Von Petra Thorbrietz
Heute hungern Schwangere in Europa höchstens, weil sie möglichst wenig zunehmen wollen, aber auch das kann bereits die Eizellen des Ungeborenen schädigen. In dem Plazentalabor der Universität Jena untersuchen Forscher als Teil des europäischen EMBIC-Teams (Embryo Implantation Control) die Ursachen der allgemein wachsenden Unfruchtbarkeit und studieren dabei auch die Folgen verschiedener Mangelzustände für die Ungeborenen. Wenn die Mutter zu wenig isst, so eines der Ergebnisse, führt das beim Fötus zu einem Dopaminmangel im Gehirn, der im späteren Leben die Ausbildung von Parkinson begüns-tigt. Eisenmangel – daran leiden 40 Prozent der Schwangeren, weil sie größere Mengen Blut produzieren müssen – kann selbst mit Medikamenten bis zum vierten Lebensjahr des Kindes nicht völlig kompensiert werden und fördert bei diesem, ebenso wie das Fehlen von Selen, Asthma.
Umgekehrt bekommen Kinder weniger Allergien, wenn sie von der Mutter gestillt wurden, aber auch der Verzehr probiotischer Lebensmittel wie Joghurt oder Sauergemüse während der Schwangerschaft ist ein Schutzfaktor. Gleichzeitig sinkt bei Kindern das Risiko für einen offenen Rücken, wenn sie genügend Folsäure erhalten. Es steigt die Chance für bessere Sehkraft und ein leistungsfähigeres Gehirn, wenn die Ernährung der werdenden Mutter mehr ungesättigte Fettsäuren enthält.
Die Frage, ob der Lebensstil der Mutter auch die Anfälligkeit für Schizophrenie, die Veranlagung zur Gewalt oder Homosexualität fördert, ist noch umstritten. Kritiker betonen, dass in vielen Studien der soziale Status der Eltern nicht berücksichtigt werde. Und Pränatalexperte Ludwig Janus warnt vor voreiligen Schlüssen: "Was einen Fötus prägt, hängt immer auch von seinen genetischen Grundlagen und vielen anderen Umständen ab. Eine Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft als schwere Krise erlebt, kann durch das Baby dann doch ein Stück Mutter in sich entdecken, während manche Frauen, die sich unbedingt Kinder wünschen, nach der Geburt keine Beziehung aufbauen können."
Sicher ist aber, dass die Gefühlswelt der Mutter auch das Seelenleben des Kindes prägt. "Wir sind Beziehungswesen – alles, was wir können, lernen wir nur über die Aufnahme von Kontakt", erklärt Janus. Der Geburtskanal des Menschen konnte im Verlauf der Evolution mit dem wachsenden Gehirn nicht mithalten, weil ihn die Entwicklung des aufrechten Gangs einschränkte. Also mussten wesentliche Teile der Entwicklung auf die Zeit nach der Geburt verschoben werden. "Das macht uns zu speziellen Wesen", so Janus. "Ein Affenbaby klammert sich selbstständig an seine Mutter, die sich sonst kaum kümmert. Wir brauchen, dass die Mutter uns ansieht, uns anfasst, uns aufnimmt."
Die Annahme oder Ablehnung des Fötus ist die erste, ganz zentrale Erfahrung von Beziehung. Denn nicht nur über die Nabelschnur, auch über seine Sinnesorgane ist der Fötus eng an die Gefühlswelt der Mutter angeschlossen: Wenn sie Angst hat, schlägt ihr Herz schneller, ihre Blutgefäße verengen sich, die Gebärmutter zieht sich zusammen. Der Lebensraum des Fötus wird enger, der Sauerstoff in seiner Blutzufuhr knapp. Gleichzeitig dringen über die Nabelschnur Botenstoffe in seinen Organismus, die ihn biochemisch auf das Gefühl von Angst und Furcht programmieren. Über diesen Umweg hat auch der Vater Einfluss auf das neue Leben.
Erregungsmuster werden vom Gehirn aus gesteuert, und die entsprechenden neuronalen Netze bilden sich vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft aus. Zu diesem Zeitpunkt reagieren Föten auf Geräusche und Stimmen. Sie verknüpfen Erfahrungen wie Schreie oder heftige Bewegungen der Mutter mit negativen Erlebnissen wie einer harten Bauchdecke. Frauen, die während ihrer Schwangerschaft intensivem emotionalem Stress ausgesetzt waren, bringen öfter Schreikinder zur Welt, die auf kleinste Verunsicherungen mit Panik reagieren. Selbst im Grundschulalter zeigen sie noch häufiger Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität. Und auch als Erwachsene reagieren solche Menschen sensibler auf jede Belastung.
Die Gefühlswelt des ungeborenen Kindes wird über biochemische Marker als Reaktionsmuster im Organismus tief verankert – mit gravierenden Folgen. Unerwünschte Kinder, deren Mutter keine Bindung zu ihnen aufbauen kann, produzieren deutlich weniger Oxytocin, das Bindungshormon, das für den Aufbau von Beziehungen, vor allem aber für die Liebe zwischen Mutter und Kind zuständig ist. Selbst wenn sie gleich nach der Geburt in die Obhut liebevoller Pflegeeltern kommen, bleibt ihr Oxytocinhaushalt ein Leben lang geschwächt, weil seine Basis bereits in der Schwangerschaft gelegt wird. "Die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu lieben", so Pränatalexperte Ludwig Janus, "kann so über Generationen weitervererbt werden." Da jede Schwangerschaft immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindrolle mit sich bringt, können traumatische Erlebnisse im Uterus auch noch Enkel und Urenkel beeinflussen. "Die Psychoanalyse", sagt Janus, "beschäftigt sich mit dem Sein, das bereits Sprache kennt. Die große Herausforderung ist jedoch die Phase davor, die uns ganz entscheidend prägt, an die wir uns aber nicht bewusst erinnern können."
Unerwünschte Kinder haben mehr Angst im Leben. Depression, Panikattacken, zwanghaftes Verhalten, Mager- und andere Sucht, können bereits im Mutterbauch angelegt werden – dann nämlich, wenn Nervennetze sich ausbilden, der Hormonhaushalt eingestellt und das Immunsystem reguliert wird. Die drei Faktoren bilden eine Stressachse, die dazu dient, den Organismus an die Herausforderungen seiner Umwelt anzupassen. Von dieser vorgeburtlichen Programmierung hängt ab, wie anfällig der Mensch ein Leben lang für Krankheit ist.
Psychoanalytiker Ludwig Janus sieht jedoch noch ganz andere Konsequenzen: "Die Fähigkeit zum sozialen Miteinander, eine Tendenz zu Kriminalität und Gewalt, aber auch Friedfertigkeit und Empathie werden ganz entscheidend bereits in der Phase vor der Geburt geprägt." In Deutschland würde die Bedeutung der vorgeburtlichen Entwicklungszeit immer noch viel zu wenig erkannt, und die Bedingungen für eine glückliche Schwangerschaft fehlten häufig. "Bei 30 Prozent der Frauen in Deutschland setzen die Wehen vorzeitig ein. Fünf bis acht Prozent haben Frühgeburten. Das sind psychosoziale Signale! Jede fünfte Schwangerschaft endet in einer Abtreibung", sagt Janus. "Da stimmt etwas ganz Fundamentales mit dieser Gesellschaft nicht."
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