Von Felix Knoke
Ich atme ein: Die Zigarette knistert, Finger aus Rauch greifen bis tief hinab in meine Bronchien, impfen Nikotin ins Blut, verkleben das Gewebe mit Teer. Jetzt geht es mir wieder gut. Es ist der fünfte Januar, meine guten Vorsätze fürs neue Jahr haben nicht lange gehalten. Das geht jedes Jahr so, Gegenwehr nicht möglich.
Doch der US-amerikanische Entscheidungswissenschaftler Ralph L. Keeney will mich eines besseren belehren: Wer seinen inneren Schweinehund überwindet, sagt er, der schlägt der Todesursache Nummer Eins ein Schnippchen - den schlechten eigenen Entscheidungen. Eine gewagte These, aber Keeney hat Zahlen, die das belegen.
Für seine Untersuchung hat der Entscheidungswissenschaftler von der Fuqua School of Business an der Duke University (US-Bundesstaat North Carolina) die US-Todesstatistik aus dem Jahr 2000 analysiert. Damals starben 2,4 Millionen Menschen. Über eine Million davon durch Herz- und Hirninfarkte, Tumore, Erkrankungen der Atemwege, Unfälle, Diabetes, Suizid und Mord. Keeneys Folgerung: An Nummer Eins der Todesursachenliste sollte nicht etwa Alkohol, Nikotin oder Fett stehen, sondern die Summe der persönlichen Entscheidungen, die zu einem frühzeitigen Tod führten.
Für Keeney steht fest: Viele Tode ließen sich verhindern, wenn die Menschen nur lernten, besser zu entscheiden. 55 Prozent der frühzeitigen Todesfälle führt Keeney auf persönliche Entscheidungen zurück, zu denen es ganz praktische Alternativen gäbe: Nichtraucher werden, weniger trinken, Kondome benutzen, mehr Sport treiben. 46 Prozent der Herztode hätten so mit mehr Sport und gesunder Ernährung verhindert werden können. 66 Prozent der Todesfälle durch Krebs mit dem Verzicht auf Alkohol und Nikotin.
Dabei führen nicht nur persönliche Entscheidungen zum eigenen Tod. Laut Keeney mussten im Untersuchungsjahr sechs Prozent aller Menschen sterben, weil sich ein anderer schlecht entschied: Raucher brachten Passivraucher, Kriminelle ihre Opfer, betrunkene Autofahrer andere Verkehrsteilnehmer ums Leben.
Aber steckt hinter jeder Zigarette wirklich eine kleine Entscheidung zum frühzeitigen Krebstod? Ist jedes Glas Whisky schlecht? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE stellt Keeney klar, dass es ihm nicht um gute oder schlechte Entscheidungen geht, sondern um persönliche Entscheidungen, die den Betroffenen oft richtig und konsequent erscheinen: Wer aus Gruppendruck mittrinke, aus Modegründen keinen Fahrradhelm trage, sich aus Angst um seinen frisch gebügelten Anzug nicht im Auto anschnalle, habe durchaus gute Gründe für seine - möglicherweise erst im Rückblick - schlechte Entscheidung, erklärt der Forscher.
Entscheidung als schleichender Prozess
Mit seiner Studie, die Keeney im Dezember 2008 in der Fachzeitschrift " Operations Research" veröffentlicht hat, hat er eine lebhafte Debatte ausgelöst - und Zustimmung aber auch Kritik geerntet. Victoria Brescoll und Kelly Brownell vom Rudd Zentrum für Lebensmittelpolitik und Fettleibigkeit der Yale University bemängeln vor allem Keeneys Forderungen an die Regierung, die Menschen besser aufzuklären und für angeblich richtige Entscheidungen zu belohnen. Den Wissenschaftlerinnen reichen diese Maßnahmen nicht aus, wie sie am Beispiel Übergewicht erklären: Obwohl die Regierung massive Aufklärungsarbeit leistet, die US-Bevölkerung ungeheure Abnehmanstrengungen unternimmt und jährlich bis zu 30 Milliarden Dollar für Gewichtsverlust ausgibt: Die USA bleiben übergewichtig.
Eric Sun und zwei weitere Kollegen von der University of Chicago bemängeln an den Thesen hingegen, dass richtige Entscheidungen anstrengend sein können. Viele Menschen zögen daher ein ungesund-leichtes, kürzeres Leben schlicht einem späten, aber gesünderen Tod vor. Auch der Entscheidungswissenschaftler Jonathan Caulkins von der Carnegie Mellon University findet Lücken in Keeneys Kalkül: Weil viele Entscheidungen in einem schleichenden Prozess getroffen werden - wie etwa jeden Tag eine Zigarette mehr zu rauchen - sind sie schwer zu treffen und schwer zu beeinflussen.
Darüber hinaus sei es natürlich eine Binsenweisheit, dass viele frühzeitige Todesfälle verhindert werden könnten, wenn Menschen nur anders lebten. Die Wahl der Alternativen passiere aber oft unbewusst, falle auch deshalb schwer, weil viele Menschen schlicht nicht wüssten, was die "richtige" Entscheidung sei. Caulkins wirft Keeney vor, er berücksichtige nicht, dass hinter mancher Entscheidung in Wirklichkeit Zehntausende Einzelentscheidungen steckten. Diese Prozesse gelte es zu beobachten und nicht etwa Einzelereignisse: "Man versteht ja auch nichts von einem Fluss, wenn man nacheinander in zehntausend Eimer Wasser blickt."
Ein neuer Blick auf das Thema Tod
Auch Keeney findet, dass aktuelle Modelle der Entscheidungsfindung nicht tiefschürfend genug sind. Er kontert jedoch, er habe vor allem einen neuen Blick auf das Thema Tod vermitteln wollen: "Du hast es mit in der Hand, wie du und deine Familie einmal sterben werden", erklärte Keeney im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Individuum und Staat sollten erkennen: Gute Entscheidungen treffen zu können, ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann - und sollte. Wie man Alternativen erkenne, Zielsetzungen analysiere, Kosten und Nutzen abwäge, all das könne man schon als Kind in der Schule lernen. Vor allem lohne sich die Arbeit an der eigenen Entscheidungskompetenz: "Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen", so Keeney.
Natürlich bestimmt nicht allein der Verstand, was ein Mensch in seinem Leben tut. Die andere Seite bringt Götz Fabry von der Abteilung für medizinische Psychologie der Uni Freiburg ins Spiel: kulturelle, soziologische Aspekte, der Einfluss von Freunden und Familie. "Der Druck kann aufgrund äußerer Umstände sehr hoch sein und im Zweifelsfall den Ausschlag geben." Zu diesen sozialen Faktoren zählt auch, dass Entscheidungen über die persönliche Lebensführung Wertentscheidungen sind. "Ein langes Leben oder Gesundheit sind Werte, die nicht für alle Individuen in gleichem Maße Bedeutung haben", sagt der Mediziner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Genetische Veranlagungen, die das Suchtrisiko erhöhen, mal ganz außen vor gelassen.
Für Fabry haben schlechte Entscheidungen jedoch auch eine gute Seite: "Die Möglichkeit zu irren, sich falsch zu entscheiden und zu scheitern, gehört zum menschlichen Dasein." Das hört sich nach einer Lektion in Demut an. Für mich aber auch nach einer klasse Entschuldigung, warum ich mal wieder mit den guten Neujahrs-Vorsätzen gebrochen habe.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH