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Homo sapiens Wir revolutionieren unsere Evolution

2. Teil: "Die Verlängerung des Lebens ist das große Thema"

Das Verschwinden der natürlichen Selektion hat Folgen. Denn eigentlich hat sie "einen stabilisierenden Effekt auf das Genom von Populationen", sagt Hublin. "Genetische Abweichler werden ausgemerzt - es sei denn, ihre genetische Variante bietet einen Überlebensvorteil." Wenn dieser stabilisierende Effekt schwindet, nimmt die genetische Bandbreite einer Population zu.

Droht uns also doch kein genetischer Einheitsbrei?

"Eigenschaften, die früher unter starker Selektion standen und verschwunden wären, bleiben erhalten und verfestigen sich", sagt Wedekind. Immer mehr Mutationen sammeln sich im gesamten Genpool der Menschen an. Ohne Selektionskräfte, die früher manche dieser Mutationen gnadenlos herausgefiltert hätten, kommt es zu genetischer Drift, zufälliger Veränderung von Gen-Häufigkeiten im gesamten Genpool. Und sie könnte womöglich den Menschen stärker verändern als er glaubt.

Beispiel Zähne: In der Steinzeit waren ihr Zustand ein echtes Killer-Kriterium. Wer nicht mehr kauen konnte, der verhungerte. Heute löst ein Gang zum Zahnarzt das Problem. Zur Not behilft man sich mit dritten Zähnen. Niemand muss mehr deswegen verhungern, er muss allenfalls Nachteile in Sachen sexueller Selektion in Kauf nehmen. Die Folge davon ist aber auch, dass sich Gene für schlechte Zähne verbreiten und ansammeln, und irgendwann Gene für gute Zähne vielleicht ganz verschwinden.

Das muss nicht negativ sein. Denn: "Ein Gen hat immer mehrere Wirkungen", sagt Hublin. "Wir kennen ein Gen, das die Haardicke beeinflusst und auch Auswirkungen auf das Schwitzen und die Zähne hat." Warum wurde es selektiert? Vielleicht aufgrund seiner positiven Eigenschaften auf den Wärmehaushalt des Körpers - und nicht wegen seines Einflusses auf die Zähne. "Ein vermeintlich schlechtes oder neutrales Gen kann also auch positive Auswirkungen haben, die man gar nicht erwartet." Sammeln sich immer mehr Gen-Varianten an, hat das Folgen: "Durch genetische Drift entstehen neue Phänotypen", sagt Wedekind.

"Zum ersten Mal hat eine Spezies Kontrolle über ihr Genom"

Und selbst wenn der Mensch aufgrund der Globalisierung sein Erbgut immer stärker durchmischt und angleicht - Wedekind glaubt, dass "wir auch in einer Million Jahren noch eine sexuelle Selektion haben werden". Sprich: Auch wenn dann möglicherweise in Norwegen die Menschen genauso aussehen werden wie in Nepal - nicht jeder wird jedem automatisch gefallen und mit jedem Nachkommen zeugen wollen. Der sexuelle Selektionsdruck führt letztlich auch zum Drang des Menschen nach immerwährender Jugend und Schönheit. Mit den bekannten Folgen: Heute haben wir plastische Chirurgie, morgen vielleicht Gesichter auf Bestellung. Und in einer Million Jahren womöglich gar keine Alterung mehr.

Und dahin geht die Reise, glauben Wedekind und Hublin. Der künftig größte Evolutionsfaktor in der Entwicklung des Menschen wird der Mensch selbst sein, glauben sie. "Es ist das erste Mal, dass eine Spezies Kontrolle über ihr eigenes Erbgut erlangt hat", sagt Hublin. "Das ist ein sehr starker Einfluss auf die Evolution."

Das muss gar nicht mal durch ausgefeilte Gentechnik sein. "Wir haben immer mehr Kaiserschnitt-Geburten. Früher wären Geburten für Frauen mit einem kleinen Becken höchst risikoreich gewesen", sagt Hublin. Und erst kürzlich wurde in Großbritannien bei einer künstlichen Befruchtung ein Baby ohne ein Brustkrebs-Risikogen gezielt ausgewählt und geboren. "Der Mensch hat die natürliche Selektion durch künstliche ersetzt", meint Hublin - und diese hat gerade erst begonnen: "Die Genetik ist einhundert Jahre alt. Wir stehen noch ganz am Anfang."

Auch Claus Wedekind sieht den Menschen als größten Evolutionsfaktor: "Wenn er wieder eine neue Form von Eugenik zulässt, dann wird er den größten Einfluss auf seine eigene Entwicklung haben." Aber Wedekind bleibt Optimist: "Ich halte das für sehr unwahrscheinlich." So weit werde der Mensch aus ethischen Gründen nicht gehen.

