Von Jens Lubbadeh
Das Verschwinden der natürlichen Selektion hat Folgen. Denn eigentlich hat sie "einen stabilisierenden Effekt auf das Genom von Populationen", sagt Hublin. "Genetische Abweichler werden ausgemerzt - es sei denn, ihre genetische Variante bietet einen Überlebensvorteil." Wenn dieser stabilisierende Effekt schwindet, nimmt die genetische Bandbreite einer Population zu.
Droht uns also doch kein genetischer Einheitsbrei?
"Eigenschaften, die früher unter starker Selektion standen und verschwunden wären, bleiben erhalten und verfestigen sich", sagt Wedekind. Immer mehr Mutationen sammeln sich im gesamten Genpool der Menschen an. Ohne Selektionskräfte, die früher manche dieser Mutationen gnadenlos herausgefiltert hätten, kommt es zu genetischer Drift, zufälliger Veränderung von Gen-Häufigkeiten im gesamten Genpool. Und sie könnte womöglich den Menschen stärker verändern als er glaubt.
Beispiel Zähne: In der Steinzeit waren ihr Zustand ein echtes Killer-Kriterium. Wer nicht mehr kauen konnte, der verhungerte. Heute löst ein Gang zum Zahnarzt das Problem. Zur Not behilft man sich mit dritten Zähnen. Niemand muss mehr deswegen verhungern, er muss allenfalls Nachteile in Sachen sexueller Selektion in Kauf nehmen. Die Folge davon ist aber auch, dass sich Gene für schlechte Zähne verbreiten und ansammeln, und irgendwann Gene für gute Zähne vielleicht ganz verschwinden.
Das muss nicht negativ sein. Denn: "Ein Gen hat immer mehrere Wirkungen", sagt Hublin. "Wir kennen ein Gen, das die Haardicke beeinflusst und auch Auswirkungen auf das Schwitzen und die Zähne hat." Warum wurde es selektiert? Vielleicht aufgrund seiner positiven Eigenschaften auf den Wärmehaushalt des Körpers - und nicht wegen seines Einflusses auf die Zähne. "Ein vermeintlich schlechtes oder neutrales Gen kann also auch positive Auswirkungen haben, die man gar nicht erwartet." Sammeln sich immer mehr Gen-Varianten an, hat das Folgen: "Durch genetische Drift entstehen neue Phänotypen", sagt Wedekind.
"Zum ersten Mal hat eine Spezies Kontrolle über ihr Genom"
Und selbst wenn der Mensch aufgrund der Globalisierung sein Erbgut immer stärker durchmischt und angleicht - Wedekind glaubt, dass "wir auch in einer Million Jahren noch eine sexuelle Selektion haben werden". Sprich: Auch wenn dann möglicherweise in Norwegen die Menschen genauso aussehen werden wie in Nepal - nicht jeder wird jedem automatisch gefallen und mit jedem Nachkommen zeugen wollen. Der sexuelle Selektionsdruck führt letztlich auch zum Drang des Menschen nach immerwährender Jugend und Schönheit. Mit den bekannten Folgen: Heute haben wir plastische Chirurgie, morgen vielleicht Gesichter auf Bestellung. Und in einer Million Jahren womöglich gar keine Alterung mehr.
Und dahin geht die Reise, glauben Wedekind und Hublin. Der künftig größte Evolutionsfaktor in der Entwicklung des Menschen wird der Mensch selbst sein, glauben sie. "Es ist das erste Mal, dass eine Spezies Kontrolle über ihr eigenes Erbgut erlangt hat", sagt Hublin. "Das ist ein sehr starker Einfluss auf die Evolution."
Das muss gar nicht mal durch ausgefeilte Gentechnik sein. "Wir haben immer mehr Kaiserschnitt-Geburten. Früher wären Geburten für Frauen mit einem kleinen Becken höchst risikoreich gewesen", sagt Hublin. Und erst kürzlich wurde in Großbritannien bei einer künstlichen Befruchtung ein Baby ohne ein Brustkrebs-Risikogen gezielt ausgewählt und geboren. "Der Mensch hat die natürliche Selektion durch künstliche ersetzt", meint Hublin - und diese hat gerade erst begonnen: "Die Genetik ist einhundert Jahre alt. Wir stehen noch ganz am Anfang."
Auch Claus Wedekind sieht den Menschen als größten Evolutionsfaktor: "Wenn er wieder eine neue Form von Eugenik zulässt, dann wird er den größten Einfluss auf seine eigene Entwicklung haben." Aber Wedekind bleibt Optimist: "Ich halte das für sehr unwahrscheinlich." So weit werde der Mensch aus ethischen Gründen nicht gehen.
Was wird das Ziel der menschlich gesteuerten Evolution sein? "Die Verlängerung des Lebens ist das große Thema", glaubt Hublin. "Daran wird der Mensch arbeiten. Aber es wird Nebeneffekte geben."
Steve Jones glaubt, dass es soweit gar nicht kommen wird - weil der Mensch sich selbst ein Ende setzen wird. "In einer Million Jahren, ja schon in tausend wird der Mensch wieder Kohlenstoff sein", lautet seine Prognose. "Weil er dumm ist. Und auch Gentechnik wird ihm nicht helfen."
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