Frage: Nach der klassischen liberalen Gesellschaftstheorie sollten sich Markt und Freiheit gegenseitig bedingen.
Welzer: Das ist ja das Problem, dass die zuständigen Wissenschaften solche Entwicklungen in den letzten Jahren völlig verpennt haben. Die beschäftigen sich mit Diskursen und Metaproblemen, mit hochkomplexen Foucaultschen Theorien oder mit der Kulturgeschichte des Fahrstuhls. Sie bekommen aber nicht mit, wenn eine ganze Hemisphäre unterzugehen beginnt, so wie 1989 der Ostblock. Damals ist die Gesellschaftstheorie praktisch zum Erliegen gekommen.
Frage: Passiert beim Klimawandel derzeit das Gleiche?
Welzer: Ich denke schon. Man muss die Gesellschaftswissenschaftler regelrecht darauf stoßen, dass die globale Erwärmung auch soziale Folgen haben wird. Dabei geht es nicht nur um die erwähnten Flüchtlingskatastrophen, sondern auch um kulturelle Fragen: Wie zum Beispiel ändert sich die Identität der Schweiz, wenn in den Alpen alle Gletscher weggeschmolzen sind?
Frage: Eigentlich nahe liegende Fragen…
Welzer: Ja, aber offenbar tun sich selbst Fachwissenschaftler schwer damit, radikale gesellschaftliche Umbrüche zu erkennen. Ich vermute, dass dies eine allgemein menschliche Schwäche ist. Unsere Selbstwahrnehmung ist so strukturiert, dass wir nicht wirklich an die Möglichkeit extremer Veränderungen glauben. Abstrakt wissen wir zwar, dass wir vor einem gravierenden Problem stehen, aber dieses Wissen berührt nicht ernsthaft unser Lebensgefühl.
Frage: Warum nicht?
Welzer: Weil es immer noch Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt; weil die U-Bahnen fahren und die Zeitung jeden Morgen im Briefkasten steckt. Die sozialen Routinen bleiben. Und die tatsächlichen Auffälligkeiten denken wir uns weg.
Frage: Geben Sie ein Beispiel!
Welzer: Noch in meiner Jugendzeit war die durch Zecken verursachte Hirnhautentzündung ein rein südeuropäisches Problem. Dann ging es hoch bis zum Schwarzwald, mittlerweile werden die ersten Fälle aus Norwegen gemeldet. Das ist höchstwahrscheinlich eine Folge der Klimaerwärmung. In der Alltagswahrnehmung wird das Problem jedoch mit Schildern in der Apotheke abgearbeitet: "Jetzt Zeckenschutzimpfung!" Mein 14-jähriger Sohn denkt, die Zecken gab es schon immer. So ist das häufig, dass man Dinge für normal hält, die nicht normal sind. Es gibt so kleine Einschläge, aber es liegt trotzdem außerhalb unseres Erwartungshorizonts, dass sich unser Leben und unsere Umgebung fundamental ändern könnten.
Frage: Kafka schrieb am 2. August 1914 in sein Tagebuch: "Heute hat Deutschland Rußland den Krieg erklärt - Nachmittag Schwimmschule".
Welzer: Das Zitat illustriert meine These, dass Katastrophen erst dann in ihrem Ausmaß wahrgenommen werden, wenn sie ausgebrochen sind.
Frage: Nun können Mensch auch aus abstrakten Zukunftsüberlegungen handeln: Sie beginnen mit der Altersvorsorge ohne ein einziges graues Haar auf dem Kopf.
Welzer: Das ist nicht ganz das Gleiche: Die Organisation des Ruhestands ist hoch verregelt, die Rente ist eine selbstverständliche Kategorie der Lebensplanung, Sie kriegen regelmäßig Nachweise über Beschäftigungszeiten usw. Dennoch vernachlässigen viele junge Menschen ihre Vorsorge und werden im Alter ihre persönliche finanzielle Katastrophe erleben. Beim Klimawandel kommt noch die blöde Zeitstruktur hinzu: Was wir jetzt tun, hat erst in 40 Jahren irgendwelche Auswirkungen. Und was soll einen schon eine Prognose über das Jahr 2050 oder 2100 berühren?
