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21.02.2009
 

Umweltflüchtlinge

"Irgendwann kommen nicht nur ein paar Boote, sondern Millionen"

Der Klimawandel wird massenhaft Umweltflüchtlinge nach Europa treiben - das glaubt Sozialpsychologe Harald Welzer und warnt davor, dass unsere Demokratien darauf nicht vorbereitet sind. Ein Gespräch über die Angst des Menschen vor Neuem und die Unlust an einem klimafreundlichen Leben.

Frage: Die Weltwirtschaftskrise beunruhigt die meisten Menschen derzeit sehr viel mehr als der Klimawandel es je getan hat. Zu Recht?

Welzer: Obwohl sich bei der Wirtschaftskrise auch Abgründe auftun, wird der Klimawandel hier immer noch unterschätzt. Selbst mit dem Thema beschäftigte Wissenschaftler denken, es ginge primär um Probleme in der Stratosphäre und deren meteorologische Folgen. Viele Menschen denken, dass es in unseren Breiten so schlimm schon nicht werden wird, wenn wir ein bisschen auf unsere Emissionen achten: Dann schiene endlich die Sonne an der Nordsee, und außerdem könnten wir der ganzen Welt Solarzellen und Elektroautos verkaufen.

Flüchtlingsboot vor Gran Canaria: "Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge"
DPA

Flüchtlingsboot vor Gran Canaria: "Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge"

Frage: Ein völlig absurdes Szenario?

Welzer: Selbst wenn wir den konservativen Prognosen folgen und annehmen, dass Mitteleuropa einigermaßen glimpflich davonkommt und die "Tipping Points" nicht überschritten werden - im Süden der Welt wird das anders sein. Das hat Folgen auch für uns. Der Klimawandel wird zumindest in diesen Regionen ohne Zweifel zu sozialen Katastrophen führen, die Auswirkungen bis nach Europa haben werden. Bereits jetzt werden vor den Küsten Südeuropas jedes Jahr Tausende von Flüchtlingsbooten aufgebracht.

Frage: Sind das denn Klimaflüchtlinge?

Welzer: Derzeit dominieren noch die Armutsflüchtlinge. Aber sie zeigen, was auf uns zukommen könnte. Uno-Organisationen prognostizieren in den nächsten Jahren bis zu 150 Millionen Umweltflüchtlinge.

Frage: Solche Prognosen sind spekulativ.

Welzer: Natürlich sind diese Zahlen nicht belastbar, aber sie sind auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Darfur-Konflikt im Sudan etwa lässt sich tatsächlich als Klimakrieg verstehen. Hier zeigt sich eine starke Umweltkomponente bei einer kriegerischen Auseinandersetzung, die wir früher ethnisch oder ideologisch definiert hätten. Erst die anhaltende Dürre, verbunden mit stark wachsenden Bevölkerungszahlen, führte dazu, dass sich schwelende Konflikte zu einem Dauerkrieg ausgewachsen haben. Je nach Schätzung wurden dort in den letzten Jahren zwischen 200.000 bis 500.000 Menschen ermordet. Das Schlimme: Keine der Kriegsparteien will den Konflikt beenden.

Frage: Warum nicht?

Welzer: Wir beobachten dort - wie auch in anderen Krisengebieten im subsaharischen Afrika - eine neue Art von Kriegen. Dort stehen sich nicht mehr zwei klar definierte Armeen gegenüber, sondern es gibt zahlreiche Kriegsherren, die primär gegen die Zivilbevölkerung kämpfen und dabei ökonomische Interessen verfolgen. Sie sind Gewaltunternehmer, die plündern, mit Waffen und Drogen handeln, Lösegelder erpressen und sich nicht zuletzt einen wesentlichen Anteil an den Hilfsgeldern sichern, die in die Region fließen. Nach einer Studie von Oxfam International haben die Kriege in Afrika zwischen 1990 und 2005 rund 211 Milliarden Euro gekostet. Das entspricht etwa der in diesem Zeitraum geflossenen Entwicklungshilfe. In Afrika sind also regelrechte Gewaltökonomien entstanden.

Frage: Die Darfur-Konflikte setzen sich doch auch deshalb fort, weil der Norden dort weder Wirtschafts- noch Sicherheitsinteressen hat. Und die Flüchtlinge schaffen es ja meist nicht bis nach Europa.

Welzer: Das wird sich ändern, wenn der Klimawandel den Migrationsdruck weiter erhöht. Bereits jetzt gibt es laut Internationalem Rotem Kreuz 25 Millionen Umweltflüchtlinge auf der Welt. Was wird passieren, wenn - wie prognostiziert - im Jahr 2050 mehr als zwei Milliarden Menschen unter Wasserknappheit leiden? Oder wenn der Meeresspiegel bis 2100 um 15 bis 59 Zentimeter steigt? Megastädte wie Lagos mit 17 Millionen Einwohnern werden in weiten Teilen überflutet werden. Da wird es eng in Westafrika. Flüchtlinge werden sich nach Europa aufmachen, zur Insel der Glückseligkeit. Das ist wie ein Stafettenlauf: Irgendwann sind die Leute da. Dann stranden nicht mehr nur ein paar Bootchen vor Sizilien, sondern es kommen Millionen.

Frage: Was wird Europa machen?

Welzer: Bereits jetzt reagieren die Südeuropäer gerade auf die Bootsflüchtlinge allergisch, obwohl es relativ wenige sind. Gerade weil die Migranten so große Risiken eingehen, ständig neue Routen suchen und auf Teufel komm raus zu uns wollen, werden sie als gefährlich wahrgenommen. Wenn die Zahlen dann noch größer werden, sie den Wohlstand bedrohen, wächst die Möglichkeit, dass die Staaten mit Gewalt gegen die Flüchtlinge vorgehen werden. Stehen die Fregatten der Bundeswehr dann irgendwann vor der Aufgabe, die Flüchtlingsboote abzuschießen? Ist so etwas undenkbar? Die Sicherung territorialer Integrität war schon immer ein Argument für Gewalt.

Frage: Unsere Gesetze erlauben es nicht, dass der Staat einfach Menschen tötet.

Welzer: Das ist ja das Problem: Auf Verordnungsebene lässt sich ein solches Vorgehen nicht regeln, sondern nur auf Gesetzesebene. Man müsste Menschenrechte einschränken, die zum Kernbestand unseres Rechtsstaats gehören. Das wiederum würde unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten verändern und ganz neue Möglichkeitsräume aufmachen, auch im Innern. Das ist ähnlich wie bei den derzeit laufenden Einschränkungen unserer informationellen Selbstbestimmung: Im Normalfall - bei rechtsstaatlich gesonnenen Regierungen - geschieht nichts weiter. Aber was passiert, wenn die politische Entwicklung einen anderen Weg nimmt, etwa, weil man in eine Notstandsituation gerät?

Frage: Ist unsere Demokratie mittlerweile nicht gefestigt genug?

Welzer: Unsere Gesellschaft ist in der Demokratie angekommen, aber sie hat noch keinen Schlechtwettertest bestanden. Es gibt die begründete Hypothese, dass die Loyalität der Bürger schwindet, sobald das System ihre Versorgungserwartungen nicht mehr erfüllt. Bereits jetzt erodiert die Zustimmung zur Demokratie in Bevölkerungsgruppen, die wirtschaftlich weniger Erfolg haben. Die Finanzkrise wird das Vertrauen in unser System nicht stärken. Da bröckelt so einiges.

Frage: Sollten Demokratien nicht per se leistungsfähiger sein als andere Systeme?

Welzer: Der Erfolg der chinesischen Gesellschaft beruht nicht auf Demokratie. Obwohl die dortige Regierung autoritär ist, nimmt sie die Bedürfnisse der Bevölkerung wahr und reagiert auch darauf. Außerdem hat sie den Vorteil, dass sie einfach planen und exekutieren kann. Wir sehen am Horizont erfolgreiche politische Systeme, die zugleich autokratisch und kapitalistisch sind.

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23.02.2009 von AndyH: Klimakrieg? Klar um Heizöl!

Welzer: Natürlich sind diese Zahlen nicht belastbar, aber sie sind auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Darfur-Konflikt im Sudan etwa lässt sich tatsächlich als Klimakrieg verstehen. Wenn jemals "Blut für Öl" [...] mehr...

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