Was wird das Ziel der menschlich gesteuerten Evolution sein? "Die Verlängerung des Lebens ist das große Thema", glaubt Hublin. "Daran wird der Mensch arbeiten. Aber es wird Nebeneffekte geben."

Steve Jones glaubt, dass es soweit gar nicht kommen wird - weil der Mensch sich selbst ein Ende setzen wird. "In einer Million Jahren, ja schon in tausend wird der Mensch wieder Kohlenstoff sein", lautet seine Prognose. "Weil er dumm ist. Und auch Gentechnik wird ihm nicht helfen."

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insgesamt 59 Beiträge
quaf-,- 04.02.2009
Der Mensch in tausend Jahren wird wohl etwas größer sein als heute und es wird wohl weniger hellhäutige Menschen geben . Das sich das Gehirn vergrößert halte ich für nicht sehr wahrscheinlich , warum sollte es ? Wir benutzen doch [...]
Der Mensch in tausend Jahren wird wohl etwas größer sein als heute und es wird wohl weniger hellhäutige Menschen geben . Das sich das Gehirn vergrößert halte ich für nicht sehr wahrscheinlich , warum sollte es ? Wir benutzen doch heute erst einen kleinen Teil des Gehirns , erst mal muss der Rest aktiviert werden .
imagine 04.02.2009
Der Mensch der Zukunft, so es überhaupt ein Exemplar jedes Geschlechts bis dahin schaffen sollte, wird mangels Schutzhülle des Planeten eine Ganzkörper-Schutzhülle benötigen anstatt der Haut. Filter vor Lufteinlässen, akustik- und [...]
Der Mensch der Zukunft, so es überhaupt ein Exemplar jedes Geschlechts bis dahin schaffen sollte, wird mangels Schutzhülle des Planeten eine Ganzkörper-Schutzhülle benötigen anstatt der Haut. Filter vor Lufteinlässen, akustik- und Optiksysytemen gegen Nuklearstrahlung. Und natürlich kann auch ein wenig Optimismus nicht schaden...
nvf 04.02.2009
Das kann doch heute niemand sagen. In sog. 3 Welt Ländern findet meiner Meinung anch noch natürliche Selektion statt. Solange es nicht genug zu essen und viele Krankheiten gibt werden doch mit Sicherheit die [...]
Das kann doch heute niemand sagen. In sog. 3 Welt Ländern findet meiner Meinung anch noch natürliche Selektion statt. Solange es nicht genug zu essen und viele Krankheiten gibt werden doch mit Sicherheit die "bevorzugt", die am besten damit klarkommen. Soviel dazu. Bekommen wir die Ernährung und alles sonstige in den Griff werden wir sicher größer, da genug/mehr Futter vorhanden ist. Bomben wir uns mit nem Atomkrieg ins Mittelalter/die Steinzeit zurück wird's wieder anders aussehen. Die Breite Masse wird sich eh nie sowas wie Selektion von Embryonen u.a. leisten können. Demnach betrifft dies nur eine winzige Minderheit in unserem globalen Genpool, dürfte also relativ egal sein, zumal man davon ausgehen kann, dass sich betreffende Schicht nicht ohne die auskommt, die sich es nicht leisten können. Von daher ist es zwar interessant sich sowas auszudenken und drüber zu grübeln, aber wirklich bringen tut es nichts, von daher wayne!
SpieFo 04.02.2009
Also, wie erfolgreich ist der "Homo Sapiens" bisher? Er ist in weitem Masse anpassungsfähig, als einzige Spezies ist er in der Lage, alle Klimazonen gleichermassen zu besiedeln und darin zu überleben. Auch kann [...]
Also, wie erfolgreich ist der "Homo Sapiens" bisher? Er ist in weitem Masse anpassungsfähig, als einzige Spezies ist er in der Lage, alle Klimazonen gleichermassen zu besiedeln und darin zu überleben. Auch kann er eine Vielzahl von Nahrungsmitteln verwerten; er ist nicht spezialisiert. Und er kann sich die Natur großräumig seinen Erfordernissen anpassen, sei es durch Ackerbau und Viehzucht, sei es besonders durch seine einzigartige Fähigkeit, Mineralien umzuwandeln und neu zu gestalten. Das Alles durch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Sprache und Schrift. ---Zitat--- Steve Jones glaubt, dass es soweit gar nicht kommen wird - weil der Mensch sich selbst ein Ende setzen wird. "In einer Million Jahren, ja schon in tausend wird der Mensch wieder Kohlenstoff sein", lautet seine Prognose. "Weil er dumm ist. Und auch Gentechnik wird ihm nicht helfen." ---Zitatende--- Das alles nützt ihm nichts, denn die gegenwärtige Variante ist leider zu dumm, weit in die Zukunft planen und die Folgen ihres Tuns abschätzen zu können. Dies Fähigkeit unterlag bisher keinem Evolutionsdruck, da die Ressourcen des Planeten noch zum Überleben und Wachstum dieser Art ausreichten. In welcher Form der Homo "Sapiens" die nicht zu leugnende Erderwärmung, den Schwund der Ressourcen(Agrarflächen, Mineralien, vulgo seiner Lebensgrundlagen) und das noch unverminderte Bevölkerungswachstum überleben wird, werden die nächsten Generationen entscheiden. [Anmerkung: Wie gewaltig hat sich die Welt seit 1910 oder seit 1810 verändert! Das sind gerade mal 4-8 Generationen!) Ich meinte vor 40 Jahren, daß nur die Indianer im Amzonas die Katastrophe überleben würden. Das ist ein Trugschluss: Ich ahnte nicht, wie schnell Regenwälder zu Palmölplantagen und der Amazonas zu Sojafeldern umgewandelt werden können, wie sehr die Suche nach Rohstoffen auch nicht vor der Lunge des Planeten Halt machen wird oder wie schnell der Klimawandel selbst einem so gewaltigen Ökosystem den Garaus machen kann(Rem.: Dürreperioden). Mit Gentechnik können wir die Evolution "revolutionieren", aber allen Revolutionären war immer ein baldiges, evolutionär geradezu blitzartiges Ende beschieden. Wie lange dauerte die Französosche Revolution, die Russische Lenins oder die Chinesische Mao Tse Tungs?
Bernd Paysan 04.02.2009
Es gibt überall Selektion. Aber die Selektion in der 3. Welt ist eine andere wie bei uns. In Afrika sterben zur Zeit ganze Völker weg, bis wohl nur noch die übrig sind, die gegen AIDS immun sind, oder sich nicht gegenseitig die [...]
Zitat von nvfDas kann doch heute niemand sagen. In sog. 3 Welt Ländern findet meiner Meinung anch noch natürliche Selektion statt. Solange es nicht genug zu essen und viele Krankheiten gibt werden doch mit Sicherheit die "bevorzugt", die am besten damit klarkommen. Soviel dazu.
Es gibt überall Selektion. Aber die Selektion in der 3. Welt ist eine andere wie bei uns. In Afrika sterben zur Zeit ganze Völker weg, bis wohl nur noch die übrig sind, die gegen AIDS immun sind, oder sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen. Mit der Vermehrungsrate hat das alles recht wenig zu tun - die passt der Mensch an die Gegebenheiten an - sind sie schlecht, viele Nachkommen, weil da wohl die meisten wieder wegsterben, sind sie gut, wenige Nachkommen, um die Resourcen nicht aufzubrauchen (mit einer Wachstumsperiode für den Übergang). Der Großteil der Selektion kommt aber nicht von der Anzahl der Kinder, sondern davon, wer sich tatsächlich vermehrt, und wie oft, wie erfolgreich, und wie gut sich dann diese Nachfahren wieder vermehren (eben sexuelle Selektion). Da kann man jetzt noch gar nichts für oder gegen helle Haut sagen - gerade in vielen Ländern mit vorherrschend dunkler Haut ist die sehr populär, und kann sich durch sexuelle Selektion dann auch potentiell schnell durchsetzen (binnen Jahrhunderten). Wer mag, vergleiche die US-Population ehemals schwarzer Sklaven mit den Hautfarben in den Herkunftsländern, und wird erstaunt sein, was für ein krasser Unterschied das ist - und da haben sich vor 200-150 Jahren nur ein paar Sklavenhalter eingekreuzt. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, nämlich z.B. die Aufspaltung in mehrere Arten. Wenn es einen hohen Druck auf Schönheit in bestimmten Bevölkerungsgruppen gibt, dann kann es ja sein, dass die Hässlichen dort keinen Anklang finden, sich aber untereinander durchaus vermehren. Binnen weniger Generationen können die Geschmäcker dann so verschieden sein, dass eine effektive Fortpflanzungsschranke besteht (dazu ist der Mensch schon allein mit farbigen Punkten auf der Stirn fähig - siehe Kastenzeichen in Indien). Sollte die Fortpflanzungsschranke über einige tausend Generationen erhalten bleiben, kann sich dadurch eine Aufspaltung in mehrere Arten bewirken. Ich würde jedenfalls sagen, dass die Selektion in einem Land wie Deutschland, in dem zur Zeit ca. 40% der Bevölkerung gar keine Kinder mehr haben, durchaus tough ist, und was auch immer dabei herauskommt: Es wird eine eindeutige Richtung haben. Die andere Sache ist die des Gen-Designs. Ich gehe ziemlich fest davon aus, dass es uns Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte gelingt, Nachkommen "nach Wunsch" mit besseren Eigenschaften auszustatten. Das bringt die Evolution auf eine ganz neue Ebene, es ist nach der sexuellen Revolution (Vergrößerung der möglichen Eigenschaften von Nachkommen durch Permutation) ein neuer qualitativer Sprung: Genveränderung durch intelligentes Design.
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