Frage: Wenig.
Welzer: Ja, allerdings reagieren die Zuhörer in meinen Vorlesungen bereits anders, wenn ich betone, dass es sich bei diesen abstrakten Daten um die Lebenszeiträume ihrer Kinder und Enkel handelt.
Frage: Vielleicht sind die Menschen abgestumpft, weil die Medien seit 30 Jahren Apokalypsen angekündigt haben, die nicht eingetreten sind - weder beim Waldsterben, bei BSE oder den prognostizierten Hungersnöten in Südostasien.
Welzer: Ein schwaches Argument. Zum einen sind viele Prognosen ja eingetreten, das Artensterben etwa, andere Katastrophen werden folgen. Die Grenzen des Wachstums gibt es nun mal, Ressourcen sind endlich. Punkt. Die Resistenz gegenüber den Warnungen entsteht eher dadurch, dass die ständige Berichterstattung die Katastrophe normalisiert. Beispiel Gaza: Als die Israelis vor Kurzem mit dem Bombardement begannen, folgte der übliche ARD-Brennpunkt um 20.15 Uhr. Jetzt kommt der Konflikt gerade noch vor den Sportmeldungen. Ähnlich verhält es sich mit dem Irakkrieg. Das tägliche Attentat gehört zum Programmschema, das Außerordentliche schafft Normalität.
Frage: Was die Ökologie angeht, haben heute viele zumindest ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine Fernreise antreten.
Welzer: Das ist auch eine Bewältigungsstrategie. Man kann sich sagen, oh, ich habe wenigstens ein schlechtes Gewissen und bin deshalb besser als die anderen. So zementiert man den Status quo, an dem man so sehr hängt.
Frage: Hat der Status quo einen Eigenwert?
Welzer: Ja, Menschen scheuen Veränderungen, sie wollen, dass sich ihre Erwartungen bestätigen. Das Gerüst Gewohnheit ist für unsere Existenzbewältigung von ungeheurer Bedeutung. Jeder Wechsel der Beziehung, des Wohnorts oder des Arbeitsplatzes erzeugt deshalb großen Stress. Diese Angst führt dazu, dass wir die Chancen einer Veränderung hin zu einem klimafreundlichen Lebensstil nicht wahrnehmen.
Frage: Wollen Sie etwa die Freuden des Verzichts predigen?
Welzer: Nein, nein! Die Menschen sollen besser leben. Ich plädiere nur dafür, dass sie nicht aus Trägheit und Verzagtheit den gegebenen Zustand automatisch für den halten, der sie glücklicher macht. Sie sollen das gute Leben suchen.
Frage: Und Sie sagen den Leuten, worin dieses gute Leben besteht.
Welzer: Auf keinen Fall! Es geht um Suchprozesse. Man soll nur ehrlich Bilanz ziehen, worauf verzichte ich eigentlich mit meinem jetzigen Lebensstil? Ein Beispiel: Mobilität gilt als hohes Gut. Aber wenn man die individuellen und sozialen Folgekosten nimmt, sieht das schon anders aus. Mir zum Beispiel geht meine ständige Herumreiserei entsetzlich auf die Nerven, die schrecklichen Mitreisenden in den Wochenendzügen, die demütigende Kontrolle beim Sicherheitscheck am Flughafen. Für mich wäre weniger Mobilität Luxus. So kann jeder in seinem Leben prüfen, was er für Handlungsspielräume hat, die zugleich ihm und dem Klima guttun.
Frage: Glauben Sie ehrlich, dass Sie mit dieser Strategie das Klima retten?
Welzer: Wissenschaftlich bin ich Pessimist, lebenspraktisch Optimist.
Interview: Christian Weber
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