• Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.12.2008
 

Großbritannien

Archäologen finden 2000 Jahre altes Gehirn

Von Christoph Seidler

Eine geheimnisvolle Substanz im Inneren eines ausgegrabenen Schädels ließ britische Archäologen stutzig werden: In dem Fundstück entdeckten sie Überreste eines Gehirns, das mindestens 2000 Jahre alt sein soll. Der Schädel könnte eine rituelle Opfergabe gewesen sein.

Berlin - Die Universität im britischen York platzt aus allen Nähten. Deswegen sollen am Rand der Stadt, in Heslington East, neue Gebäude für die Hochschule entstehen: ein neuer Komplex für Juristen, Theater-, und Filmwissenschaftler, ein Sportzentrum mit Schwimmhalle, eingebettet in eine Parklandschaft mit einem künstlich angelegten See.

Doch bevor die Bauleute anrücken durften, bekamen die Archäologen noch etwas Zeit, die zukünftige Baustelle unter die Lupe zu nehmen. Es war eine Untersuchung, die sich gelohnt haben dürfte: Im Frühjahr dieses Jahres hatten die Wissenschaftler bereit das älteste bekannte Tuberkuloseopfer Großbritanniens aus der Endphase der Römerherrschaft zu Tage gefördert. Und nun gelang ihnen ein wohl noch spektakulärerer Fund.

Denn als die Forscher einen Schädel aus dem feuchten Boden bargen, machten sie eine erstaunliche Entdeckung: Beim Schütteln des Fundstücks "bewegte sich etwas in seinem Inneren", berichtet Sonia O'Connor von der University of Bradford im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sie ist Expertin für Konservierung von Weichteilen bei archäologischen Funden und wurde nach der Entdeckung im Boden von York sofort konsultiert.

Die Hoffnung der Wissenschaftler: In dem Schädel könnten die Überreste eines Gehirns die Zeiten überdauert haben. Um den Verdacht zu bestätigen, untersuchten sie das Fundstück in einem Computertomografen im Krankenhaus von York. Die Bilder (siehe Fotostrecke), die die Maschine lieferte, waren spektakulär: Im Inneren des Schädels fand sich eine strukturierte Substanz, die sehr stark an ein - etwas geschrumpftes - menschliches Denkorgan erinnert. "Eindeutig" sei die Substanz der Überrest eines Gehirns, sagte der Neurologe Philip Duffey der BBC.

"Beige bis grau mit der Textur von Tofu"

Eilig wurden weitere Tests angesetzt, die Klarheit bringen sollten: "Wir haben mit einem Endoskop in den Schädel geschaut", berichtet Forscherin O'Connor. Zu sehen bekam sie dabei eine Art Knäuel, aus dem sie eine Probe entnehmen konnte. "Die Substanz ist beige bis grau und hat die Textur von Tofu", berichtet die Wissenschaftlerin.

Die Konservierung des Gehirns ist für die Forscher besonders rätselhaft, weil - im Gegensatz zu Moorleichen - kein anderes Gewebe erhalten ist. Sonia O'Connor berichtet, dass weltweit nur wenige ähnliche Fälle bekannt seien. So hätten Forscher in einem Tümpel in Florida, einem Kloster in den Niederlanden und zwei britischen Ausgrabungsstätten vor Jahren ähnliche Funde gemacht. Doch noch nie sei einer davon so gut untersucht worden, wie der Schädel von York. Das läge vielleicht auch daran, dass Archäologen in vielen Fällen gar nicht bemerkt hätten, was sie vor sich hatten.

Denn nach klassischer Meinung dürfte das Gehirn die Lagerung im Boden kaum überstehen. Die genauen Umstände der wundersamen Konservierung liegen im Dunkeln. Klar ist nur: Der Schädel muss schnell nach dem Tod der betreffenden Person im feuchten Boden verscharrt worden sein, sonst hätte sich das fettreiche Gewebe im Gehirn auf jeden Fall schnell zersetzt. Was im Fall des Schädels von York dafür gesorgt hat, dass die klassischen Abbauprozesse nicht stattfanden, wollen die Wissenschaftler nun herausfinden. Sie glauben aber nicht, dass das Gehirn besonders konserviert wurde. Der Kopf wurde isoliert gefunden; die Archäologen vermuten, dass es sich um eine rituelle Gabe an die Götter gehandelt haben könnte.

Das genaue Alter des Fundstücks kennen die Forscher nicht. Sie schließen aus, dass es sich um Überreste eines modernen Mordopfers oder eines enthaupteten Ritters oder Mönchs handelt. Dazu ist der Schädel zu alt. Die Archäologen berichten, sie seien unterhalb einer Bodenschicht mit Keramik aus der Eisenzeit fündig geworden. Deswegen sprechen sie in ihrer Pressemitteilung von "mindestens 2000 Jahren", die der Schädel alt sein soll. Laut Sonia O'Connor könnte er aber auch deutlich älter sein. Man bemühe sich derzeit, genügend organisches Material für eine genaue Datierung zu finden.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP