SPIEGEL ONLINE: Warum haben Amerika und Europa die Agrarforschung so vernachlässigt?
Fedoroff: Die westlichen Länder haben den Rest der Welt regelrecht verraten, nach dem Motto: Bei uns gibt es genug zu essen, da brauchen wir keine Agrarforschung mehr. Heute stellt sich heraus, dass wir damit unsere eigenen Sicherheitsinteressen verraten haben.
SPIEGEL ONLINE: Bei dieser Analyse werden Ihre Militärstrategen aber nur müde lächeln, oder?
Fedoroff: Überhaupt nicht, inzwischen interessiert sich bei uns in Washington auch das Pentagon wieder dafür, wie viel Geld wir in Agrarhochschulen in Indien und Afrika investieren. Wir haben bei den Nahrungsmittelprotesten im Frühjahr 2008 einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie instabil eine Welt sein kann, in der sogar die Mittelschichten nicht ausreichend Lebensmittel bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Werden die USA ihre Zuschüsse für die 14 international betriebenen Agrarforschungsinstitute wie versprochen verdoppeln?
Fedoroff: Das wird die neue Regierung entscheiden müssen - ich rate sehr dazu.
SPIEGEL ONLINE: Welche anderen Themen als die der Ernährungskrise werden Sie der nächsten Außenministerin nahe zu bringen versuchen?
Fedoroff: Ich halte es für eine drängende Aufgabe, dass wir in Amerika wieder genug Wissenschaftler und Ingenieure aus der eigenen Bevölkerung heraus heranziehen anstatt einseitig die besten Köpfe aus der ganzen Welt anzulocken. In Afrika gibt es viel berechtigte Kritik daran, dass es eigentlich wir Amerikaner sind, die Entwicklungshilfe bekommen - in Gestalt der vielen hoch qualifizierten jungen Leute, die zu uns auswandern. Im Gegenzug schicken wir den afrikanischen Regierungen dann sündhaft teure Berater, die selten Neues zu erzählen wissen.
SPIEGEL ONLINE: Das wäre eine radikale Kehrtwende, denn die amerikanische Forschung lebt vom Zustrom von außen.
Fedoroff: Wir müssen unsere Forschung so organisieren, wie es an den National Instituts of Health bereits das John E. Fogarty International Center tut. Die Institutsdirektoren holen exzellente Wissenschaftler zum Forschen nach Amerika, haben aber eine Rückkehrrate von 85 Prozent. Das Institut kümmert sich nämlich auch darum, dass die Wissenschaftler weiter gefördert werden, wenn sie wieder in ihrem Heimatland sind, es unterhält ein globales Netzwerk der Forschungsförderung. So sollte es auch an unseren Universitäten laufen, damit wir nicht länger Entwicklungsländern das Wasser abgraben.
SPIEGEL ONLINE: Müssen da auch die Entwicklungshelfer umdenken?
Fedoroff: Unbedingt, ob Weltbank, Währungsfonds oder nationale Ministerien - alle denken immer nur daran, Grundschulen in Entwicklungsländern zu fördern. Das ist wichtig, aber genau so wichtig ist es, in die Hochschulen zu investieren. Starke Hochschulen können dafür sorgen, dass die Probleme eines Landes von innen gelöst werden statt von außen.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorschlag könnte für Amerika teuer werden. Welche Investitionen sind nötig, um genügend junge Amerikaner in die Wissenschaft zu locken?
Fedoroff: Ein viel beachteter Bericht des National Research Council hat 40 Milliarden Dollar für die nationale Begabtenförderung veranschlagt. Dass dieses Geld nie zur Verfügung gestellt wurde, war ein schlimmes Versagen der Bush-Regierung.
SPIEGEL ONLINE: Kann Barack Obama so viel Geld trotz Finanzkrise aufbringen?
Fedoroff: Das wird schwierig, aber es wäre eine der besten Investitionen, die er machen kann.
SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie im Außenministerium die Laborarbeit und die akademische Atmosphäre?
Fedoroff: Ich habe im Außenministerium zum Glück viel mit anderen Wissenschaftlern zu tun, denn wir holen uns jedes Jahr dreißig Nachwuchswissenschaftler und zehn erfahrende Forscher ins Haus, um von deren Expertise zu profitieren. Aber ganz ohne Lab halte ich es nicht aus. Meine Leute an der Pennsylvania State University halten engen E-Mail-Kontakt mit mir. Einmal im Monat fahre ich zur Gruppenbesprechung, um die weitere Forschung zu planen. Dieses Jahr haben wir vier schöne Publikationen hinbekommen.
Das Gespräch führte Christian Schwägerl
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