SPIEGEL ONLINE: Sieben Jahren dauerte der Krieg um die abgefallene Provinz Germania Magna. Warum zogen die Römer am Ende genervt ab?
Demandt: Denken sie an die Rückständigkeit des Landes, das schlechte Wetter. Tacitus hielt alle Germanen für Ureinwohner. Sein Argument: Wer kommt schon auf die Schnapsidee, in eine Gegend einzuwandern, wo es dauernd regnet und neblig ist.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin gab es in Germanien reiche Bleivorkommen und auch andere Bodenschätze.
Demandt: Mag sein. Doch die Römer hätten zwischen Rhein und Elbe das tun müssen, was Cäsar in Gallien tat: Aufbau einer Infrastruktur, Siedlungen anlegen, Städte bauen, Versorgungssysteme errichten. Selbst Britannien war insgesamt ein Zuschussunternehmen. Die Römer haben dort ungeheure Investitionen getätigt. Aber schon antike Historiker sagten: "Britannien ist überhaupt Quatsch. Das kostet viel mehr, als es bringt." Deswegen wurden auch nur die fruchtbaren Lowlands unter die Herrschaft genommen und nicht Irland und das gebirgige Schottland. Was auch geschreckt haben mag: Die Germanenfrauen waren sehr fruchtbar. Ihr Kinderreichtum sorgte dafür, dass immer neuer Nachwuchs zu den Waffen griff. Rom sprach von der "Gebärmutter der Völker". Es nützte überhaupt nichts, eine, zwei, drei, vier Schlachten zu gewinnen. Die Nachhaltigkeit der Siege war einfach nicht gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Arminius starb durch ein Attentat. Wer steckte dahinter?
Demandt: Der Neid der anderen germanischen Adligen. Sie hatten nicht unbegründet Furcht vor dem Ehrgeiz dieses Mannes. Zudem hat Rom oft mit mit Meuchelmördern zusammengearbeitet. Das war zwar nicht die Regel, aber es ging schon unter Augustus los – von der Intrige bis zum Giftmord. Tacitus sah die beste Chance darin, dass die Germanen sich gegenseitig auffressen. Seine Idee: "Wir müssen sie aufeinander hetzen. Dann sind sie beschäftigt." Die Römer haben es immer wieder geschafft, einzelne Stammesteile auf ihre Seite zu ziehen – oft durch Bestechung. Sie haben gut gezahlt.
SPIEGEL ONLINE: Welches Ziel hatte der Cherusker?
Demandt: Sein politischer Traum? Ich glaube, er strebte einen festen Zusammenschluss im westgermanischen Raum an, sagen wir zwischen Nordsee, Main, Elbe und Rhein. Er wollte das, was 500 Jahre später die Franken schafften: Die Begründung eines festen, dauerhaften Stammeskönigtums neben dem Imperium Romanum. Das hätte allerdings eine Disziplin erfordert, die den Germanen fremd war. Ihre Freiheit hatte immer eine anarchische Komponente. Sie wollten sich keinen Gesetzen unterwerfen, jede Form von Bürokratie lehnten sie ab. Kaum einer konnte schreiben. Wenn Sie ein Steuersystem aufbauen, müssen sie zählen. Konnten die Germanen überhaupt rechnen?
SPIEGEL ONLINE: Sind Arminius Heldentaten also verpufft?
Demandt: Durchaus nicht. Arminius hat die Romanisierung Germaniens verhindert.
SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit der deutschen Sprache?
Demandt: Auch die hätte nicht überlebt. Sie wäre ebenso ausgestorben oder marginalisiert worden. Goethe und Shakespeare hätte es nie gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn umgekehrt der Römer Varus in der Schlacht im Teutoburger Wald gesiegt hätte?
Demandt: Ein interessantes Gedankenspiel. Aber um die Weltgeschichte in andere Bahnen zu lenken, brauchen Sie ein paar Zusatzannahmen. Nehmen wir mal an, das Reich hätte sich bis zur Elbe ausgedehnt. Dann wäre das enorme Bevölkerungspotential der Germanen in das römische Wirtschafts- und Militärsystem eingebaut worden.
SPIEGEL ONLINE: ... was eine enorme Stärkung bedeutet hätte.
Demandt: Diese Kraft hätte wohl ausgereicht, um später die ostgermanische Bedrohung während der Völkerwanderungszeit abzuwehren – all die heranstürmenden Goten, Vandalen und Langobarden, die östlich der Elbe lebten und die nach 400 n. Chr. gegen den Limes stürmten und den Untergang des Römischen Reichs auslösten. Diese Horden wären abgeblockt und die Völkerwanderung im Keim erstickt worden. Und ohne diese zerstörerische Menschenflut hätte das Reich sicherlich überdauert – vielleicht bis heute. Die Völkervielfalt Europas wäre nicht entstanden. Ein absurder Gedanke, aber dann würden wir heute noch in der Spätantike leben.
SPIEGEL ONLINE: Welchen historischen Rang billigen Sie dem Volkshelden zu?
Demandt: In der Ehrenhalle Walhalla bei Regensburg ist das Problem elegant gelöst. Im Saal der deutschen Geschichte sind alle großen Vertreter der Nation als Büsten aufgestellt.
SPIEGEL ONLINE: Arminius ist aber nicht dabei...
Demandt: Ja, aber er steht draußen, ganz oben im Giebelfeld des Marmortempels. Er gehört nicht richtig dazu – und thront doch über allen.
Das Interview führte Matthias Schulz
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