete über die Wirkung des EGCG (Epigallocatechingallat) - eines im grünen Tee enthaltenen Stoffes - auf Amyloid-Bildungen; eigentlich ging es in dem Vortrag um die Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, die ebenfalls eine Folge von Eiweißablagerungen sind.
Im Reagenzglas hatte Wankers Arbeitsgruppe nachgewiesen, dass EGCG die Ablagerung von fehlgefalteten Eiweißen bremst. Die Substanz, so Wanker, binde schon kurz nach deren Entstehung an die Eiweiße an und verhindere ihre Verklumpung.
Das hat Pezzutto hellhörig gemacht. "Hunstein", empfiehlt er seinem alten Chef am Telefon, "Sie müssen jetzt grünen Tee trinken!" Der fragt sich: "Warum soll das, was im Reagenzglas passiert, nicht auch in meinem Körper funktionieren?" Und sagt die Chemotherapie ab.
Werner Hunstein, der sich selbst einen "knallharten Schulmediziner" nennt, beginnt nun, grünen Tee zu trinken. Zwei Liter über den Tag verteilt - pro Liter etwa zehn Gramm Teeblätter - was 600 bis 800 Milligramm EGCG entspricht.
Schon nach drei Wochen fühlt er sich besser. Ist es der grüne Tee? Oder der Abbruch der Chemotherapie? Hunstein ist noch skeptisch. Bis Ende September 2006 die ersten Mess-Ergebnisse kommen: nur noch 15 Millimeter Scheidewand-Dicke. Hunstein ist fassungslos. Monat für Monat nimmt die Dicke nun weiter ab. Bis auf zwölf Millimeter, eine für Hunsteins Lebensalter normale Stärke. Sein Herz schlägt wieder kräftig, seine Zunge ist abgeschwollen. Frühjahr 2007. Wieder lädt er seine ehemaligen Kollegen zum Essen ein, berichtet von seiner Tee-Therapie. "Ihr seht, wie gut es mir geht", sagt er. "Das müsst ihr publizieren!" Sie hören kaum hin. "Grüner Tee! Ich bitte Sie!"
Hunstein fühlt sich beschämt. Und wieder wird er aktiv. Schickt den Bericht über seinen Selbstversuch an "Blood", eine renommierte Zeitschrift für Hämatologie, trotz seiner Befürchtung, für einen "esoterischen Spinner" gehalten zu werden. Schon wenige Tage später erhält er die Antwort: "Congratulations!" Hunstein jubelt. Seither erhält er unzählige Anrufe. Herzpatienten mit dicker Scheidewand erzählen ihm von spürbaren Besserungen, seit sie grünen Tee trinken.
Endlich zeigt sich auch die Schulmedizin ernsthaft interessiert. Die Heidelberger Universitätsklinik beginnt eine Studie mit 25 Patienten, die an der Transthyretin-Amyloidose leiden, einer verwandten Erkrankung. Werden die Wirkstoffe, die Hunstein helfen, auch bei den Probanden die Eiweißablagerungen stoppen und sogar auflösen?
An der Charité in Berlin läuft ebenfalls eine klinische Studie über die Wirkung von EGCG an Patienten, die an Multipler Sklerose leiden. Die Ergebnisse des Molekularbiologen Erich Wanker sind inzwischen in "Nature" erschienen, einer der weltweit wichtigsten Zeitschriften für Naturwissenschaften.
Werner Hunstein fühlt sich mit seinen 80 Jahren vital wie lange nicht mehr: "Die Verwissenschaftlichung meines Selbstversuchs geht zügig voran", sagt er mit Genugtuung. "Das mit dem grünen Tee wird eine Erfolgsstory."
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